Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 20. September 19i& 82. Jahrgang Nr. 38 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". Sorrrspondrn?rn und Oschrichten. Sklltfchland. & Lettin, 17. September. Die Zentralstellefür die Wohltätigkeitsanstalten der Jüdischen Gemeinde, welche die erste planmäßige Organisation jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland darstellt, hat ihren Abschluß für das Jahr 1917 festgestellt. Aus diesem Bericht ist erfreulicherweise zu ersehen, -aß die durch den Krieg hervorgerufene Notlage eine erhebliche Steigerung nicht mehr erfahren hat. Die in der Jüdischen Gemeinde sowie durch die Kommunalbehörden Groß-Berlins getroffenen Maßnahmen haben also ein befriedigendes Ergebnis gehabt. Die Zahl der Vereine und Anstalten, die sich Zur Zentralstelle zusammengeschlossen haben, ist durch den Beitritt des „Vereins der Pommern" auf 100 gestiegen. Von diesen haben im abgelaufenen Jahre 76 Vereine und Anstalten 24 773 Anfragen an die Zentralstelle gerichtet und über 25 381 neue Gesuche der Zentralstelle Bericht erstattet. Die HöchstZahl der Anfragen brachte der März 1918 mit 2692 Anfragen gegen 3220 im Vorjahre, während die meisten Anfragen im Januar mit 2884 gegen 2523 im Vorjahre eingingen. Etwa tausend Personalkarten wurden neu angelegt, so daß gegenwärtig 33 835 Personen in der Kartothek der Zentralstelle verzeichnet sind. In einer Donderabteilung werden die Angelegenheiten der Studierenden, Kunstschüler und Seminaristen erledigt. Hier gingen 89 Anfragen unter 43 Berichten ein; darunter 20 neue Fälle. Die geringe Inanspruchnahme dieser Abteilung ist ebenfalls durch den Krieg zu erllaren, da die meisten jüdischen Studenten jetzt unter den Fahnen stehen. Außer den hundert Vereinen, die der Zentralstelle als Mitglieder angehören, haben ebenso wie in den früheren Jahren zahlreiche Stiftungen und Vereine, welche nach ihren Satzungen dem Verbände für jüdische Wohlfahrtspflege nicht angehören können, die Zentralstelle mit Auskünften in Anspruch genommen und ihr Berichte zugestellt. Unter diesen Anstalten befinden sich die Berliner städtische Stiftungsdeputation, die Aeltesten der Kaufmannschaft, die Zentrale für Private Fürsorge, die Vereinigungen der Wohltätigkeitsbestrebungen in Charlottenburg, Schöueberg und Wilmersdorf sowie der Nationale Frauendienst und die Oesterreichisch-Ungarische Frauenhilse. Alle diese Vereine ziehen aus der Arbeit der vom Verband für jüdische Wohlfahrtspflege begründeten Zentralstelle Nutzen für ihre loziale Arbeit und erkennen den Wert des ihnen zur Verfügung stehenden Auskunftsmaterials dankbar an. 22 Berlin, 17. September. Seitens der hiesigen Jüdischen Gemeinde werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen lind Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichröderjchen Legat einige Stipendienzur Verfügung. — Das Wintersemester beginnt am D o n n e r s t a g, d e n 10. Oktober d. I. Meldungen nimmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstraße 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. E. M. Berlin, 17. September. Durch Versügung des Kriegsministeriums (Nr. M. 8154/18 €, 4) ist die Feiertagsruhe der jüdischen Kriegsgefangenen in den 'deutschen Gefangenenlagern an den diesjährigen hohen Feiertagen geregelt worden. Die Verfügung, die am 18. August erlassen wurde, gestattet den Gefangenen unter gewissen Bedingung die Teilnahme an den Gottesdiensten am Rosch- Haschana-Feste, am Jom Kippur und an den Haupttaigen des Laubhüttenfestes in den den Gefangenenlagern benachbarten Ortsgemeinden. