Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
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450 geistigen und Politischen Bewegungen, gewaltige Antriebe und Impulse darAetet. Umwälzungen vollziehen sich die sonst erst nach dem Hinstevben ganzer Geschlechter möglich gewesen wären. Wenn Riesenkämpfe wie in sagenhaften Götterkreisen sich vollenden, dann müssen die Indischen schneller als sonst die Richtung ihreS Geistes und ihres Sinnens auf diese neuen Lebensformen einstellen. Wie das von jeder Gemeinschaft gilt, so trifft es in erhöhtem Maß« für das Judentum zu. Ist es doch gewiß kein Zufall, daß überall die Geister sich regen und die „eausa judaica" sorgsam und ernstlich behandeln. Wir sind der Zustimmung aller ernsten Freunde unserer Sache sicher, wenn wir den Wunsch hegen, daß der Tag des Friedens allen Juden die Bürgschaft der Politischen und sozialen Gerechtigkeit bringt. Eine Welt, die, aus tausend Wunden blutend,, um das Ideal der individuellen Freiheit gekämpft hat, kann nicht dulden, daß an irgendeiner Stelle -einer religiösen Minderheit, wie wir Juden sie darstellen, das Recht des freien Bürgers versagt oder auch nur im mindesten beeinträchtigt werde. Wir müssen verlangen, daß diese unsere Stimme am Tage der Entscheidung, gehört werde und nach ungezählten Vertröstungen die uns zugesicherten Versprechungen eingelöst werden. In ein Vaterland, das der Freiheit eine weite Gasse gebahnt, das mit verstaubten Vorurteilen und Engherzigkeiten gründlich aufgeräumt, erwartet neben unseren reisen Männern unsere Jugend zurückzukehren, die in heißem Patriotismus, in unvergleichlicher Begeisterung gewaltige Opfer an Gut und Blut gebracht hat. Wie weit der Krieg sie in ihrem Wesen und in ihren Bestrebungen berührt, soll in, folgendem untersucht werden. Viele Tausende von jüdischen Jünglingen zwang der Krieg, von der Schulbank, aus den Hörsälen der Hochschulen, aus dem bürgerlichen Beruf hinaus in den furchtbaren Ernst des Dölkerringens zu treten. Es ist keine Frage, daß er sie in ihrer natürlichen Entwicklung hemmen muß. Jahve werden vergehen, ehe die wissenschaftliche Vorbereitung oder die berufliche Ausbildung vollendet sein wird, und wie viele Hoffnungen, werden auch bei den Ueberlebenden durch die Macht der Verhältnisse unerfüllt bleiben. Manche glanzvolle Laufbahn wirdsich denen verschließen müssen, die einst verheißungsvoll sich den vom Schicksal Begnadeten darbot. Wenn es irgendeinen Trost gibt in dieser! Einbuße, die ihren Einfluß auf die Regsamkeit auch des geistigen Lebens der Gesamtheit erstreckt, so ist es die Tatsache, daß selbst die Jüngstengereift an Ernst und Erfahrung deS Lebens zurückkehren werden. Wie sie mit verdoppeltem Fleiß sich chren, beruflichen Pflichten zuwenden werden aus jenem siMichen Bewußtsein, das der Krieg erzeugt, so werden sie den gemeinsamen Ausgaben des deutschen Judentums erhöhtes Interesse und Verständnis entgegenbringen. Viele haben draußenin der Not des Daseins das Schicksal des Juden empfunden oder in der Fremde erst kennengelernt, viele -haben draußen erst auf ihr Judentum sich besinnen können. Wir rechnen auf eine heiße Liebe, die fortan in Treue dem alten Stamm sie bewahren werden. Für die Jugend aber ist die Arbeit gegeben in den Jugendvereinen, die ihren besonderen Idealen und Zielen dienen. Das letzte Jahrzehnt hat einen bedeutsamen Aufschwung der Jugendvereinsbewegung geschaut, sie ist im Grunde selbst durch den Krieg nicht zum Stillstand gekommene Darin sind sich wohl alle Kreise einig, daß die Jugend sich dieser Organisation anschließt und in ihr Anleitung-, Erziehung, Bildung in jüdischem Geiste empfängt. Es fällt somit dem Jugendverein eine wesentliche Aufgabe zu, um die werdenden Charaktere gerade in dem entscheidenden Zeitpunkte der Vollendung und der Reise in