Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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451 Welche Stellen sind nun die geeignetsten, in dem uns aufgezwungenen Verteidigungskampfe wirksame Waffen zu schmieden und unser Rüstzeug herbeizuschaffen? Da ist in erster Linie der Zentralverein (deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens), dem jeder deutsche Jude, gleichviel welcher politischen oder religiösen Richtung ange'hören muß. Der Vorstand des Zenträlvereins hat ja schon berichtet, daß auch von ihm Material gesammelt wird für den Gegenstoß. Das ist anerkennenswert, aber auch selbstverständlich. Aber was nutzt dieses Material dem einzelnen in der Kleinstadt und besonders auf dem Lande? In der Großstadt haben wir genügend befähigte Glaubensgenossen, die bei irgendwelcher Gelegenheit den Angriffen wirksam entgegentreten können. Anders ist die Sache aus dem Lande und in der Kleinstadt. Hier ist der einzelne und auch die Gesamtheit oft.antisemitischen Angriffen ausgefetzt, ohne daß es möglich ist, im geeigneten Augenblick — und das ist ja gerade die Hauptsache — dem Angreifer wirksam entgegenzutreten. Es müßte das gesammelte Material systematisch vorbereitet und verarbeitet werden. Was nutzt das beste Schwert, wenn es in der Scheide steckt, und was frommt das beste Material, das in Berlin eventuell in den Archiven liegt und schlummert? Nein, -es muß heraus in die Provinz? Jeder Verein muß es besitzen, um es in seinem Bezirk den Glaubensgenossen, natürlich in geeigneter Weise, 'bekanntzugeben und zugänglich zu machen. Hand in Hand mit dem Zentralverein haben hier die Logen, der Verband der deutschen Juden und der Gemeindebund zu gehen. Ein zweiter wichtiger Faktor sind die jüdischen Jugendvereine. Diese werden aller Wahrscheinlichkeit nach nach dem Kriege aufblühen. In ihnen müßten durch Vorträge und Kurse geschickte Kräfte herangebildet und herangezogen werden, die dann geeignet sind, wirksam unsere Verteidigung zu übernehmen. Hier wäre ein gemeinsames Feld für alle Jugendvereine, ob neutral, liberal oder zionistisch. Hier müßte gemeinsam gearbeitet werden; hier gilt die ernste Mahnung: Keine Kräftezersplitterung! Von besonderer Wichtigkeit ist es, daß unsere Glaubensgenossen und insbesondere die Jugend bekanntgemacht werden mit den unterscheidenden Merkmalen, die Judentum und Christentum haben, sowie mit unseren Schriften: Bibel, Talmud usw. Es gibt ja hierfür große und vorzügliche Werke, die aber dem Laien schwer verständlich sind. Für einen weiteren sehr wichtigen Hauptfaktor zur Schaffung unserer Waffen halte ich die jüdischen Literaturvereine. In ihnen muß auf wissenschaftlichem Wege unseren Glaubensgenossen die Möglichkeit gegeben werden, Kenntnis zu erhalten von dem Angriff und Gegenangriff unserer Feinde. Durch aufklärende und belehrende Vorträge wäre hier viel zu erreichen. Natürlich muß auf jeden Fall das Interesse besonders für die Literaturvereine geweckt werden. Ein erfreulicher Anfang ist . ja bereits vom Verband der deutschen Juden gemacht worden, der einen Kursus zur Unterweisung in apologetischer Behandlung jüdisch-religiöser Themen eingerichtet hat. Immerhin wird die Beteiligung nur eine beschränkte sein können. Jedoch würde es vollauf genügen, wenn z. B. aus jedem Bezirk ein Mitglied einer der obengenannten Vereinigungen, eventuell aus Kosten der Gesamtheit, daran