Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Die Zeitungen melden folgendes: W a r s ch a u, 14. September. Das Komitee der Ostjuden wandte sich unlängst aus Anlaß der in Warschau und Lodz durch die geheimnisvolle „Armee der Befreiung" verbreiteten Aufrufe, die zu antijüdischen Exzessen aufforderten, an Graf Ronikier, den Vertrauensmann der polnischen Regierung in Berlin, mit der Bitte um Einholung von Informationen in Warschau über den Charakter und Verlauf der letzten Vorfälle und über den Standpunkt der Regierung. Zu Händen Ronikiers gelangte die folgende Antwort des Departements für äußere Angelegenheiten: Warschau, 11. Juli 1918. Auf wiederholte Anfrage gestattet sich das Departenrent den Standpunkt hinsichtlich der letzten Vorfälle auf dem Gebiete der jüdischen Frage ausführlich darzulegen, wobei es kategorisch seststellt, daß der Polnischen Regierung alle antisemitischen Tendenzen fremd sind und daß sie auf der Basis völliger Gleichberechtigung der Bürger des Polnischen States ohne Rücksicht auf Abstammung und Bekenntnis steht. Hinsichtlich der durch die Abgeordneten Noske und Cohen im Reichstag eingebrachten Interpellationen betreffs Programmaufrufe in Warschau und Lodz ist zu beachten, daß solche Aufrufe tatsächlich erschienen sind, daß sie aber bei der erdrückenden Mehrheit sowohl der christlichen wie der jüdischen Gesellschaft keine Beachtung gefunden haben. Hinter diesen Aufrufen steht keine ernst zu nehmende Partei oder politische Gruppe und auf der Sitzung des Warschauer Stadtrats wurden sie offen als provokatorische Arbeit gebrandmarkt. Es muß ferner beachtet werden, daß der erwähnte Vorfall keinen der jüdischen Vertreter im Staatsrat zu einem Protest gegen die polnische Negierung veranlaßt hat und daß diese Vertreter in ihren Programmreden bei Eröffnung sich auf den Boden der polnischen Staatlichkeit und völliger Loyalität gegenüber der polnischen Regierung gestellt haben. Das Departement arbeitet an der Herausgabe eines Buches über die jüdische Frage in deutscher und französischer Sprache. Es soll die Toleranz der polnischen Negierung darlegen und ihren jedem Chauvinismus abgeneigten Standpunkt beleuchten. gez. Prinz Radziwill, Abteilungschef, Baden. Wir nehmen gern Akt von 'dieser Erklärung, werden gern von dem in Aussicht gestellten Buche Kenntnis nehmen und würden uns freuen, wenn die polnische Regierung Lust bezeugt und Kraft beweist, die berechtigten Wünsche der Juden zp erfüllen. * Den „Mitteilungen des Jüdischen. Korrespondenzbureaus im Haag" entnehmen wir nachstehendes: Judenverfolgungen in Ungarn. Die „Wiener Morgenzeitung" vom 4. September bringt folgende erschütternde Mitteilungen ihres ungarischen Korrespondenten über die Verfolgung der galizischen Juden in Ungarn: Den Flüchtlingen bleibt in ihrer bedrohten Lage nichts anderes übrig, als sich mit einem Hilferuf an die breite Oefsentlichkeit zu wenden. In der letzten Zeit vergeht keine Nacht, ohne daß man Oblawes auf Flüchtlinge veranstaltete Spät in der Nacht werden die Flüchtlingswohnungen gestürmt und die Flüchtlinge vom Bett in das Schubhaus geschleppt. Auch ungarische Juden werden nicht verschont, wenn sie in ihrem Aeußern galizischen Juden gleichen. Die Leiden der Flüchtlinge sind unbeschreiblich. Man lebt in ständigem Schreck wie in Pogromzeiten oder während der Kosakenherrschaft in Galizien. Der Besitz von etwas Kaffee oder Mehl, selbst von einem Handtuch genügt, um als „Preistreiber" und „Kettenhändler" ins Schubhaus zu wandern. Was das Budapester Schubhaus bedeutet, kann man sich kaum vorstellen. Finstere Zellen in einem feuchten Keller, ohne Wasserleitung, ohne -einen Stuhl, ohne Essen. Man muß auf der Erde schlafen. Krankheiten sind die Folge dieser Behandlung. Der 18jährige Jsak Laner aus Neu-Sandez siel in Ohnmacht, aber niemand sprang ihm bei. Die „Behandlung" ist dort brutal und