Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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452 du mir vielleicht sagen, durch welche Universität du gegangen bist, um so gebildet zu werden? Wie hat denn dein Professor geheißen? Vielleicht dein seliger Vater, der einen Eimer Wasser für zwei Pfennige in die Häuser getragen, hat er dich so gebildet? Dieses Wickelkind erdreistet sich, einen Menschen, wie ich bin, belehren zu wollen!" „Deine Bildung!" erwiderte der Geschmähte ruhig. „Wenn du noch hundert Jahre unter dem Wasser liegen wirst, mit dom mein seliger Vater sich ehrlich und redlich sein Brot verdient, wirst du noch nicht die Bildung haben, die ich schon vergessen hatte, als ich erst sechs Jahre alt war." „Hahahaha! Wenn der Esel brüllt, gittern nur die Krautköpfe auf dem Felde! Brülle nur weiter, Esel!" „Je leerer die Glocke, desto mehr Lärm macht der Klöppel," war Meiers Gegenschlag. „Weil dein Schädel leer ist, brüllt dein Mund so laut." Klaßner achtete gar nicht mehr auf den Wortkampf der beiden. Er kannte ja die Art seiner Landsleute, die nicht zwei Minuten miteinander sprechen konnten, ohne den heftigsten Wortstreit herbeizuführen, bei dem jeder Fremde glauben konnte, er werde bald in Tätlichkeiten aüsarten, der aber doch nur mit einem fröhlichen Lachen zu enden pflegte, wenn die Kampfhähne ihre stacheligen Pfeile verschossen hatten. Klaßner ließ sie daher ruhig weiterstreiten, um sich desto ungestörter mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen zu können. Chase Rachel hatte das Zimmer verlassen, nachdem die Gäste eingetreten waren, entsprechend der frommen Vorschrift, daß die Ohren der Frauen im Wege sind, wo Männer in ernster Rede zusammensitzen. Auch Ellen hatte nicht weiter hingehört. Sie las inzwischen. Ihr Interesse für die fremdartigen Laute der Streitenden war längst erschöpft, aber sie blickte wieder auf, da ihr Mann zu sprechen begann: „Meine Herren, ich bin entschlossen, das Amt zu übernehmen." „Meier, hörst du!" schrie der streitbare Salomon wieder mit erregter Stimme. „Er muß sich erst lange entschließen!" Klaßner brachte ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung zum Schweigen. „Ich beginne jetzt ein neues Leben," sprach er, „an der Seite einer Gefährtin, die seit ihrer Kindheit eine andere Bahn gewandelt, aber ich glaube — ich kann allerdings nur glauben, denn nur Gott allein weiß es —, daß sie sich unserer heiligen Religion mit aufrichtigem Herzen zugewendet, der sie treu bleiben wird, was auch das Leben bringen mag —" „Schmaje Fettleber, der Schwager meiner Nickte," brach der unverbesserliche Salomon wieder los, „der Rabbinatsdiener, hat es mir mit tausend Schwüren versichert, daß unter den zahlreichen Fällen, die durch seine Hände gegangen, nicht eine einzige gewesen, der man die Bezeichnung ,Ger Z-edeck', eine fromme und aufrichtige Proselhtin. mit mehr Recht hätte beilegen können als deiner Frau. Das war ja die Ursache, daß ick bei der Sitzung, als alle auf mich einstürmten und deine Ehe mit einer . . Klaßner nickte kurz. „Aufrichtige, fromme Proselhtin!" wiederholte er leise und fuhr dann laut fort: „Ich werde bestrebt sein, daß sie diesen Titel verdient, und deshalb will ich mich gern eurem Verein anschließen, und meine Frau mit mir. Es ist wahr, gerade eure flammende Begeisterung entwickelt auch einen beißenden Rauch durch mannigfache Auswüchse, die durchaus nicht nach meinem Geschmacke sind. Allein, gestärkt durch euer frommes Empfinden, werden