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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-20 · Heft 38 (20.9.1918) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 449 (sequence 5)
Language
German
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449 das ich vor einiger Zeit in dieser Zeitung besprochen habe"). Auf die Beiträge der beiden ersten soll in diesem Zusammenhang nicht noch einmal hingewiesm werden, weil ich das zu ihrer Charakteristik Nötige in der früheren Nummer dargelegt habe, nur auf den drittenmag hier etwas näher eingegangen werden. « Scholem Aleichem möchte man den Dichter der Kleinstadt nennen, den Vorführer idyllischer Zustände, den Zeichner kleiner humoristischer Bilder mit satirischem Anstrich. Nach den Proben, die sein neues Buch^) gewährt — meist neuen, nur die am Schluß des Bandes abgedruckten Skizzen waren schon aus früheren Sammlungen bekannt, z. B. die köstliche Satire „Der Gast" —, halte ich Scholem Aleichem für einen nicht gerade sehr originellen, aber ganz anmutigen und erquicklichen Schriftsteller. Im Gegensatz zu seinen beiden oben genannten Genossen will er nicht durch Vorführung von Greueln Schrecken erregen, er schwelgt weder in -den -düsteren Ereignissen der Vergangenheit -und der Gegenwart, noch ergreift -er durch die Ausmalung fürchterlicher Zustände, die etwa in -der Zukunft drohen, sondern er behagt sich, und erregt damit auch das Behagen des Lesers, in Ausmalung des zwar ärmlichen, aber friedlichen Kleinlebens. Im ganzen steht der Verfasser auf seiten der Armen; -die Reichen in ihrer Aufgeblasenheit, ihrem Geiz, ihrer Wichtigtuerei verfolgt er mit Spott; seine Sympathie neigt sich den Armen und Bedürftigen zu, bei denen seiner Meinung nach wirkliches Streben, tiefer Idealismus und wahrhafte Frömmigkeit vorhanden seien. Ein besonders eigentümliches Zeugnis dieser feiner Eigenart ist das „Tagebuch eines Knaben", das ausführlichste Stück des neuen Bandes, fast 200 Seiten stark, das geradezu wie ein autobiographisches Bruchstück anmutet. Es ist die Geschichte des Sohnes eines Kantors, dessen Vater früh gestorben ist und der sich rüstet, -mit seiner ganzen Familie nach Amerika auszuwandern. Die Kindheitsgeschichte, der Auswanderungsplan, die Städte Lemberg, Krakau, Wien, Antwerpen, London werden ausführlich geschildert, mit allen kleinen und großen Leiden, die sie für die Auswanderer im Gefolge haben: Diebstähle, Zurücksetzung, Krankheiten. Die Charakteristik der einzelnen Personen: des Helden selbst sowie seiner kleinen Freunde und Freundinnen, seines Bruders Elia, der durch eine Heirat reich geworden, aber durch den Bankerott feines 'Schwiegervaters in Dürftigkeit in Armut zurückgefallen ist und sich mit Erfindungen über Wasser zu halten versucht, ferner der Frau des Genannten, der Mutter, auch eines Nachbars, der sich in Begleitung seiner Frau den Auswanderern anschlietzt, sind ganz ausgezeichnet; in diesem großen Genrebild hat Scholem- Aleichem wohl das Beste geliefert, das ich von ihm kenne. Das Satirische s) „Allgemeine Zeitung des Judentum" 1917, Nr. 32, S. 383. *) Scholem Aleichem, „Aus dem nahen Osten". Novellen. München und Berlin, Georg Müller Verlag. tritt auch in dieser Skizze lebhaft hervor; mit besonderer Schärfe macht es sich geltend gegen die Auswanderungskomitees, die ihre Schutzbefohlenen stundenlang warten lasten und die endlich Vorgelafsenen in schnöder Weise behandeln. Von Verbrechen wird nur selten berichtet. Wie sein er aber auch die aufteimende Schlechtigkeit zu tadeln weiß, geht aus der Skizze „Das Messerchen" hervor, der Schilderung der Gewissensbisse eines Knaben, der ein Mesterchen gestohlen hat und aus der Erkenntnis seiner verbrecherischen Tat heraus sich zu einem gottgefälligen Leben ermannt. Merkwürdig wenig wird in allen diesen Erzählungen von Liebe und Leidenschaft gesprochen. Auch Tragisches findet sich nur in geringem Maße. Eine charakteristische Probe dafür ist die Erzählung „Ein Gewinnlos", die Geschichte eines Knaben, des Sohnes eines Tempeldieners, der aus dem Vaterhaus entflieht, auf das Gymnasium einer fernen Stadt geht und das Judentum verläßt, um sich die moderne allgemeine -Bildung anzueignen. Die Seelenstimmung und die Verzweiflung der Familie des Abtrünnigen werden nicht ohne Größe -dargestellt.» Aber im Grunde ist Scholem Aleichem der zufriedene Plauderer, der zwar den Ernst der Lage kennt, unter der die Juden des Ostens schmachten, aber eher bestrebt ist. das Erfreuliche aufzuweisen als das Bedrückende und Lastende. J-m ganzen steht er natürlich auf -der Seite -der Juden des Ostens und teilt ein wenig die Abneigung jener gegen die Deutschen, sowohl in ihrem Betragen als in ihrer Aufklärung; wie -empfänglich er dafür ist, daß die Deutschen diesen Haß vergelten, zeigt gleichdie Anfangsskizze „Der Deutsche": die Darstellung -des Triumphes, -den ein deutscher Jude, der von einem polnisch - russischen Glaubensgenossen übers Ohr gehauen worden ist, über diesen erringt. So angenehm der Eindruck des Ganzen auch ist, gegen die Titelgebung des Buches, die vielleicht gar nicht von dem Verfasser, sondern von der Uebersetzerin herrührt, die übrigens durchaus keine Meisterleist-ung bietet, sondern uns eine nicht einwandfreie Uebertragung vorlegt, möchte ich Einspruch erheben. Denn dieser Titel „Aus -dem nahen Osten" entspricht unserem Gefühle wahrlich nicht; geographisch nahe mag uns dieser Osten sein, aber innerlich steht er uns furchtbar fern; wir mögen diese kulturlosen Massen bemitleiden, ihnen eine Erhebung aus ihrem Elend, ihrer Not wünschen, aber wir bekennen, daß sie unserer ganzen Austastung, unserem Begriffsvermögen unendlich fernstehen. Krieg und Jugend. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen), enn es wahr ist, daß „der Krieg -der Vater aller Dinge ist", dann ist der Schluß berechtigt, daß er nicht bloß Schrecken und Grauen um sich breitet, sondern auch dem normalen Lauf der Dinge, zumal den Scholem Aleichem. Aus dem Buche „Ostjüdische Erzähler: I. L. Perez, Scholem Aleichem, Schalom Asch." Ausgewählt und übertragen von A. Eliasberg, mit drei Bildnissen. Gustav Kiepenheuer, Verlag, Weimar. Halbleder M. 4,—, leicht kartoniert M. 1,50.

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