Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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455 bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit zieht an uns vorüber. Neben Cornelia Richter, der Tochter Meherbeers, Heinrich Grünfeld und Anton Rubinstein die Maler Josef Israels und Nach an Rothschild, Kommerzienrat Helfft, der seinerzeit vielgenannte Strousberg, der Großindustrielle Gutmann, der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann, der Architekt Wolfenstein, der Arzt Dr. Güterbogk u. v. a. „Mit aufrichtiger Freude", heißt es ferner, „erinnere ich mich auch des Verkehrs mit dem jovialen und liebenswürdigen Julius Stettenheim: bei chm hörten wir Ernst v. Wildenbruch seine Novelle „Kinderträume" vorlesen und kamen tieferschüttert nach Hause." Von der Pariser Weltausstellung 1878 -berichtet er über eine Soiree in dem mit verschwenderischem Reichtum und Geschmack eingerichteten Palais des Bankiers Baron Hirsch Im Juni 1878 fand der europäische Kongreß in Berlin statt. Anton v. Werner nennt Disraeli - Lord Beaconsfield — den genialsten und geriebensten von allen Diplomaten und bemerkt: „Lord Beaconsfields Nichtschönheit erschien nur geradezu überwältigend". Im folgenden Jahre berichtet er über Spielhagens 50. Geburtstag: .Merthold Auerbach hielt dabei, auf die Stuhllehne gestützt — ich sehe ihn noch vor mir —, eine glänzende, geist- und gedankenvolle Rede." An einem der berühmten Donnerstagabende der Kaiserin Augusta hörte er kurz darauf Lola Beeth und Paul Kali sch. 1880 heißt es: „Die widerliche Bewegung, über die ich schon mit den kronprinzlichen Herrschaften während ihres Aujfenthaltes in Peoli korrespondiert hatte und die man gern in zarter Weise verschleiert als „Berliner Bewegung" bezeichnet, trug ihre schmutzigen Wellen natürlich auch in das gesellige Leben und beeinträchtigte sogar in unseren Quartettabenden die reine Freude an Mozarts, Beethovens und Mendelssohns Schöpfungen durch heftige Diskussionen der Quartettgenossen über die Judensrage. Berthold Auerbach, den ich in dieser Zeit öfter sah — so u. a. eines Mends auf einem Hoch all in der Bildergalerie des Königlichen Schlosses, wo er mich bat, ihm seine Orden suchen zu helfen, die ihm von seinem Frack geglitten waren —, wurde .geradezu ein Opfer des Antisemitismus. Er sah Altäre wanken, die er seinem Dichter glauben an ein Idealistisches Menschentum errichtet hatte, fühlte, daß er waffenlos und kein starker Kämpfer sei, und das überlebte er nicht. Er flüchtete in dieser Stimmung zu I. D. Scheffel 'nach Radolfzell und fand hier, so wenig Seelenverwandtschaft oder Aehnlichkeit der Charaktere auch zwischen den beiden Dichtern bestand, tröstenden und lindernden Zuspruch. Scheffel schrieb damals: „BehW uns Gott vor Rassenhaß Und Klassenhaß und derlei Teufclswerken." Berthold Auerbach aber kränkelte von dieser Zeit an und starb 1882 in Cannes kurz vor feinem 70. Geburtstage, aus dessen Feier er sich kindlich gefreut hatte. „Die akademische Jugend nahm die traurige Bewegung mit stürmischer Lebhaftigkeit aus, und auch in der Kunstakademie zeigten sich ihre Spureck. In der Antikenklasse kam es zu Beginn des Sommersewesters zu einer Messerstecherei, infolge deren beide Beteiligten die Akademie innerhalb 24 Stunden verlassen ,mutzten. Als dann einige Jahr später ein von Dr. Förster verfaßtes Antisemiten-Pronunziamcnto in den Arbeits- und Unterrichtsräumen der Akademie zur Unterschrift zirkulierte, sah ich mich genötigt, in einer gemeinsamen Versammlung des Professorenkollegiums und sämtlicher Studenten die letzteren darauf aufmerksam zu machen, daß es mir ganz gleichgültig sei, welcher politischen Meinung sie seien und in welchen Volksversammlungen sie sich Wer Politik aufklären lassen wollten, daß ich mir innerhalb der Mauern der Akademie aber jede „Beengung", die mit dom künstlerischen Studium in unseren Unterrichtsräumen nichts zu tun habe, dringend verbitten müsse und daß S 62 des akademischen Statuts ungehöriges Verhalten mit sofortiger Ausweisung bedrohe. Es waren früher schon mehrfach Aufforderimgen zu Kundgebungen in dieser oder jener Richtung an die Kunstakademiker ergangen, aber bei dom Vertrauen., das diese mir entgegenbrachten, und bei ihrem gesunden Sinn hatten sie es immer für zweckmäßig gesunden, die Angelegenheit mit mir zu beraten und «zu erledigen. Ich habe später auch nichts -mehr von Rasstu- und Klassenhaß.bei uns-bemerkt." Iw Herbst 1880 wohnte er der Vorfeier der goldenen Hochzeit des ehrwürdigen Chefs des großen Bankhauses Oppenheim in Köln, der durch seinen Wohltätigkeitssinn bei unserem Kaiserpaar in hohem Ansehen stand, bei. Die Mitteilungen über Juden oder deren St-ümmlinge werden allmählich immer spärlicher; noch finden wir den Literarhistoriker Michael Bernahs genannt und Hieronymus Lorm, der Schwager Berthold Auerbachs, wird flüchtig und wenig rühmlich gestreift. 