gewichtigen Lebensfragen entgegenzuführen. Er bringt zum Abschluß, was Schule und Haus begonnen -haben. Er kann sich nicht darauf beschränken, ein-bestimmtesMaß von Wissen zu vermitteln. Er muß darüber hinaus einen gesellschaftlichen Mittelpunkt schassen, er muß durch Jugendheime Bildungsmöglichkeiten bieten und -erwecken, er muß an die turnerische sowie sportliche Ertüchtigung feiner Mitglieder denken, muh das Wandern, die Liebe zur Natur ebenso pflegen, wie die Gemeinschaft und die Vertiefung religiöser Feiern der stete -Gegenstand seiner Fürsorge sein -müßte. Wir sind nicht jo ängstlich, nur der jüdischen Belehrung Raum zu gewähren, aber sie muß doch in diesem Kreise das Ziel bleiben. Der ärgste Feind jeder Entwicklung ist die planlose Verzettelung der Kräfte. Die Vorträge mögen den großen Rahmen für die Veranstaltungen des Jugendveveins bilden, die eigentliche Arbeit aber muß in gesonderten Gruppen und Kursen geleistet werden, wenn sie gedeihlich und Meckhaft sein soll. Nach dieser Richtung werden die heimkehrenden Mitglieder eine vollkommene Umstellung der JugendvereinSarbeit vornehmen müssen. Es verstehtsich ganz von selbst, daß das Ziel auf den verschiedensten Wegen anaestrebt werden kann. Leben entsteht nur durch Kanrpf, und nicht durch die Ruhe des Friedhofs. Das Ringen um das Ideal ist daS vornehmste Vorrecht der Jugend. Wie im deutschen Judentumalle Kräfte Raum gewinnen, so darf das nicht minder von der Jugendvereinsbewegung gelten. Wir dürfen das Vertrauen zu ihr hegendaß sie die richtigen Wege wählt. Gerechtigkeit und Duldsamkeit muß sie gegen alle Parteien üben. Wenn sie nicht mit fertigen Parteischablonen arbeitet, -dann ist es möglich, daß der einzelne zu gefestigten Anschauungen über -die ernstesten Dinge des Lebens gelangt und eine wohldurchdachte Ueberzeugung sich zu eigen macht. So wirksam im allgemeinen die neutrale Organisation sich erwiesen hat, so sehr können wir das einzige Allheilmittel i>n ihr nicht -erblicken. Die Akademiker sind es gewohnt, sich nach studentischer Sitte in Korporationen zusam-menzuschließen. Wie wir uns damit abfinden müssen, daß die orthodoxen und die zionistischen Kreise ihre Bestrebungen in gesonderten Vereinen in rührigster Weise vertreten, so ergibt sich alslogische Folgerung, daß die Liberalen bei der Jugend für ihre Tendenzen werben und sie zu rechtem Verständnis für ihre Aufgaben erziehen. U-eber allen Verschiedenheiten und Differenzen gibt es doch eine Gemeinsamkeit des Zieles, an dem alle Mitwirken können, wenn sie von Liebe und Begeisterung für das Judentum erfüllt sind. Es ist bedauerlich, daß an persönlichen Gehässigkeiten und Verunglimpfungen, an absichtlichen und bewußten Mißverständnissen die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Jugend gescheitert ist. Sie wird kommen, weil sie eine Notwendigkeit ist. Sind wir gerüstet? Von Zahnarzt Herzberg (Kassels. llgemein unter uns Juden ist bekannt, daß unsere Gegner, die Antisemiten, jetzt schon daraufhin arbeiten, mit aller Macht gleich nach dem Weltkriege den Feldzug gegen uns zu eröffnen. Aus einem ihrer Flugblätter wissen wir, daß alles Material, natürlich im Geheimen, gesammelt wird, um dann als Waffe gegen uns zu dienen. Welcher Art diese Waffen sind und sein werden, können wir uns ja denken: Judenzählung, Kriegswucher, Kriegsgesellschaft, Drückebergerei usw. Diese Schlagworte würden mit die Hauptrolle spielen. Sind wir nun in der Gesamtheit gegen alle diese Angriffe gerüstet? Zunächst: Wer sind unsere Gegner? Die. welche sich offen Antisemiten nennen, sind oft noch nicht die schlimmsten. An den Politischen Parteien gemessen, haben wir im nationalliberalen und im Zentrumslager viele offene und noch mehr geheime Gegner sitzen. Besonders den letzteren -entgegenzutreten, ist dem einzelnen von uns oft schwer.