Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Vernunft werden sie auf die Dauer nicht widerstehen können. Vielleicht, daß mit der Zeit so eine Umwandlung des öffentlichen Geistes erfolgt, soweit es das Judentum betrifft. Nach dem Bibelwort sind wir verpflichtet, zur Belehrung und Aufklärung irrender Mitmenschen das unsrige zu tun. Im III. Buch Moses 19, 17 heißt es: „Belehren und zurechtweisen sollst du deine Mitmenschen, damit du dich (durch Unterlasiung dieser Pflicht) an seinen Verfehlungen nicht mitschuldig machst." Wer aber soll diesen Kampf gegen die zahllosen Unrichtigkeiten. Entstellungen und Verdrehungen führen und woher sollen wir di? erprobten Waffen hierzu nehmen? Nun, eine neue Rüstkammer tut sich auf und neue Kämpfer sollen uns erstehen oder die alten sollen doch mit besseren, schneidigeren, wirksameren Waffen versehen werden. Der Verband der Deutschen Juden veranstaltet in den ersten Tagen des Monats Oktober einen Kursus?tir Unterweisung in apologetischer Behandlung jüdifchreliaiöser Themen. Es wird auf eine Zuhörerschaft aus den Kreisen der jüdischen Theologen, Lehrer und Lehrerinnen, der Mitglieder der akademischen und Jugendvereine und anderer gebildeter Glaubensgenossen gerechnet. Von dieser Schar geschulter und für den Zweck der Verteidigung und Abwehr wohl ausgebildeter Kämpfer soll ein Strom von Belehrung und Aufklärung ausgehen, der sich in alle jüdischen Volkskreise ergießt und hier segensreiche und fruchtbare Wirkungen auslöst. Einmal wird es gut und nützlich sein, die Juden mit größerem Selbstbewußtsein 21t erfüllen, was, wenn dieses nicht zur Aufgeblasenheit und Ueberhebung herabsinken soll, lediglich durch erböbte Würdiauug ihrer religiösen, sittlichen und allgemein kulturellen Schätze geschehen kann, und dann muß das vorhin genannte Offizierkorps auch seine Beerhaufen haben, die, in der Hinteren Front und in den rückwärtigen Stellungen verharrend, doch auch für den Abwehrkampf fähig gemacht werden sollen. Wir können schließlich in diesem Kampfe für unsere heiliasten Güter niemand entbehren, der iraendwie geeignet ist, Hilfsdienste zu tun. Die ungelehrten Stände, ich denke vor allem an den bei uns weit verbreiteten Kaufmannsstand, geben Gleichfalls vorzügliche Hilsstruppen ab. Es können der treuen und aufrechten Kämpfer niemals zu viel vorhanden sein. Ein Heister Kampf wird, wenn nicht alles täuscht, nach dem Kriege beginnen: es wird ein Kampf sein auf Leben und Tod und es wird gerungen werden um nichts weniger und nichts in ehr als um die deutsche Volksseele. Und da unsere unerbittlichen und unversöhnlichen Gegner keine moralischen Bedenken gelten lassen und in der Wahl ihrer Kampfmittel nicht wählerisch sind, so müssen auch wir stets zur Stelle sein und wirksame Gegengifte einträufeln, wo die Volksseele durch Gift und Galle allerhand Böllenspuk verwundet und sittlich zu Tode kuriert werden soll. Das deutsche Volk ist in seinem Kern freilich zu gesund, um sich von schillernden Phrasen, blendenden Schlagworten und hohlen Rassentheorien aufreizen zu lasten. Wer auch der gesunde Organismus kann infolge von außen her eingedrungenen Fremdkörpern erkranken und selbst zugrunde gehen, wenn nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden. So erwächst uns die Pflicht, beizeiten die inneren Heilkräfte gegen die drohende Gefahr wachzurütteln, und wir zweifeln nicht, daß die Volksseele die ihr eingeimpften Schädlichkeiten überwinden und ausstoßen wird. Welchen Erfolg die gesteigerte Tätigkeit und die Geltendmachung des Judentums auch immer haben mag, der eine Erfolg ist uns sicher, der Erfolg, den jeder Kampf