Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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448 faßte den Beschluß, ein Programm vuszuarbeiten, das zu einem Ausgleich mit der zionistischen und nationalistischen' Richtung führen soll. Die Konferenz protestierte gegen das Vorgehen böswilliger Verlvaltungsorgane, die die Reinigung der Mischen Bevölkerung in einer Weise vornehmen, welche alles menschliche und religiöse Empfinden des Juden beleidiat. * Am 20. September feiert unsere treue Mitarbeiterin Frau Regina Ne iß er in Breslau ihren 70. Geburtstag. Wir entbieten ihr unseren herzlichsten Glückwunsch. Eine gute Schulbildung in ihrer Vaterstadt Lissa i. P., an der sie, die in jeder Weife so pietätvoll gesinnte Frau, stets sehr hing, Jugendeindrücke in Berlin der 60er Jahre schufen ihr den Fonds, den «sie in rastlosem Eifer bis heute immer vermehrte. An die Oessentlichkeit zu treten scheute sie lange, bis vor reichlich 25 Jahren, trotzdem manches schon von den 70er Jahren her im Schreibtisch lag. Fast so lange ist sie auch eine treue Mitarbeiterin unserer Zeitung. Auch in anderen jüdischen und nichtjüdischen Zeitschriften veröffentlichte sie vieles,' teils die Gedenktage berühmter Frauen beachtend, tells auf allgemeine literarische und pädagogische Fragen eingehend durch ihre Vorträge an den verschiedensten Orten, fesselte sie eine anhängliche Zuhörerschaft. Die treu-liberale Jüdin, die im besten Sinne einer gemäßigten Frauenbewegung das Wort redete, ist aber auch stets eine begeisterte Deutsche gewesen, von einem tiefen Nationalismus erfüllt. Von hervorragendem Pflichtgefühl beseelt, hat sie als Mutter und Gattin, als Pflegerin ihres jahrelang kränkelnden Gatten 'sich bewährt, als Vorstandsmitglied des Jüdischen Frauenbundes in Breslau eifrig gewirkt. Wir wünschen t der unermüdlich tätigen, für ihre Ideale rastlos kämpfenden Frau einen langen ungetrübten Lebensabend. * Eine interessante Studie über den Tempel Salomos veröffentlichte kürzlich der Altertumsforscher Dr. Brandenb u r g. Er kommt darin auf die Vorbilder des Tempelbaues zu sprechen und führt aus: „Als erster jüdischer Tempel kann der Salomonische natürlich nicht jüdisch gewesen sein, d. h. rein nationale Eigenart gehabt haben, sondern nurß von vorhandenen Vorbildern beeinflußt worden sein. Darauf" weist auch schon die Herkunft seines Erbauers Hiram aus Tyrus hin. Als Phönizier hatte er nicht nur die Heiligtümer seines eigenen Landes, das kulturell stets von anderen Nationen abhängig war, gesehen, sondern war wohl aber auch aller Wahrscheinlichkeit nach, wie die lneisten seiner Landsleute, weit gereist. Welche Vorbilder sind das wohl nun gewesen? Ter altbabylonische Tempel, der aus zwei hintereinander liegenden Quer-Cellen bestand, in denen weiter vor einer stachen Nische das Kultbild ausgestellt war, auf das man beim Eintritt fast „mit der Nase stieß", machte einen ästhetisch durchaus unbefriedigenden Eindruck. Außerdem können wir aus Ezechiel mit Sicherheit entnehmen, daß der Tempel Salomos sich aus Quer- und Längs-Cella zusammen setzte. Dieses' Schema finden wir aber nun bereits etwa tausend Jahre früher in Aegypten, zum Beispiel bei den Felsengräbern von Beni-Hassan, wie überhaupt die Lüngs'-Cella allem Anschein nach dort am frühesten zu finden ist. Bor ihr befand sich dann noch ein kleiner Raum zur Vornahme von Kulthandlungen in der Form der Ouer-Cella. Die unbefriedigende Mumwirkung dieser war in glücklicher Weise dadurch vermieden, daß man die vordere Wand fort ließ und sie durch Pfeiler oder Säulen ersetzte, wodurch sie zur offenen Säulenhalle wurde: eine der glücklichsten Schöpfungen -der Architektur. Unter Rams.es III., um 1230, wurde dieser Grundriß mehrfach für Felsheiligtümer benutzt, und in die gleiche Zeit fällt auch, was für uns hier wichtig ist: die Eroberung Palästinas durch die Aeghpter. Da ist es nun recht auffällig, daß sich gerade in der unmittelbaren Umgebung von Jerusalem (und zwar auch im Mrden der Stadt neben den sogenannten „Richtergräbern", wozu Ezechiel 8, 3 ff. gut paßt) einige in den lebenden Fels gearbeitete Grotten -finden, die man bisher für Gräber hielt und die einen ganz ähnlichen Grundriß aufweisen wie die ägyptischen Felsheiligtümer aus der Zeit Ramses III. Meine Annahme, das; diese „Gräber" bei