Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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465 schätzt hat. 'das wird von SSe-ael in seiner „Geschichte der Philosophie" Mit Recht und vollkommen treffend dadurchausgedrückt, daß er sie als formalistische Quälerei, „eine mühselige, unnütze Quälerei, die nur das Verstehen Spinozas zn erschweren dient", bezeichnet. Man man die Wahrheit seiner Lehrsätze anerkennen oder nicht: was seiner Beweisführung gänzlich fehlt, ist die — Beweiskraft. Sein Svstem ist ein aus den ersten Blick imposantes. woblae fügte s Gebäude. aber es hat kein Fundament. Die Beweise werden auf Axiome und Definitionen gebaut. Wir wollen über die. Axiome, obwohl sie strittig sind, 'nicht streiten; die Definitionen dagegen enthalten fast alle Sätze, Gedanken, welche erst noch m beweisen wären, weil sie durchaus nicht bewiesen oder, wie Kant sagen würde, nicht beweisbar sind. Sieht man indes von der ganzen Architektonik feines Systems ab und 'prüft nur 'den eigentlichen Lehrgehakt, so wird man bald den 'talmudischen Geist als eine seiner vorzüglichsten Quellen erkennen. Spinoza hatte aber in seiner Jugend unter der Leitung R. Saul Levi Morteiras und Manasie ben Israels nicht nur den Talmud nebst den Schriften des Maimonides, des Gersouides und anderer, sondern auch die Kabbala studiert, nickst obue durch das Studium derselben einen groben Einfluß zu erfahren, wie Sigmund Gelbhaus in seiner eben erschienenen Schrift: „Die Metavbvsik in der Ethik Spinozas im Ouellenlichte der Kabbala" (Wien-Brünn, Mar Hickl, 1918) dartut. Schon Leibniz wies in seiner „Tbeodicee" auf die Bestehungen zwischen der Lebre unseres Philosophen und der Kabbala bin, aber ihm fehlte eine aenaue Kenntnis der kabbalistischen Literatur, weshalb seine Hinweise mehr an der Qberfläche haften. Gelbhaus, der ein tüchtiger Kenner der Kabbala ist. beruft sich darauf, daß Spinoza in seinem 21. Brief schreibt: „Wenn ich sage, daß alles in Gott sei und in ihm sich beweae. w sage ich nichts Neues, saae ich mit anderen Worten dasselbe, was Paulus und auch vielleicht alle Philosophen des Altertums und. wenn man die Behauptung wagen darf, alle alten Hebräer ausgesprochen baben, insoweit man nämlich den vielfach verfälschten Ueberlieferunaen glauben darf", und auf eine Stelle im zweiten Teile der "Ethik", welche lautet: „Dieses scheinen einige Hebräer aleichsam wie durch einen Nebel gesehen zu haben, wenn sie behaupten, daß Gott, die göttliche Intelligenz und die von ihr wabraenommenen Dinge ein und dasselbe seien", "und er kürst hinzu. dies stimme in der Hauptsache mit der Lehre des Kabbalisten Moses Eordwero eines Erklärers des „Sobar", überein. der da sa-cst: „Das Willen des Schöpfers ist verschieden von dem Geschöpfe. denn bei den Geschöpfen ist das Willen vom gewußten Gegenstand unterschieden und sübrt auf Gegenstände hin. die non ihm unterschieden llnd. Dieses wird durch wlgen.de drei Worte bezeichnet: der Gedanke, der Denkende und das Gedachte. Der Schöpfe,,- hrmeaert ist selbst die Erkenntnis. der Erkennende und das Erkannte. Seine Erkenntnismeise besteht wirklich nicht darin, daß er sein Denken auf Dinge, die außer ihm sich befinden, richtet: indem er sich selbst erkennt und weiß, erkennt und weiß er auch alles, was da ist. Es ist nichts vorhanden, das nicht mit ihm vereinigt wäre und das er nicht in seiner eigenen Wesenheit finden sollte. Er ist das Urbild alles Seins, und alle Dinae sind in mm in ibrer reinsten und vollendetsten Form, so daß die Vollkommenheit der Geschöpfe gerade in der Eristenz besteht, durch die sie sich mit dem Urquell ihres Seins vereinigt finden, und nach dem Maße, als sie sich von ihm entfernen, sinken sie auch von seinem vollkommenen und erhabenen Zustand herab." Er hebt ferner im allgemeinen mit vollem Recht hervor, daß Spinoza, wie seine Biographen berichten, als eine Leuchte m Israel galt und daß er kein einziges Thema