um seine Selbstbehauptung und Selbstwürde zeitigt: Wir werden geistig wachsen und reicher werden, an inneren Werten zunehmen, mit noch größerer Liebe zu unserer Religion stehen und verstärktes Selbstvertrauen gewinnen. Darum ist in den letzten Jahren erst schüchtern, dann lauter und lauter der Ruf Nach dem apologetischen Unterricht erschollen. Obwohl beachtenswerte Vorarbeiten über Apologetik erschienen find, schien die Verwirklichung dieser von führenden Pädagogen erhobenen Forderung vorerst noch ein frommer Wunsch zu sein. Nachdem der Verband der Deutschen Juden aber diese Forderung zu feiner eigenen gemacht hatte, schritt er schnell zur Tat, wobei er für die Ausführung des Planes die besten Kräfte, Meister der Wissenschaft und der Forschung, der vergleichenden Religionsbetrachtung und vornehmer Darstellungskunst, gewann. Nicht zum Angriff wird geblasen, sondern zur Abwehr. Ms man vor vier Jahren den Verteidigungscharakter des uns ausgenötigten Krieges proklamierte, da strömten die Freiwilligen in hellen Haufen herbei, ihre Zahl überstieg bald den notwendigen Bedarf, und ganze Scharen mußten in unbefriedigtem Abwehrdrang wieder zu ihrem bürgerlichen Beruf zurückkehren. Auch wir brauchen ein zahlreiches Heer und tapfere Kämpfer für den uns aufgedrungenen Verteidigungskrieg, der wohl nie die ihm gefetzte Grenze der Ab- und Notwehr überschreiten wird. Die Waffen, mit denen gekämpft wird, sind rein, ohne Tadel und unvergistet, denn es ist die Wahrheit selber, die hier sicht. Leicht und angenehm ist der Kampf nicht und auch nicht "on kurzer Dauer, denn leider hat die Lüge nicht immer kurze Beine, wie ihr das Sprichwort fälschlich nachsagt. Der Sieg der Wahrheit ist aber sicher, weil die Wahrheit nicht untergehen und nicht totgeschlagen werden kann, wofür das Judenrum. das alle Lügen überlebte und an feinem blanken Schilde zerschellen sah. ein vollgültiger Beweis ist. Recht und Wahrheit aber reichen zur allmählichen Zermürbung der Lügengeister schließlich aus. Wie sagt doch unser herrlicher Altmeister Zunz? „Die Wahrheit (allein) ist mächtig genug, ohne Anmaßung und Unrecht über Anmaßung und Unrecht den Sieg davonzutragen." Spinors mM die Lsbdala. Don I. B. Münz. oriz L a z a r u s nennt Spinoza einen Talmudjünger. Die äußere Tatsache steht fest, sie hat aber auch als innere Tatsache eine wesentliche Bedeutung, die von seinen Biographen noch wenig, nur ganz flüchtig erörtert ist. Es sollte einmal, meint der Begründer der Völkerpsychologie, einer, der in de« talmUdifchen Geisteswelt heimisch ist, eine Untersuchung darüber anstellen, welchen Einfluß Spinozas jugendliches Talmudstudium aus seinen Lehrgehalt ausgeübt hat. Er brauchte sich dadurch nicht beirren zu lassen, daß Spinoza selbst gleich manchen anderen Denkern sich des Zusammenhanges seiner Gedankenschöpfung mit seiner früheren geistigen Ausbildung nicht bewußt gewesen ist. Er hat sich in die cartesianische und besonders in die mathematische Denkform gestürzt, er hat sich geradezu in sie verliebt, da sie von seiner früheren Denkform so weit abwich und so viel Anziehendes besitzt. Im Talmud ist die Denk- und Redeweise immer lakonisch, oft allegorisch oder phantastisch, nicht selten rätselhaft; ihr gegenüber nahm die klare Bestimmtheit des modern-philosophischen Gedankenganges, im besonderen des Cartefius und seiner Schüler, ihn gefangen; er glaubte, durch ihn sich auf dem sicheren Pfade zum Ziele der Wahrheit zu befinden. Er hat darum auch sein Hauptwerk, die „Ethik", nach mathematischer Art mit vermeintlicher strenger Beweisführung vorgetragen. Wie sehr er aber diese Form deS Denkens über-