Jerusalem hauptsächlich zu Kultzwecken gedient haben und nicht Grabstätten waren, hier ausführlich.auseinanderzusetzen und zu beweisen, ist «besonders ohne Abbildungen schwer mögjlich. Hier sei nur so viel gesagt, daß bei den: starken Einfluß, den Aegypten auf die damalige Kulturwelt hatte, und besonders auf ein unter seiner Herrschaft stehendes Land wie Palästina, es durchaus nicht undenkbar ist, daß man auch dort Kultstätten nach der gerade im Stammlande herrschenden „Mode" anlegte. Da diese „Gräber" bei Jerusalem einen großen aus dem lebenden Stein gemeißelten Vorhof haben und die Ouer-Cella, bei ihnen zur offenen Halle umgeformt, schon von weitem sichtbar ist, so muß sie wohl auch Hiram gekannt haben. Sie können ihm den Gedanken für die Vorhalle des Tempels als Ouer-Cella mit. sich daran anschließender Längs-Cella, die bei den „Gräbern" die gleiche wie beim Tempel ist, eingegeben haben. Man muß wohl bei unbefangenem Urteil zugeben, daß es kein reiner Zufall sein kann, wenn einerseits die Heiligtümer in Aegypten und andererseits die „Gräber" bei Jerusalem fast „wörtlich" miteinander übereinstimmen und dann der Tempel Salomos wiederum ein ähnliches Grundschema aufweist. So viel über Herkunft und Ableitung des Grundrisses, die immerhin eutwicklungsgeschichtlich interessant sein dürften, aber noch nicht vollständig den großen Eindruck erklären, den der Tempel unstreitig auf M'it- und Nachwelt gemacht hat. Der muß, wenigstens soweit er die äußere Wirkung anbelangt, einen anderen Grund gehabt haben, sonst wären ja wohl die ägyptischen Heiligtümer ebenso berühmt geworden, was aber nicht geschehen ist. Sowohl letztere als auch die Kultgrotten bei Jerusalem waren Bauten der Felsarchitektur, d. h. aus dem lebenden Gestein herausgearbeitet. Von ihnen sah. man also nur -den Eingang, sonst nichts. Eine harmonische Außenwirkung kam bei diesen Schöpfungen der Felsarchitektur vollständig in Fortfall. Da konnte man im Innern des Felsens die Räume anlegen, wie man wollte. Auch die Jnnenwirkung wird, in Anbetracht des Fehlens von Fenstern und der damaligen Beleuchtungsmöglichkeiten, nur eine sehr beschränkte gewesen sein. Hiram aber erkannte in genialer Weife, was man daraus machen konnte, und übertrug zum erstenmal den Grundriß aus dem Innern des Felsens auf die freistehende Architektur. Die gleiche Grundmauer umfaßt jetzt Quer- und Längs-Cella, d. h. Vorhalle und den eigentlichen Tempel zusammen, und zwang sie so in die gleichen harmonischen Maße, so daß ein großer und schöner Bau entstand. Auch die Raumwirkung der Längs-Cella wird durch die bei Ezechiel erwähnten Fenster eine ganz andere geworden sein als in den unterirdischen, nur durch Oellampen oder Fackeln erleuchteten Grotten. So wurde Hiram und indirekt auch Salomo, weil er es verstand, einen solchen Architekten zur Ausführung seines grandiosen Planes zu berufen, zum Schöpfer des heutigen „Kirchenschiffes" mit Vorhalle. Das ist das unbestreitbare Verdienst dieses nicht nur prunkliebenden, sondern auch kunstsinnigen Fürsten und seines großen Baumeisters." Der jüdischen Tradition laufen die Voraussetzungen Dr. Brandenburgs zuwider, denn der Tempel Salomos ist nach dieser eine Nachbildung der den Bestimmungen des Pentateuchs entsprechenden Stiftshütte. Wenn die Archäologie aus ähnliche Bauten bei anderen Völkern stößt, so kann es sich ebensowohl um parallel laufende architektonische Bestrebungen gehandelt -haben, wie es nicht ausgeschlossen ist, daß gerade der Salomonische Tempel erst die Baumeister der damaligen Zeit künstlerisch beeinflußt hat. Losgelöst von der Frage der Priorität, schien uns die Arbeit Dr. Brandenburgs interessant genug, um hier kurz erwähnt zu werden. Wdilchr Srndrr und Sichter. Von Ludwig Geiger. 6. Schokem Aleichem. eben den beiden in der vorigen Nummer behandelten Erzählern I. L. Perez und Schalom Asch ist in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit auf den Dichter gelenkt worden, dessen Namen die Ueberschrift dieses Artikels führt. Alle drei sind mit charakteristischen Proben in einem Bändchen vereinigt'), *) ,/Ostjüdische Erzähler: I. L. Perez, Schalem Weichem, Schalo-m Asch." Ausgewähtt und aus dem Jiddischen übersetzt von Alexander Eliaslberg. 1. bis 5. Tauisend (der Liebhaber-Bibliothek 34. Band). Gust. Kiepenheuer, Weimar 1916.