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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-20 · Heft 38 (20.9.1918) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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454 unser Hausmädchen zu mir, wenn sie etwas von mir verlangt." Dann aber biß sie sich auf die Lippen und wurde schamrot. Sie hätte sich doch mehr im Zügel halten sollen. Solche Redensarten hätte man eher von Stella erwarten können. Burger sann ein wenig nach. „Auf mein Wort," sprach er mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen, „mich soll das Mäuschen beißen, wenn ich weiß, was ich daraus machen soll! Entweder bedeutet dies, daß ich meinen Hut nehmen soll..." Er machte eine kleine Pause und wartete auf ihre Verneinung, da aber keine kam, fuhr er weiter fort: „Oder ich sollte . . . Aber ich denke dem ,Oder* den Vorzug zu geben und Sie einfach ,Alice* nennen. Nun, Alice, wollen Sie es mit mir versuchen?" Diese Worte, obwohl mit heiserer Stimme gesprochen, hatten doch einen sanften, sogar einen herzlichen Klang. Alices Antwort aber bestand darin, daß sie den Fenstervorhang nur fester faßte, so daß die Ringe oben an der Stange leise klirrten. „Ich weiß es, daß ich in mancher Hinsicht Ihrer nicht würdig bin" fuhr Burger fort und die Stimme sank zu einem flüstern herab. „Ich verarge es Ihnen auch nicht, daß Sie kein großes Verlangen nach mir tragen; aber aus demselben Grunde dürfen Sie mich auch nicht tadeln, daß ich ein solches Wohlgefallen an Ihnen finde. Alice, soll ich noch mehr sagen?" Sie riß sich gewaltsam aus ihrem Nachdenken. „Noch mehr sagen? Ich weiß es nicht. Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht aufmerksam genug Ihnen zugehört habe." „Das hat nichts zu bedeuten. Ich wiederhole es ganz gern noch einmal, wenn Sie nur jetzt zuhören' wollen. Ich will Ihnen auch sagen, warum ich eigentlich wieder nach Afrika c.ing. Meine Ausrede, daß ich dort Geschäfte zu erledigen habe, entsprach nicht den Tatsachen. Mein dortiges Geschäft ist so eingerichtet und so fest gegründet, daß ich nicht den geringsten Verlust erleiden würde, auch wenn ich dort nur einen einzigen Lehrburschen beschäftigen sollte. Meine Anwesenheit war also absolut unnötig. Aber ich unternahm die Reise, um Ihnen hier freies Feld zu lassen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, sich über Ihre Gesinnung klar zu werden. Das war aber nur für Sie nötig. Ich war ja mit mir einig. Ich hielt es daher für ratsam, gänzlich vom Schauplatz zu verschwinden, auf daß Sie, unbeeinflußt durch meine Gegenwart, Ihre Gefühle einer unbefangenen Prüfung unterziehen konnten. Sehen Sie, Alice," seine Kesichtszüge erhellten sich ein wenig: „ich weiß es ja, daß ich außer meinem Gelde nichts besitze, das für mich sprechen könnte, aber etwas ist doch vorhanden, das Sie zu meinen Gunsten auslegen müssen . . . Hören Sie denn, Alice, was ich spreche?" „Jawohl, ich höre," war ihre klare, nüchterne Antwort. (Fortsetzung folgt.) Mizellen. Epidemien und das Judentum. Wohl allgemein sind die grauenhaften Szenen bekannt, welche sich im Mittelalter bei der -geringfügigsten Veranlassung gegen die Juden ereigneten. Plünderung und Mord konnte sich da über Tausende schnell verbreiten. Man war eben u n w i f s e n d , f a n a t i s ch und g r a u s a m. Denken wir nur an die aus Asien über Europa einherziehende schreckliche Pest, an den „schwarzen Tod". Ihm ist wohl ein Viertel der europäischen Bevölkerung erlegen, aber es wurden durch diese Seuchen von den Juden weniger als von den Christen hiugerafft. Daher bildete sich der Wahn, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Das Märchen wurde noch von der Phantasie weiter ausg-emalt und verbreitet. Es genügte, um überall die schlimmsten Pogrome gegen die Juden zu erwecken und hervorzurufen. Suchen wir nach dem G r u nde dafür, daß die Juden damals, wie zu allen Zeiten, mehr gefeit und immun gegen Epidemien und Seuchen waren -als die anderen, so kanner zweifellos nur in