Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 listisch gedacht, in Wirklichkeit dennoch eine unzertrennliche Einheit bilden. Jede einzelne ist nicht nur von einer anderen, sondern alle sind von allen abhängig. Schon vor der irdischen Geburt des Menschen ist seine Idee bereits vorhanden und mit seinem körperlichen Erscheinen nimmt diese Idee als Gestalt die Form des Körpers an. Die Seele ist die Idee des Körpers, sie bildet mit ihm zeitweilig eine Einheit. Nach Auf-. lösung des Körpers kehrt die Seele als früher schon vorhanden gewesene Idee desselben in den Quell des Urgeistes zurück. Der Körper ist aber auch für die konkrete Anschauung die Idee der Seele, weil er mit ihr, wenn auch nur vorübergehend, eine Einheit bildet. Aehnliche Gedanken finden sich in der Ethik. Was die Kabbala in orientalisch-allegorischer Form vorträgt, das lehrt die Ethik in mathematisch-ontologischer Weise. Dies zeigt sich auch deutlich bei dem ^mor Dei intellectualis, der den Höhepunkt und den ethischen Kernpunkt der ganzen Geheimlehre bildet und darum mit ganz besonderer Emphase dargestellt wird. Die Liebe erstrahlt der Kabbala als das Geheimnis der Gotteseinheit. Sie ist es, welche die höheren und niederen Stufen der Frömmigkeit aneinander knüpft, alles auf jene Stufe erhebt, wo alles eins sein muh. Ikdrm Äss Lririige (13.Forts.) Roman von M. Pulvermann. incs Abends kam es über mich, plötzlich, das mich bis zum nächsten Morgen peinigte, obwohl Sie — nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich so offen zu Ihnen spreche — nicht nach jedermanns Geschmack sind und obwohl ich es mir nie vorher habe träumen lassen, daß ein Mädchen wie Sie mich so fesseln und alle meine Grundsätze über den Hausen Wersen könnte. Ich fürchtete immer, eines T nies wahrscheinlich bei einem der vorlauten, aufgeputzten Mädchen hängenzubleiben, bis ich — Sie, Alice, gesehen! Da hatte ich kein Auge und kein Ohr für die anderen. Daraus aber können Sie entnehmen, daß ich doch kein solcher Narr bin, um mich von einer jener Sorte einfangen zu lassen. Spricht dies nicht ein wenig für mich, Alice?" Sie wußte nicht, sollte sie über ihn lachen, ihn bemitleiden oder ihm etwa gar zürnen. Hier war ein Mensch, der siegreich aus dem Lebenskämpfe hervorgegangen, wo Hunderttausende unterliegen, und derselbe Mensch bemühte sich hier, seinen Scharfsinn dadurch zu erkennen zu geben, daß er sich in ein einfaches, simples Mädchen über die Ohren verliebte. Sie sah ihn scharf an und sprach: „Herr Burger, ich bin entschlossen Sie zu heiraten, wenn ..." Ein Freudenrus von seinen Lippen unterbrach sie. Doch sie winkte abwehreud mit der Hand und fuhr fort: „Wenn Sie noch die Lust dazu verspüren sollten, nachdem ich Ihnen auch meine Gründe für meine Einwilligung mitgeteilt. Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns über diesen Punkt vorher klar werden." Er nickte ihr verständnisvoll zu. Sie sprach weiter und berührte bald ungescheut den Kern der Sache. „Da ist zunächst meine Schwester Stella, die sich einbildet, daß ich ihr im Wege stehe. Ihretwegen bin ich rn großer Unruhe. Sie ist noch so jung und sehr lebhaft. Ich fürchte, daß ihre Drohung, uns eines Tages heimlich zu verlassen, keine leeren Worte sind. Ich möchte es nicht auf meinem Gewissen haben, wenn sie eine Dummheit begeht." „Das stimmt," murmelte er leise. >,Die nächste Ursache ist