zum Gegenstände seiner Bearbeitung gewählt hat, das nicht in der rabbinischen und kabbalistischen Th-eoloaie ausführlich behandelt wäre. Diejenigen befinden sich nach seiner zutreffenden Aull Maus einer falschen Fährte, welche behaupten, daß er infolge spiner Exkommunikation alle seine früheren Gedanken ankge- "eben oder förmlich ausunnerzeu aesucht habe. In der Welt Ideen aibt es nun einmal keine Schranken, welche durch Gefühle und Empsindnnaen entstehen. Spinoza bat danach konseauent. von Leidenschaften und Leiden unbeeinflußt, ferne philosophischen Svekulationen in den neuen Berbältnillen fortgesetzt. Vorzugsweise beruhen die leitenden Gedanken seiner Svekulationen auf de" esot.erisch--kabbalistischen Theorien oder auf der mvstischen Dheosophie. Es aab nämlich im Judentum feH uralten Zeiten eine philosophische Doktrin über das Wesen Gottes, die Entstehung der Welt, den Weltaeist. dotz menschliche Leben, die Seele, die Vorsehung und andere Materien, die man bk altiüdische Tbeosovhie nennen kann. Die iüdische mvstifche Reli-aionslebre. welche hauptsächlich im ..Buche des Erschaffens" und im „Glanz" niedm'aelegt ist, lehrt das Dasein eines einzigen höchsten Gottes, der sich dem menschlichen Verstände durch Attribute geoffenbart hat, welche Sedhirot. Prinzipien, genannt werden, deren bekannte' Aalst zelm ist. Ein jedes dieser Prinzipien drückt das Wesen Gottes auf ewige, unendliche Weite aus. Es -gibt auch andere Prinzipien, deren Zahl sehr groß ist. die aber vom Verstände nicht einmal annäherungsweise voraestellt oder -erfaßt werden können. In den zehn Attributen allein erfaßt der Verstand die alleinige und einzige Substanz, das ist die Idee des Wesens Gottes, dessen Manifestationen die Objekte der Welt in ihren mannigfaltigen Gestaltungen sind. Die -erste der Sephirot ist der Geist des lebendigen Gottes, also das Denken, und die zweite, der im biblischen Hebräisch unter anderem ausdrücklich die Richtung. Ausdehnung bedeutende „Hauch". Denken und Ausdehnung sind in der Kabbala eigentlich die wesentlichsten Eigenschaften Gottes, die vom Menschenverstände erfaßt werden, denn die Weisheit ist der Ausgangspunkt des menschlichen Verstehens und die Ausdehnung ist die unerläßliche Bedingung alles Erfassens seitens des endlichen Verstandes. Und in der „Ethik" wird ausdrücklich hervorgeboben, daß die zu besprechenden Attribute nicht alle Attribute Gottes sind: sie lehrt das Vorhandensein vieler Attribute, von denen zwei. Denken und Ausdehnung, cogitatio und extensio, erörtert werden sollen. Die Weisheit oder das Denken erscheint in der Ethik wie in der Kabbala fast gleichmäßig erklärt. Die Kabbalalehre über die Substanz war für Spinoza eine eminent maßgebende. Dies ist bei seiner Lehre über die Beziehung der Substanz zum Weltall im Auae zu behalten. Bei den vermittelnden Ursachen zwischen der unendlichen Substanz, den unendlichen Attributen und den endlichen Dingen des Universums hat er die Ansicht der Kabbala durchaus akzeptiert. Er setzt die Bekanntschaft derselben beim Leser voraus, denn er bewegt sich in betreff der ontologischen Auffassung der Substanz und der Attribute sowie der Wirkungen derselben ganz im -Fahrwasser der Kabbalalehren. Es besteht jedoch insofern ein Gegensatz zwischen Spinoza und dem Sohar. als bei jenem die natura naturota ein Produkt der Notwendigkeit, eine notwendige -Folge der Natur Gottes ist. bei diesem aus einem freien Willensakt Gottes hervorgeht. Während. in der Kabbala der Wille Gottes alles beherrscht, stellt die Ethik die Willensfreiheit überhaupt in Abrede. Nach der Lehre der Kabbala ist der Mensch der Mittelpunkt des Weltalls, das ganze Universum findet seine Vollendung erst in ihm. Er ist nicht nur irdischer, sondern auf Erden schon zugleich geistiger Natur, weshalb er schon hinieden einen Einfluß auf die überirdische geistige Welt hat. Dies wird durch die Wesenheit der Sephirot erhärtet, -die, obwohl individua-