Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 38 Berlin, 20. September 1918 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalem«« Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32H. „Zum Hüttenfest." Bon Rabbiner Dr. Dienemann (Ratibor). — Die Woche. — Jüdische Denker und Dichter. Von Ludwig Geiger. — Krieg und Jugend. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen). — Sind wir gerüstet? Von Zahnarzt Herzberg (Kassel). — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Miszellen. -- Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Elbing. Königshütte. Beuthen O.-Schl., Posen, Hamburg, Leipzig, Nürnberg, M.-Gladbach, Frankfurt a. M., Lemberg, Warschau. — Von Nah und Fern. „Lum hüttenfelt." Von Rabbiner Dr. Dienemann (Ratibor). s ist eine merkwürdige und auffallende Tatsache, daß gerade das Hüttensest von altersher eine Auslegung in der Richtung auf das Messianische, aus die Menschenverbrüderung erfahren hat. Von vornherein erscheint kaum ein Feiertag so wenig dazu vorbestimmt, so wenig dazu geeignet als gerade das Hüttenfest. Denn einmal ist seine innere Begründung, seine Beziehung aus einen geschichtlichen Hintergrund ziemlich verschwommen. Bei den Worten, mit denen die Thora dem Fest seinen Grund ansetzt: „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage; jeder, der in Israel heimisch ist, soll in Hütten wohnen, damit eure Nachkommen wissen, daß ich in Hütten wohnenließ die Kinder Israels, als ich sie hinausführte aus dem Lande Aegypten" kann man sich vieles und doch nichts Festes, Bestimmtes denken. Und gibt man den Worten schon einen sest umrissenen Sinn und Inhalt, dann geht dieser doch mit deutlicher Spitze auf die Eigengeschichte Israels und scheint wenig Gelegenheit zu einer messianischen Ausdeutung zu bieten. Und doch tritt diese mit einer starken Deutlichkeit und Absichtlichkeit zutage. Sie kommt zum Ausdruck in der Ausdeutung des Feststraußes, daß er ein Sinnbild der Vereinigung der verschiedenen Charaktere unter den Menschen sei und daß erst durch diese Vereinigung Gott verwirklicht werde. Sie zeigt sich ferner in der agadischen Auslegung der Opfergesetze für das Hüttenfest, daß die siebzig an ihm darzubringenden Opfertiere den siebzig Völkern entsprechen, von denen man sich nach der damaligen Anschauung die Erde bewohnt dachte, und daß diese Zahl eben gewählt sei, weil an diesem Fest dadurch symbolisch die Vereinigung der Völker vollzogen werden soll. Und ferner kommt die messianische Ausdeutung des Hüttensestes zum Ausdruck in der Auswahl des Prophetenkapitels für den ersten Tag; man hat das kl. Kapitel des Sechariäh dazu bestimmt, welches in dem Satze gipfelt, der voll messianischer Hoffnung ist: „Gott wird König auf der ganzen Erde sein, an diesem Tage wird Gott einzig sein und sein Name einzig", und in dem ferner gesagt wird, daß einstens alle Völker der Erde vereint nach Jerusalem hinauf- .pehen werden, um daS Hüttensest zu feiern, und daß schwere Strafen werden verhängt werden über jedes Volk, das sich weigern wird, das Hüttenfest zu begehen. Wie kam man dazu, dem Hüttensest diese Richtung auf die brüderliche Vereinigung der Menschheit zuzuweisen? Wäre nicht manches andere Fest dazu geeigneter gewesen? Hätte diese Rolle nicht beispielsweise dem Wochenseste mit seiner Erinnerung an die menschheiteinenden zehn Bundesworte, auf denen alle menschliche Kultur beruht, besser angestanden? Oder dem Versöhnungsseste mit seinem Hinweis auf die Versöhnung aller feindlichen Brüder? Es muß also doch wohl in dem Inhalt des Hüttensestes etwas sein, das besonders geeignet ist, den Blick aus die Menschheit in ihrer Ganzheit zu lenken und Gedanken der Vereinigung auzuregen. In der Tat bietet es sich ungezwungen uns dar in dem, was in unscheinbarem Gewände als besonderes Festgebot genannt wird. Die Festsatzung gipfelt in den Worten: „und ihr sollt euch freuen vor dem Ewigen, eurem Gotte"; „und du sollst nur freudig sein"; nnd im Gebet wird unser Fest „Fest unserer Freude" genannt. Man sollte meinen, Freude und Fest seien sowieso immer unzertrennlich verbunden, man brauche sie nicht erst anzubefehlen, und doch wird Sichfreuen hier angeordnet als ein zu erfüllendes Gebot; es wird zu einem Wahrzeichen des Hüttensestes. Drängt sich da nicht unwillkürlich der Gedanke auf: Von hier aus gewinnt das Hüttensest seinen messianischen Charakter? Die Freude, sie ist das Einende, das Völkerverbindende. Freude allein kann die Menschen zusammenführen. Freude macht das Herz weich und mitteilsam, daß man jeden gern an der Fülle des Eigenen teilnehmen lassen möchte. Freude bringt das Herz zum Ueberströmen, so daß man keinen rechten Genuß an sich selbst hat, bis auch der andere sie mitgenießt; sie zwingt den, dem sie erwiesen wird, in ihren Bann, daß der eiserne Reis des Mißtrauens und der Selbstsucht zerspringt, den das Leben um das Herz schmiedet. Im Rahmen des Hüttenfestes ist das angedeutet in den Worten: „Du sollst dich freuen an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren weilen." die besagen, daß durch gemeinsame Freude die innere Verbindung der durch ein gemeinsames Haus, durch ein gemeinsames Land Vereinten erst wirklich vollzogen wird; und von da aus pflanzt sich dann der Gedanke ins Große weiter fort: Erst durch gemeinsame Freude werden die Völker geeint und zu einem Bunde zusammengesührt. Man sagt oft, daß Leid und Sorgen verbinden, aber das trifft doch nur in seltenen Fällen zu bei Menschen, die bereits durch ein anderes Band geeint sind; viel häufiger macht Leid und Kummer hart und verschlossen, umgibt das Herz mit einer felsigen Kruste, daß man sich auf sich selbst zurückzieht, sich in sich selbst vergräbt und verschließt, daß man sich einsam und verlassen fühlt und von dem Nachbar abschließt; nnd wie wenig selbst gemeinsames Leid verbindet, das