natürlich mein Bruder Julius. Als Ihr Schwager wäre er vielleicht zu. dem Anspruch berechtigt, sich bei Ihren Geschäften und Unternehmungen zu beteiligen. Bei seiner eigenen Unselbständigkeit kann er den Weg des Lebens nie allein gehen. Die letzte Katastrophe hat ja dies bestätigt, obwohl ich . vorhin anderer Ansicht war. Ich hielt es für eine kleine Komödie.und bitte Sie deshalb um Entschuldigung. Was ihm jetzt passierte, kann sich bei ihm noch, öfter wiederholen. Ich erwarte nicht viel von ihm und er selbst erwartet noch viel weniger von sich. Armer Junge! Ich möchte daher seine Zukunft sichern, was Ihnen nicht schwer fallen dürfte. Das, Herr Burger, sind meine Gründe. Sie sehen, daß auch ich ganz offen zu Ihnen spreche, und ich erwarte von Ihnen noch weitere gleiche Offenheit." „Die sollen Sie haben," sagte er mit einem Seufzer, „indem ich Ihnen erkläre, daß Bettler nicht wählerisch sein dürfen." Sie atmete tief auf und preßte die Hand aus die Brust. Sie hatte jetzt alle Pfeile verschossen und mußte sich nunmehr ergeben. In Gottes Namen! Sie reichte ihm die Hand, die er mit einem Freudenrus erfaßte, ohne aber, als Merkmal seines Eigentums, seinen Mund aus ihre Lippen zu drücken. Sie biß die Zähne zusammen und bot ihm ihre Wange dar, die er leise, mit knabenhafter Schüchternheit berührte. Bald aber entzog sie sich ihm und sprach hastig: „Ich habe noch etwas vergessen." Aengstlich schlug er seine Augen zu ihr auf. „Ich möchte, daß es mir überlasten bleibt, den Zeitpunkt unserer Verbindung zu bestimmen." „Aber selbstverständlich, mein — mein — geliebtes Mädchen! Schieben Sie diesen Tag hinaus, solange Sie nur wollen, meinetwegen sechs Wochen, wenn es sein muß, auch acht!" Sie runzelte die Stirn. „Sechs Wochen? Ich wollte zwölf Monate Vorschlägen." „Zwölf Monate!" wiederholte er sinnend. Seine Lippen spitzten sich, und er ließ ein leises Pfeifen vernehmen. „Haben S . . . Hast du auch für diese Verzögerung einen besonderen Grund?" Er gab sich die größte Mühe, seinen Unwillen und seine Traurigkeit zu unterdrücken. „Jawohl", erwiderte sie schnell. „Ich will Zeit haben, uni die vorhin erwähnten Gründe für meine Einwilligung überflüssig zu machen." Er sah sie verständnislos an. „Ich will Zeit haben, dich lieben zu lernen, bevor ich deine Frau werde." Sie hatte Erfolg, und er war wie betäubt. „Das ist ein sehr guter, ein ausgezeichneter Grund. Alice, darauf wollen wir uns die Hände reichen!" Sie gehorchte und reichte ihm abermals die Wange hin, die er mit mehr Mut herzhaft küßte. „Wenn du nichts einzuwenden hast, möchte ich mich jetzt auf mein Zimmer begeben." „Einwenden? Ich? Du glaubst doch überhaupt nicht, daß ich bei deinem Tun und Lasten irgendwelche Einwendungen machen werde, nachdem du mir vorhin das gesagt!" Langsam verließ sie das Zimmer, um aber bald ihre Schritte zu beschleunigen, als sie Stellas schrille Stimme vernahm, die aus dem Zimmer der Mutter an ihr Ohr drang. Sicherlich machte sie sich dort über die Szene lustig, die sich eben im Speisezimmer abgespielt. Erst als Alice sich in ihren: eigenen Zimmer befand, siel es ihr ein, weshalb sie eigentlich hergekommen war: sie wollte mit ihrer Scham allein sein, da sie die Heiligkeit des Verlöbnisses mit einer Falschheit besudelt, daß sie seine Zustimmung für die Verzögerung des Hochzeitstages durch Vorspiegelung unwahrer Tatsachen erlangt. Der