wir Kraft gewinnen, um eine Ventilation zu schaffen, die dem Rauch den Abzug gestattet und eine freie, reine Luft einziehen läßt. Als Ersatz für diese Hilfe, die ihr meiner Frau und mir gewährt, will ich euren Bestrebungen freudig meine Dienste weihen. Möge es uns allen zum Segen gereichen!" „Amen!" riefen Meier und Salomon wie aus einem Munde. Klaßner erhob sich, um den- Abgesandten anzudeuten, daß ihr Auftrag erledigt sei und daß sie sich nunmehr zurückziehen könnten. „Ich werde in einigen Tagen bei euch vorsprechen, um mich mit meinen Obliegenheiten vertraut zu machen und geeignete Maßnahmen zu beraten. Kommen Sie, meine Herren, ich werde Sie ein Stückchen begleiten! Liebling, ich bin in wenigen Augenblicken wieder zurück," sprach er noch, zu Ellen gewandt. Sie lächelte ihm freundlich zu, wunderte sich aber in ihrem Innern, daß sie bei einer solchen befremdlichen und unbekannten Verhandlung, drei Schritte von ihr entfernt, von so geringer Aufmerksamkeit gefesielt war. Sie hatte die Männer ruhig und unbefangen eintreten sehen, ohne vor dem Fremdartigen zurückzuschrecken; sie hatte auch deren eigenartige Unterhaltung angehört, ohne sich als Außenstehende zu fühlen. Das erste Zusammentreffen mit den unbekannten Wesen war also vorüber, und sie war in keiner Weise aufgeregt; ja, sie war heiter und sorglos, als sie daran dachte, daß solche Besuche sich wohl öfter wiederholen würden. Mit einem frohen und aufrichtigen „Gute Nacht, Mutter!", das Chase Rachel, wie üblich, unbeantwortet ließ, begab sich Ellen nach ihrem- Zimmer. Als sie dort die Gasflamme angezündet, hatte sie die Empfindung, als wären von irgendwo beobachtende Blicke auf sie gerichtet, böswillig und durchdringend sie anstarrend. Die gleiche Empfindung hatte sie auch schon am Nachmittag gehabt, die ihr ein gewisses Unbehagen verursachte, das sich jetzt aber, bei der Wiederholung, zu einer Furcht gestaltete. Die Furcht wuchs- und nahm noch zu, als Klaßner bei seiner Rückkehr zu ihr sprach: „Liebling, ich habe einen Freund von dir getroffen. Rate, wer es war?" Sie schüttelte den Kopf, ohne Klaßner anzu-sehen. „Der Vikar Strömer. Ich habe ihn durch das leichte Hinken erkannt, das er bei seiner schnellen Gangart anznnehmen pflegt. Was mag ihn nur nach dieser Gegend geführt haben?" „Wer kann das wissen," sagte sie leise. Aber ihr Geist war doch mit der Frage beschäftigt, was sie wohl tun würde, wäre sie vor die Aufgabe gestellt, eine Wahl zu treffcn zwifchen den beiden Bekanntschaften: zwischen dem roten Salomon und dem Vikar Septimus Strömer? 11. Im Hause der Frau Mahlow herrschte Erwartung und Feststimmung. Die Geschäftigkeit der hin und her eilenden Diener, die Blumengewinde am Eingang der Halle, aus deren Mitte ein buntgemaltes „Willkommen!" hervorleuchtete, alles deutete auf ein bevorstehendes frohes Ereignis. Mach fünfmonatiger Abwesenheit -kam Burger zurück, von Alice nicht vermißt, von Frau Mahlow, die den reichen Schwiegersohn bald fesseln wollte, freudig begrüßt, von Stella, die gern an ihrer Schwester Stelle getreten wäre, sehnlich erwartet. Mehrere Stunden, nachdem man seine Ankunft erwartet, kam Burger mit Julius an. „Wir hatten Sie bereits aufgegeben," begrüßte Frau Mahlow den Gast, ihm warm die Hand schüttelnd. „Der Zug hatte wohl Verspätung?" „N—n—e—i—n," erwiderte Burger langsam. „Ich hatte vorher noch etwas Geschäftliches zu erledigen, das keinen Aufschub duldete." Seine Blicke richteten sich dabei auf Julius, der die Augen niederfchlug.