Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-20 · Heft 38 (20.9.1918) · p. Seite 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229377--74313-3286801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

446 sehen wir heut mit erschreckender Deutlichkeit. Alle Völker seufzen heut unter denselben Sorgen, alle sind in Trauer getaucht ob des Verlustes kostbarsten Menschengutes, alle leiden unter der Furcht vor dein Hunger, unter dem Mangel an Licht und Wärme, alle fühlen sich wie in einem Gefängnis voller Enge und möchten aus dessen Mauern hinaus; und innerhalb der Völker stehen auch die einzelnen Volksglieder unter gemeinsamem Erlebnis. Wenn Leid und Sorge ein Mittel der Verbindung wären, längst müßte ein neues Gemeinschaftsgefühl von ungeahnter Stärke erwacht sein, längst müßte die Tiefe und Schwere des Leides ein unauflösliches Verbundensein erzielt haben; und statt dessen sehen wir, daß gerade durch die Fülle des Leides und des Elends eine um so tiefere Verbitterung emporwächst, die die einzelnen Volksglieder widereinander in Feindschaft bringt. Eine wilde verhaltene Wut steigt empor, die in dem anderen den Verursacher allen Leides und allen Wehes erblickt; es fehlt an der Freude, die einen könnte. Wir hatten vor dem Kriege viele Dinge, die ein Gefühl der Gemeinsamkeit hätten erzeugen können und müssen; all die Wunderwerke der Technik, Eisenbahn, Telephon, drahtlose Telegraphie, Automobile, Luftschiffe, die das Tempo des Verkehrs beschleunigen und der Häufigkeit des Jnverbindungtretens von Mensch zu Mensch die Bahn bereiten sollten, hätten doch zu einem Gefühl des Verbundenseins ohnegleichen führen müssen. Die Wirtschaft der Völker war so ineinander verflochten, daß eines vom anderen abhängig war, und das fühlte man auch; es hätte also ein unauflösbares Gefühl des Verbrüdertseins erstehen müssen, und es erstand doch nicht oder doch nicht kräftig genug, und warum nicht? Einfach, weil man all diese Dinge nicht erfaßte von dem Gesichtspunkte des Bringens der Freude, der Mehrung der Freude. Man erfaßte sie unter dem Gesichtswinkel des Eigennutzes; der Wirtschaft lag nicht der Gedanke zugrunde, den Ausgleich der Güter herzustellen, um die Freude auf Erden zu mehren, um dadurch, daß man jedes Erzeugnis an die Stelle führt, an der man es braucht, das Glücksgefühl der Menschen zu steigern, sondern der nackte Eigennutz. Die Wunderwerke der neuzeitlichen Technik benutzte man nicht, um rascher mit dem entfernten Nebenmenschen in gemütliche Beziehung zu treten, sondern man Pflegte sie von vornherein im Gedanken an den Krieg, als ein Mittel, um rascher Vernichtung zu bringen, oder man Pflegte sie aus der Selbstsucht der Eigenwirtschaft heraus. Darum, weil der Gedanke, Freude zu bringen, nicht der bewegende in ihrem Gebrauch, in ihrer Ausgestaltung war, darum dienten sie nicht zur Verbrüderung, darum tat sich an ihnen die Kluft zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk nur um so tiefer aus. Aus dem Hüttensest gewinnen wir nun die Wahrheit, daß der stärkste Förderer eines brüderlichen Gemeingefühls unter den Menschen echte, edle Freude wäre; und wir gewinnen die Mahnung, daß es ein Gebot der Religion ist, aus Freude zu sinnen, Freudezu fördern, durch Freude die Gemeinsamkeit der Menschen zu begründen. Nicht aus nüchterner Nützlichkeitserwägung, sondern aus religiösen Gründen sollen wir Freude verbreiten, denn anders wird das erhabenste Ziel der Religion, der messianische Gedanke, nicht erreicht werden, als durch Mehrung der Freude aus Erden. In all unserem Tun, im Berufsleben und in allem, was darüber hinausgeht, soll der Gedanke der vorherrschende sein, daß wir den Schatz an Freude und an Glück, der für die Menschen aufgespeichert ist, heben und ihn