ihrer mäßigen undreligiös-reinen Lebensweise gefunden werden. Durch Beobachtung und sorgfältige Hebung der religiösen Vorschriften waren die Juden zumeist vor Ansteckungsgefahr gesichert. Die Juden hatten ihre Hygiene in ihren religiösen Vorschriften, ebenso wie die Mäßigkeit und Enthaltsamkeit in ihren Speifegesetzen. Heutzutage weiß man das alles auch schon in nichtjüdischen Kreisen. Es war für mich, höchst interessant, das hiesige „Kreisblatt" —- vom 28. August d. I. — zu. lesen, undzwar den Passus, welcher ,.Eem-!?inv'erständ'liche Belehrung über die R u h r" überschrieben ist. Es wird hier auf die -Gefahr der etwa auch i-n diesem Herbst auftretenden Ruhr aufmerksam gern acht und gemahnt, rechtzeitig Vorkehrungen gegen dieselben zu treffen. Es heißt da u. a.: „Der wirksamste Schutz gegen die Ruhr ist — Sauberkeit der Hände . . . . Außerdem aber beherzige jede« Nach der Notdurft, vor b-ent Essen — Händewaschen nicht vergessen!" Was man heute so mittels der Wissenschaft gefunden hat, das haben die Juden schon lange in ihrer gewohnten religiösen Lebensweise zu eigen. Händewaschen vor und nach dem Essen, Händewaschen nach jeder — kleinen und großen — Notdurft ist mit den dazugehörigen „Berachoth" Stf! und jedem religiösen Juden geläufig, in „Fleisch und Blut von Hause aus übergegangen". Jur Laufe der Zetten freilich sind sehr viele Juden wie im allgemeinen, so auch auf diesem Gebiete etwas laxer in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten geworden. Mögen sie sich bessern ßu ihrem eigenen Wohle! Ja, schon'die Kinder, die Schulkinder, die es zu Hause kaum lernen und dazu angehalten werden, sollten in der Religions- oder hebräischen Stunde auf die Wichtigkeit dieser Segenssprüche für Gesundheit und Leben eindringlich hingewiesen und zur Beherzigung derselben wieder h o l t ermahnt werden. Rabbiner Dr. F r ie d m a n n in Lublinitz. * Leibrmh und Rafael Levi. Zürn Artikel G. Engelmanns „Einiges über die Beziehungen Leibnitzens in der. „Allgemeinen Zeitung des Judentums" schrieb B. Wach st ein, daß der jüdische Freund Leibnitzens, Rafael, der im jüdischen Schrifttum bekannte. Rasa-et-fa-Levi. (Hannover) ist, der als Verfasser der Werke TDIH mnV? Lehden, 1756 und TrOlDH' Amsterdam 1757 auch weiteren jüdischen Kreisen bekannt ist". Ueber diesen Rafael Levi schrieb Ghmnasialdirektor Dr. Schnei dl er (Worms) in dem Programm des Gymnasiums vom Jahre 1805, nachdem er in ausführlicher und freundlicher Weise in einer Abhandlung sich über die Juden im allgemeinen ausgesprochen hatte, das Nachfolgende: „Wer mehr unter Menschen gelebt hat, wird diese Wahrheit durch eigene Erfahrung bestätigt finden. Der Verfasser war so glücklich, mehrere vortreffliche Menschen aus diesem Volke zu kennen. Mit warmem Danke erinnert er sich des ehrwürdigen Greises Raphael Levi, des unmittelbaren Schülers von Leibnitz, welchem er vor mehr als 30 Jahren einige Jahre des fruchtbarsten Unterrichts verdankt. Er war damals über 90 Jahre alt und starb nicht lange nachher in Hannover. Segen der Asche des Redlichen!" W o r m s. S. Not h> fchil d. * Aus A. v. Werners Erlebnissen und Eindrücken. In seinem bei F. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1913, erschienenen Buch spricht Werner vielfach von Juden: L. Bamberger, B. Auerbach. So sagt er u. a.: „Ueber Berthold Auerbachs Eitelkeit ist ja zuweilen gesprochen worden, aber sie war eigentlich harmlos und dem Dichter der „Dorfgeschichten" als Ausfluß berechtigten Selbstbewußtseins wohl zu gönnen, sie äußerte sich zuweilen nur komisch. So begegnete ich ihm einst im Tiergarten, wo er mich mit einer wohlgefetzten Gedankenjsolge darüber apostrophierte, wie anregend doch das Leben in Berlin sei, weil man auf Schritt, und Tritt bedeutenden Menschen begegnete. „Wie Ihnen zum Beispiel", beeilte ich mich zu bemerken, und Auerbach strahlte." Eine stattliche Reihe von Künstlern und Schriftstellern, kunstsinnigen Vertretern der Finanzwelt und anderen

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