teilnimmt, das dann in seinem Bezirk die Gedanken und das Material weiterverarbeitet. Ich wollte in vorstehendem nur Anregungen geben. Die Ausführung muß ich natürlich den dafür geeigneten Stellen überlassen. Es kam mir nur daraus an, die Frage zu prüfen: Sind wir g e r ü st e t? Jedem das Seinige. (12. Forts.) Roman von M. Pulvermann. laßners Interesse war jetzt rege geworden. Was mochte es bedeuten, daß die streng orthodoxe Gemeinde eine Abordnung zu ihm schickte, zu ihm, dem Gatten einer ehemaligen Christin? „Du weißt doch, Awromele, daß wir die einzigen in dieser riesengroßen Stadt sind, die das göttliche Gesetz ungeschwächt und unverfälscht erhalten, genau so, wie es unserem Lehrer Moses auf dem Berge Sinai von Gott selbst eingehändigt wurde. Alles dies und noch mehr weißt du doch schon selbst; daher ist es nicht angebracht, daß ich meine kostbare Zeit durch eine Wiederholung vergeude: zumal ich doch ein Mensch bin, der nicht gern viele Worte über eine Sache macht und bald zum Schluß kommen möchte." „Das unterliegt gar keinem Zweifel," sprach Klaßner ganz ernst. „Aber," fuhr Salomon fort, und seine Stimme klang wie Donnergrollen, „heilig und fromm wie wir alle sind, oder gerade weil wir so heilig und fromm sind, dürfen und können wir uns nicht mit der Bildung der Nichtjuden befassen. Wenn daher die Notwendigkeit an uns herantritt — und wer kann sich vor Unglück schützen? —, einen Brief in der gebildeten Landessprache an eine Behörde zu schreiben, stehen wir da wie die Kuh vor dem neuen Scheunentor und wissen weder ein noch aus. Was sollen wir da machen? Wir müssen zu einem Bettelbrief-Schreiber unsere Zuflucht nehmen und ihm eine Mark bezahlen und sogar auch noch das Papier mitbringen, und wenn der Brief fertig ist, hat er weder Hand noch Fuß, und wir haben inzwischen vergessen, was er eigentlich hatte schreiben sollen." Der Sprecher unterbrach sich, um nach der langen Litanei wieder einmal Atem zu holen, aber auch, um sich für den Knalleffekt seiner Verkündigung gehörig vorzubereiten. „Und nun, Awromele, Sohn unseres Landsmannes Moische Mendel, aus dem oben angeführten Grunde vernimm jetzt, Awromele, was wir in unserer Weisheit beschlossen und was ich dir jetzt zu verkünden berechtigt und beauftragt bin: daß du zu einem hohen und ehrenvollen Beruf geboren und bestimmt bist — paß genau auf, was jetzt über meine schwachen Lippen kommt —, daß wir dir die Ehre erweisen und dich zu dem Schreiber unseres Vereins hiermit feierlich ernennen!" „Mit kurzen Worten, Sie wünschen, daß ich das Ehrenamt eines Sekretärs Ihres Vereins übernehme." Salomon schlug verzweifelt die Hände zusammen und schüttete seinen ganzen Grimmzorn in die Ohren seines schwarzen Kollegen. „Meier, hast du nicht gehört? Soll einem nicht da die Galle überlaufen? Ich rede mich eine ganze Stunde fast heiser, sagen wir von einer Kuh, und er antwortet mir etwas von einer Windmühle! Nein, daß mich Gott so gestraft hat, mit einem solchen Menschen verhandeln zu müssen! Stimmt es oder stimmt es nicht?" „Salomon, ich glaube, er hat dich verstauben, und er meint auch dasselbe, was du meinst," suchte der Angeredete ihn zu beschwichtigen. „Er meint dasselbe? Willst du etwa behaupten, daß ich nicht weiß, daß er dasselbe meint? Ich glaube, wenn ich dir nicht bald deinen großen Mund stopfe, bist du noch imstande zu behaupten, daß du gebildeter bist als ich. Kannst