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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-20 · Heft 38 (20.9.1918) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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453 Frau Mahlow bemerkte es, und sie nahm sich vor, sich bald Klarheit darüber zu verschaffen. Die Unterhaltung wahrend der, Mahlzeit gestaltete sich sehr lebhaft. Burgers Reise bildete natürlich das Hauptthema, Frau Mahlow und Stella ermutigten den Heimgekehrten durch allerlei Fragen zum Erzählen. Von Julius wurde auch sonst keine Unterhaltung erwartet, heute aber noch viel weniger, so daß sein Schweigen gar nicht auffick. Auch Alice machte nur hin und wieder eine Bemerkung, um die anderen an ihre volle Aufmerksamkeit glauben zu machen. Sie hatte ja viele Monate Zeit gehabt, sich für den gefürchteten Augenblick zu stählen; nun aber, da dieser herangekommen, hatte sie das Gefühl, als könnte sie ein Jahr ihres Lebens für jeden Tag geben, den sie hinausschob. Sie erinnerte sich lebhaft an den Freudenrausch, der an jenem Gesellschaftsabend über sie gekommen war, der, nach Anordnung ihrer Mutter, durch die Verlobung mit Burger gekrönt werden sollte, als dieser ihr die Mitteilung machte, daß er zur Abwicklung wichtiger Geschäfte nach Afrika reisen müsse, aber weder über die Dauer seiner Abwesenheit noch über den Zeitpunkt seiner Rückkehr ein Wort geäußert hatte. Mit jedem Postdampfer hatte er regelmäßig geschrieben, doch waren die meisten Briefe an die Mutter gerichtet, und nur zweimal hatte er ein kleines Briefchen für sie beigelegt. Vor etwa drei Wochen traf nun die Nachricht ein, daß er mit dem nächsten Schiff die Rückreise nach Europa antreten werde, und er hoffe ■— er hatte die Worte so gefaßt, daß man sie ebenso für Scherz wie auch für Ernst nehmen konnte —, von der ganzen Familie mit offenen Armen am Landungsplatz empfangen zu werden. Als das Telegramm heute früh eintraf, erklärte sich Julius sofort dazu bereit und wies Stellas Vorschlag, ihn zu begleiten, so energisch zurück, daß alle ihn erstaunt anblickten. Frau Mahlow war derselben Ansicht gewesen, legte es aber Alice nahe, Julius zu begleiten, was diese jedoch entschieden ablehnte. Und nun war Burger und mit ihm die Gefahr wieder da, als hätte überhaupt keine Unterbrechung stattgefunden. Es blieb Alice daher nur die einzige Möglichkeit, daß Burgers Gefühle für 'fte durch seine lange Abwesenheit eine Aenderung erfahren oder daß der Eindruck, den sie früher auf ihn gemacht, sich verflüchtigt haben möchte. Sie faß ganz steif neben ihm, ohne ihn anzublicken, und nur durch den Schall feiner Stimme nach ihrer Richtung wußte sie, daß er zu ihr sprach. Die Mahlzeit, durch Frau Mahlow absichtlich in die Länge gezogen, hatte endlich ihr Ende erreicht. „Stella, mein Kind," sprach die Mutter süßlich, als alle sich erhoben hatten: „nimm dir etwas von der Schokolade, die in meinem Zimmer liegt, und warte dort. Ich werde mit Alice gleich Nachkommen." Stella verzog den Mund und verließ schmollend das Speisezimmer. Immer machte es die Mutter so: wenn etwas Interessantes vor sich gehen sollte, wuvde sie weggeschickt, und jeder beliebige Vorwand schien gut genug dazu. Schokolade! Konfekt! Pah! Was sie sich daraus machte! Morgen schon wird sie sich anders frisieren lassen, und wehe dem, der sie noch wie ein Kind wird aus dem Zimmer weifen wollen! — Frau Mahlow machte wirklich einige Schritte, als wolle sie tatsächlich Stella folgen, blieb aber bald wieder stehen, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen. „Julius," sprach sie, zu diesem gewandt: „du siehst so verstört aus und scheinst etwas auf dem Herzen zu haben." „Ich?" stotterte dieser und ließ die Zigarette fallen, die er gerade