fruchtbar machen für jedermann; all unser Sinnen sei darauf gerichtet, die Welt mit Freude zu erfüllen und sie zu dem Paradies zu gestalten, das sie sein kann, wenn der Mensch nicht unnütz die Hemmnisse, die in Krankheit, Alter und Tod mit Naturnotwendigkeit schon gegeben sind, mit Willen und Absicht noch mehrt. Selbstredend, daß damit nicht die eitle und leere Freude des rasch hinschmelzenden Sinnengenusses gemeint ist, sondern die vertiefte, geistige, die einzig echte. Daß aber mit ihr der reine Gottesdienst beginnt, spricht schon das talmudische Wort aus (Sabbat 3vb): „Daß Gottes Herrlichkeit im Menschen nicht zur Entfaltung gebracht werden kann, wo Trübsinn, Traurigkeit, träge Ruhe, Scherz und Leichtfertigkeit wohnen, sondern nur aus der inneren Freude, die mit dem Bewußtsein einer guten Tat verbunden ist." Auf solche Weise Gott zu dienen, durch Mehrung der Freude auf Erden das messianische Reich der Menschenverbrüderung zu fördern, leitet uns das Hüttenfest an; darum heißt es auch: „das Fest" schlechthin. Sir Woche. Berlin, 17. September. erbstliche, fast winterliche Temperatur, beständiger Regen, unerfreuliche Nachrichten vom Kriegsschauplatz: das ist die Signatur der vergangenen Woche. Die Zerstörung unserer Hoffnung auf einen sonnigen Herbst, auf eine baldige Wendung des Kriegsglücks bedrückt unser Gemüt. Und so können wir, mitten in der Festzeit, nachdem die ernsten Feiertage vorüber sind und die heiteren Feste in Aussicht stehen, diesen nicht so leichten und befreiten Geistes entgegengehen, wie wir wünschten und möchten. Und doch müssen wir uns bemühen, trübe Empfindungen so weit wie möglich niederzudrücken und die Erwartung auf bessere Tage zu heben und zu stärken. Unser Vertrauen auf eine gute Wendung soll nicht erschüttert werden, das Triumphgeschrei unserer Feinde soll uns nicht wankend machen, ihr starres Beharren auf unsinnigen und nie zu gewährenden Friedensbedingungen soll uns von der Verteidigung unseres Rechts und unserer Forderungen nicht Iveichen lassen. Inzwischen kommt die Nachricht, daß der österreichisch-ungarische Gesandte in Bern am 14. d. M. den Vertretern der feindlichen Regierungen eine Note überreicht hat, in der sämtliche kriegführenden Mächte zu unverbindlichen Besprechungen an einem neutralen Ort aufgefordert werden. Gleichzeitig wurde die Note den verbündeten Mächten in Berlin, Sofia und Konstantinopel überreicht und den neutralen Regierungen zur Kenntnis übermittelt. Möge diese Friedensnote, deren Wvrtlaut die Tagespresse bereits mitgeteilt hat, den gewünschten Erfolg herbeiführen, und möge ein gütiges Geschick über unserem Vaterland walten und uns gewähren, 'bald mit freudigerer Stimmung von den Weltereignissen zu berichten! * Das deutsche Volk wird zur Zeichnung auf die neunte Kriegsanleihe aufgerufen. So oft nun auch dieser Ruf erscholl, hat er seine Wirkung getan. Er wird auch diesmal nicht ungehört verhallen. Ja, diesmal müßte er einen noch freudigeren Widerhall finden, als jemals vorher. Als uns große Erfolge lächelten, spendeten wir leichten Herzens; nun in bekümmertem Sinn muß jeder sich sagen, daß es doppelt, ja dreifach notwendig ist» die Mittel zu gewähren, um dem mächtigen, trotzigen Feinde entgegenzutreten. Noch ist nichts von dem verloren, was wir im Frühjahr gewonnen hatten, noch können wir stolzen Mutes darauf Hinweisen, daß der Kampf, der schreckliche, erbitterte, der auch uns die schwersten Opfer kostet, in Feindesland geführt wird, aber es gilt nun unseren Tapferen da draußen, die ihr Blut für uns wagen, zu bewerfen, daß wir bereit sind, unser Gut hinzugeben für die Schirmung unseres Rechtes und unserer Freiheit. Möge jeder dieser heiligen Pflicht eingedenk fein! *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.