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hatte für in Berlin beschäftigte russische- Kriegsgefangene jüdischen Glaubens einen besonderen Gottesdienst im Wochenkagsbetraum der Synagoge in der Rykestraße eingerichtet, der sehr stark besucht war. Mit der Wahrung 'der Rabbinerfunktionen war Rabbiner Dr. Martin Joseph betraut, der als Gesangenenseelsorger im Dienste der Jüdischen Gemeinde steht. Am ersten Neujahrstage Predigte Dr. Joseph in jüdischer Sprache, am zweiten Feiertag fand eine hebräische (?) Predigt statt. Am Versah nungstage fand -ebenfalls eir<Gottesdienst statt. Eine große Anzahl von Gefangenen nahm an «dem Gottesdienste in den Gemeinde- 'ynagogen teil. er. Berlin, 17. September. Seit idem Jahre 1910 hat die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde der Zahnpflege der Zöglinge der Gemeindeschnlen ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Die erste zahnärztliche Untersuchung erfolgte durch den Schulzaihnarzt, während diejenigen Schüler, die einer zahnärztlichen Behandlung bedurften, an einen Zahnarzt überwiesen wurden, dessen Tätigkeit der Gemeindevorstand honorierte. Diese Einrichtung der Behandlung auf Gemeind-dkosten war für unbemittelte Schüler geschaffen worden, während diejenigen Eltern, die dazu in der Lage waren, nur aufgesordert wurden, ihre Kinder einem Zähnarzte zuzusühren. Die unentgeltliche Behandlung der unbemittelten Kinder wird gegenwärtig durch zwei Schulzahnärzte ausgeübt. Im Jahre 1911 wurden für .freie zahnärztliche Behandlung unbemittelter Schüler der Knabenschule -und der Mädchenschule der Gemeinde erstmalig 300 Mart ausgefetzt. Mit Rücksicht auf die allgemeine Teuerung haben die Gemeindebehörden für die Behandlung von Zöglingen der Knabenunid Mädchenschule in diesem Jahre einen Betrag von 500 Mark bereitgestellt. 22. Berlin, 17. September. Die Zentrale für private Fürsorge E. V., Berlin W 35, Flottwellstraße 4, versendet soeben ihren Tätigkeitsbericht über die K r i e g s j.a h r e 1916 bis 1918. Der vom Vorsitzenden, Dr. Albert Levy, erstattete Hauptbericht sowie die Abhandlungen, über die Tätigkeit der einzelnen Abteilungen (Archiv der Wohlsahrtseinrichtungen, Kriegshinterbliebenen- und Kriegsbeschädigtenfürsorge) geben ein anschauliches Bild über Umfang, Grundsätze und Arbeitsmethoden der von der Zentrale geleisteten Fürsorgearbeit. — Besonderes Interesse dürfte der über die Abteilung Kriegsbeschädigtenfürsorge von Dr. Walter Steeg müller erstattete Bericht mit seinen eingehenden programmatischen Ausführungen über die Aufgaben und Ziele der Fürsorge für die Familien der Kriegsbeschädigten, insbesondere über Verhältnis und Abgrenzung dieses Fürsorgezweiges zur eigentlich amtlichen Kriegsbeschädigtensürsorge, erwecken. Eine Abhandlung von Prof. Dr. S. P. A l t m a n n (Mannheim) über „Menschenökonomie und Menschenverschwendung" gibt wertvolle Richtlinien für die künftige Ausgestaltung des Fürsorgewesens sowie des gesamten Wirtschaftslebens. Der Bericht gewinnt infolge der zahlreichen in ihm enthaltenen Anregungen weit über das Gebiet Groß-Berlins hinaus Beideutung, so daß er für alle kommunalen und privaten Fürsorgen wie insbesondere auch für sozial interessierte Einzelpersonen von Wert sein dürfte. — Berlin, 17. September. In Heft 1/2 der von B u b e r herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude" veröffentlicht Dr. A. R u ppin, der bekannte Verfasser der Bücher ,,Die Juden der Gegenwart" und „Syrien als Wirtschaftsgebiet", eine interessante Studie über die Zahl der Juden. Hiernach betrug die Gesamtzahl der Juden in der ganzen Welt im Jahre 1915 13% Millionen: eine Ziffer, die in keiner früheren Epoche der jüdischen Geschichte auch nur annähernd erreicht worden ist. Die Volikszahl der Jüden betrug im Beginn der christlichen Zeitrechnung 4%, Millionen. Diese Zahl, die später ständig sank, ist erst im 19. Jahrhundert wieder erreicht worden und hat sich im Lause dieses einen Jahrhunderts etwa verdreifacht. Ter außerordentliche Bevöbkerungszllwachs der Juden in dem -letzten Jahrhundert wird besonders deutlich, wenn man -sich vergegenwärtigt, daß es am Ende des 17. Jahrhunderts nur VA Millionen Juden gegeben hat. Wenn man die Zahl von 13% Millionen mit den Bovölkeru-ngsziffern anderer Nationalitäten vergleicht, so ist sestzustellen, daß die Polen (in Rußland, Oesterreich und Deutschland) etwa 17 Millionen, alle christlichen Balkanvölker (Rumänen, Bulgaren, Serben, Griechen) zusammen etwa 17% Millionen, die Irländer (in Irland und Amerika)