barbarisch, eine Inquisition im buchstäblichen Sinne dieses Wortes. Auch die Flüchtlinge aus Palästina und die jüdischen Arbeiter aus Polen werden verfolgt. Die kranken alten Palästinenser, die nackt, barfuß und hungrig hier herumlaufen, diese Aermsten der Armem sind — Preistreiber! Womit handeln sie? Mit ihren Leiden? Mit ihrem Trachom? Etwas anderes besitzen sie ja nicht! Auch sie werden ins Schubhaus geschleppt, ofsenbar, um die Inquisition Djenral Paschas gegen sie fortzusetzen . . , Was will man von den jüdischen Arbeitern aus Russisch-Polen? Die Regierung brachte sie doch selbst hierher! Man lockte sie durch Agenten nach Ungarn, sagte ihnen goldene Berge zu. versprach ihnen leichte Arbeit und guten Verdienst, warf sie aber in die Munitionsfabrik .von Tszepel, wo man sie so marterte, daß sie ihr eigenes Leiden verwünschten — jetzt hat man in ihnen gar „Preistreiber" entdeckt! In unserer verzweifelten Lage wenden wir uns mit einem Hilferuf an die große Oefsentlichkeit: Sind wir in Wahrheit vogelfrei? Wird uns niemand gegen den brutalen ungarischen Zarismus in Schutz nehmen? Wird man uns im ungarischen Sodom zugrunde gehen lassen! SpanienunddieJuden. Dr. Max Nordau wurde zum korrespondierenden Mitglied der medizinischen Akademie von Madrid ernannt. Der bekannte Zionist Professor Richard Gottheil in New Jork und der jüdische Antiquitätenforscher Ignaz Bauer in Madrid wurden zu korrespondierenden Mitgliedern der historischen Akademie von Madrid ernannt. * Auch die folgende Nachricht stammt aus 'derselben Quelle. Wir legen ihr zwar nicht dieselbe Bedeutung bei, wie das Haager Bureau es tut, wollen sie aber nicht unterdrücken. Unsere Meinung bleibt die, daß Amerika und die Westmächte den Zionismus nur deshalb begünstigen, weil sie hoffen, sich in ihm ein. gefügiges Werkzeug für ihre Zwecke zu schaffen. Die Nachricht lautet: Eine Erklärung Wilsons für den Zionismus. Präsident Wilson richtete an die Leitung der amerikanis chen Zionisten eine Botschaft, in welcher er seinem tiefen Interesse für die Wiederaufbauarbeit Ausdruck gibt, die in Palästina durch die Zionistische Kommission u n t e r F ü h r u n g D r. W e i z - manns unter den Auspizien der englischen. Regierung durchgeführt wird. Wilson fügte hinzu, daß er die Gelegenheit begrüße, seine Genugtu ung Zu äußern über den Fortschritt der zionistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten lind den alliierten Ländern seit der Erklärung Balfours namen's der englischen Negierung und der englischen Zustimmungserklärung, Palästina als nationales Heim für d a s j ü d i s ch e V o l k z u errichten. Diese Erklärung ist von großer Tragweite für die Verwirklichung der Zionistischen Bestrebungen und wird in der gesamten jüdischen Welt freudigen Widerhall finden. DieMo?entM an Ler LehrsnttsIt kür die MNknLhskt Ws"§Wrntüms su^Drrtm'. ll. Eduard Baneth geboren am 9. August 1855 zu Liptv-Szt. Miklvs in Nordungarn, erlangte aus dem Gymnasium zu Gnesen nach einjährigem Besuch der Prima im März 1878 das Reifezeugnis, studierte darauf an der Berliner Universität Philosophie und Orientalia und promovierte im Sommer 1881 summa cum lauäs in Leipzig. Schon im frühen Knabenalter von seinem gelehrten, aus berühmter Rabbinerfamilie stammenden Vater in Bibel und Talmud eingeführt, setzte er dieses Studium an der Jeschiba zu Preßburg und später am Berliner Rabbinerseminar fort, das er im Herbst 1881 mit dem Rabbinatszeugnis verließ. Kurz vorher von der altehrwürdigen Gemeinde Krotoschin zum Rabbiner gewählt, trat er dieses Amt, das er 13 Jahre innehatte, mit dem Beginne des Jahres 1882 an, kam 1895 nach. Berlin und wurde gegen Ende des Jahres als Dozent für die talmudischen Disziplinen an die Lehranstalt, für die Wissenschaft des Judentums berufen,, an der er seitdem ununterbrochen 23 Jahre tätig ist. Abgesehen von kleineren Abhandlungen und Aus-