anzünden wollte. „Durchaus nicht, Mutter." „Ich glaube es doch," beharrte diese. „Sei nicht schüchterin Wir sind ja unter uns." Sie lächelte dabei verständnisvoll zu Burger, der neben Alice stand. Nach längerem Zögern platzte Julius endlich mit der Mitteilung heraus, aus der man nach und nach entnehmen kennte, daß er mit seiner geschäftlichen Unternehmung wieder einmal auf dem trockenen saß. Sein Teilhaber war mit dem Bankguthaben durchgebrannt, zuvor aber hatte er noch alles im Geschäfte verkauft und verpfändet. Natürlich hatte Julius von der ganzen Sache keine Ahnung, bis er gestern wieder einmal zur Abwechslung nach dem Geschäftslokal sich begeben hatte. Das war ja auch die Ursache, daß er Burger bei der Landung erwartet, um bald Gelegenheit zu haben, die Sache mit ihm zu besprechen und seinen Rat und Beistand zu erbitten. Burger aber, forsch und schneidig, wie immer bei Geschäften, war sofort mit Julius nach dem Geschästslokal gefahren, um wenigstens durch eine oberflächliche Einsicht in die Bücher sich zu überzeugen, ob vielleicht ein Zusammenbruch zu vermeiden wäre. Das war auch der Grund ihrer Verspätung. Frau Mahlow hatte die Hiobspost bis zu Ende ohne Unterbrechung, ohne eine Miene zu verziehen, angehört. Dann sprach sie mit ruhiger Stimme, der man aber ein leises Beben doch anmerken konnte, zu Burger: „Sind Sie wirklich der Ansicht, daß alles verloren ist? Für einen Sachkenner wie Sie, muß ja schon ein einziger Blick genügen, um den Sachverhalt klar zu überschauen." „Frau Mahlow," erwiderte Burger, eine mächtige Rauchwolke seiner Zigarre aus dem Munde blasend: „dieses Geschäft ist tot und erledigt, wie mein seliger Urahn vor zweihundert Jahren." „Wenn Sie es sagen," sprach die Frau mit gemachter Gleichgültigkeit weiter, „dann wird es wohl stimmein. In jedem Falle danke ich Ihnen. Komm, Julius, wir wollen zusammen überlegen, was sich dabei tun läßt. Alice, mein Kind, nicht wahr, du wirst Herrn Burger ein halbes Stündchen unterhalten." Mit diesen Worten fegte sie aus dem Zimmer, von Julius gefolgt. Unwillkürlich machte auch das Mädchen einige Schritte, um den beiden zu folgen. Plötzlich aber besann sie sich, und ging zum Fenster, wo sie stehen blieb, mit der linken Hand den Vorhang erfassend, als wollte sie sich vor den Vorübergehenden verbergen. Eine volle Minute herrschte ein peinliches Schweigen, nur durch Burgers schwere Atemzüge unterbrochen. Dann hörte Alice einen schlürfenden Schritt sich ihr nähern und dicht an ihrem Arm vernahm sie die Worte: „Nun, Fräulein Alice?" Sie verharrte einige Sekunden in ihrer Stellung und rief dann mit blitzenden Augen: ,:Jch weiß nicht, ob diese Komödie mit Julius nach Ihrem Geschmacke ist; keineswegs aber ist es nach meinem!" Sie drehte sich um und sah ihn fest und durchdringend an. „Komödie?" keuchte er voller Erstaunen. „Um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nehme ich an, daß der Gedanke nicht von Ihnen ausgegangen. Mir aber ist das ganze Manöver in der Seele verhaßt, und meine Mutter hätte sich nicht all diese Mühe zu geben brauchen, um uns beide hier allein zu lassen. Falls Sie mir etwas sagen wollten, hätten Sie Mittel und Wege finden müssen, dies auf andere Weise zu tun. Immer wäre es mir doch nicht möglich gewesen, Ihnen auszuweichen." „Daß Julius' Sache keine Komödie, sondern ein Trauerspick ist, werden Sie sich bald überzeugen. Aber aus Ihrer letzten Bemerkung habe ich herausgehört, daß Sie doch eine Aussprache mit mir erwarten," sprach er lächelnd, wobei er sich vergeblich Mühe gab, den Triumph in seinen Augen zu verbergen. „Zunächst möchte ich eine Bitte aussprechen, daß Sie nicht immer .Fräulein Alice' zu mir sagen. Mir ist da, als spräche

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