1888 nach dem Heimgange Kaiser Wilhelms I. schreibt er: „Julius Rodenberg hat das Bild, das Berlin in diesen Trauertagen bot, und die Stimmung, die so dunkel und trübe wie die Witterung auf der Bevölkerung drückend und beklemmend lastete, in der „Deutschen Rundschau" unübertrefflich geschildert. 1890 nennt er schließlich den Professor Max Michael „einen unserer ausgezeichnetesten und unermüdlichsten Lehrer" und nach dessen Heimgang schreibt er: „Unsere Chronik sagt von ihm: „Michael war eine hochkünstlerisch angelegte Natur von großer Einfachheit und seltener Bescheidenheit; mit einem außerordentlichen Lehrtalent begabt, wußte der geistreiche Manu mit seinem fein pointierten Witz seine Schüler, sie als jüngere Kollegen betrachtend, mit ungewöhnlicher Liebe an sich zu fesseln." Mit hoher Befriedigung wird man die Schilderung zwei bedeutsamer Jahrzehnte der Geschichte des geistigen Lebens aus der Hand legen. B r e s l a u. Regina N c i ß e r. Literarische Mitteilungen — B l a u - W e i ß - Li e d e r b u ch. Heraus gegeben von der Bundesleitung des Blau-Weiß-Bundes für jüdisches Ing,endwandern in Deutschland. Musikalisch, bearbeitet von Leo Kopf. Zweite, völlig umgearbei'tete und stark vermehrte Auflage. 1918. Jüdischer Verlag, Berlin. Schon bei feinem ersten Erscheinen vor vier Jahren ist das vorliegende Liederbuch in diesen Blättern gewürdigt worden. Die neue Auflage kennzeichnet sich durch eine starke Vermehrung des Schatzes an hebräischen und jiddischen Liedern; Herr Jakob Lubmann- Chabib hat die Transkription der hckbräischen Lieder sowie die Korrektur der hebräischen Texte besorgt. Als jüdische Dichter der deutschen Lieder führe ich an: Zlocisti, Emil Cvhn, Hugo Zucker-- mann, als Dichter der jiddischen M. M. Warschawski und Ch. N. Bialik. Außerdem werden aber sehr viele deutsche Lieder: eins von Goethe, mehrere von Eichendorfs, Wilhelm Müller, Friedrich Silcher, Christoph v. Schmidt, Scheffel, Rudolf Baumbach, O. Kernstock und vieler anderen abgedruckt: -auch Volks- und Soldatenlieder sind ausgenommen. Tie deutschen Lieder wiegendurchaus vor. Nach iucrdCjicin Grundsatz die Lieder geordnet sind, wird nicht klar. Dem Inhalt nach sind die Gedichte Natur-, Fest-, Marsch»-, Soldaten-, Bundes--, ganz gelegentlich auch Liebeslieder Die hebräischen und jiddischen feiern meist Zion und Palästina. Zur Charakteristik des ganzen Büchleins, dessen zweite Auflage mir einen viel besseren Eindruck -gemacht hat als die vor einigen Jahren erschienene erste Auflage, sei-folgende Strophe mitgeteilt: „Dort, Ivo die Zeder schlank die Wolke küßt, dort, wo die schnelle Jordanswelle fließt, dort, wo die Asche meiner Väter ruht,- das Feld getränkt hat Makkabäerblut: Dies schöne Land am blauen Meeresstrand, es ist mein liebes Heimatland." Sehr schön sind die nicht sehr zahlreichen' Lieder von Emil Cohn. Die letzte Strophe des einen Gedichtes hebe ich hervor. weil sie wirklich poetisch ist. Sie lautet: „Die Schwärmer, sie immer erbauen di>e Welt, Sie sorgen, daß nimmer in Dunkel sie fällt: Sie machen sie wärmer und freier und hell: Gott segne die Schwärmer in Israel? L. G. — Drei Reden sehr verschiedenen Inhalts sollen kurz zusammenaefaßt werden-. In schlichter Weife schildert Appel I einen jüdischen Kämpfer, der iu seinem 37. Lebensjahre für das Vaterland gefallen ist und von seinen Vorgesetzten die vorzüglichsten Zeugnisse für seinen Mut, seine Umsicht und seine persönliche Liebenswürdigkeit erhalten hat. Cassirer-) feiert feinen verstorbenen Lehrer und Meister. Er *) Trauerrede, gehalten an der Bahre des im Felde gefallenen Leutnants d. R. und Kompagniefühoers Leopold Hirsch, crm 6. Juni 1918 von Tr. M. Appel, Stadt- und Konfevenzvabbiner in Karlsruhe. Karlsruhe, Buchdrückerei von Malsch u. Vogel. 2) Sonderabdrnck aus den „Neuen Jüdischen Monatsheften", Heft 15/16 vom 10. und 25. Mai: „Hermann Cohen." Von Professor Dr. Ernst Casfirer, Berlin.