Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Betrieb bietet Ausbildung in Kinderwartung. Mütter, eheliche und uneheliche, werden vor und nach der Entbindung ausgenommen. In den ersten Jahren des Bestehens der Anstalt fanden die Entbindungen' in Neu-Isenburg bei einer Hebamme statt, seit 1910 im städtischen Krankenhause zu Frankfurt a. M. Die Mütter stillen ihre Kinder möglichst lange im Heim und erlernen deren Pflege; nach der Entlassung gehen sie meistens in Wegestellen. Das erste Haus beherbergt diejenigen Schützlinge, welche infolge ihrer Veranlagung dauernd eine Gefahr für sich und andere bilden. Während des Krieges ist Haus 3 für Schulkinder eingerichtet. Die Zuweisung' der Kinder erfolgt entweder der zerrütteten häuslichen- Verhältnisse wegen oder infolge irgendwelcher Verfehlungen der Kinder, und zwar meist durch Behörden und Gemeinden. Die Kinder besuchen die Volksschule in Neu-Isenburg; eine Lehrerin beaufsichtigt sie in ihrer Freizeit und überwacht die Schulausgaben. Die Anstalt hat im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens schon reichen Segen gestiftet. 287 schutz-bedürftige Frauen und Mädchen, darunter 20 Kriegsfälle, wurden aufgenommen. Von den Insassen konnten 97 nach Hause entlassen werden; 84 fanden Stellung, die übrigen sind in Anstalten, Erziehungshäuser, Irrenanstalten, Krank-enhä'uf r -entlassen worden. Ein besonderer Vorzug der Arbeit des Jüdischen Frauenbundes besteht in der dauernden nachgehenden Fürsorge, die er seinen Schützlingen auch nach ihrer Anstaltszeit während ihres ganzen Lebens widmet. L. Mainz, 6. September. Holzschuhe sind während des Mittelalters, zumal, im. 15. und 16. Jahrhundert, äußerst beliebte Gegenstände der damaligen eleganten' Welt gewesen. Sie vertraten die Stelle der heutigen Gummischuhe, und bereits Sebastian Braut wettert in seinem „Narrenschisif" gegen die Edelleute, die ni-cht nur Hun-de und mit Schellen behangene Jagdfalken mit in die Kirche ,brachten, sondern die Kühnheit besäßen, sogar mit Holzschuhen diese heiligen Stätten Ali betreten. Sehr anschaulich schildert Bront in der erwähnten Dichtung das prahlerische und hochfährtige Geklapper, indem er zugleich, aus die Zimperlichkeit der Gemeinten ansprelend, sagt: „Die Holzschuhe mögen sie immer aus der Gasse gebrauchen, damit sie nur ja nicht ihre Füße .etwas beschmutzen, aber sie sollen in der Kirche durch ihr „Klappern" und „Schnyp-Schnapp machen" nicht die Ohren der Andächtigen damit betäuben." Auch Thomas Murner in seiner Narrenbeschwörung geißelt die Torheit des Holzschuhtragens in der Kirche. Noch heute fertigt man in Frankreich, besonders im Departement Lozere, also in den Eevennen mit der Hand geschnitzte feine, zum Teil sehr reich und geschmackvoll verzierte Holzschuhe zum Gebrauch in den Städten an. Wenn Brant sagt, daß es infolge dieses Schnyp-Schnappmachens in der Kirche oft noch schlimmer zuginge als in der Judenschule, so erfahren wir daraus, daß auch die Israeliten jener Zeit mit solchen Schuhen in ihre Synagogen kamen. So gab der berühmte Rabbiner Moses Minz ein Gutachten ab, nach, dem es verboten war, das Gotteshaus mit „Sanda- Itm" (gemeint sind Ueberschuhe alls Holz) zu betreten. Ausdrücklich werden Holzschuhe erwähnt in dem „Kleinen Buch der Frommen" des Mofes C o h m in dem es beißt: „Wenn Du Dir „Sandalen" kaufst, die mau m unserer Sprache „Holt,schuh" nennt, so fei Deine Absicht, sie zir dein Zwecke All benützen, daß Dir Deine Füße nicht, beschmutzest, auf daß sie rein seien, wenn Du in das Bethaus kommst, irm zll erfüllen, was Salomo gesagt hat (Pred. 4,17): „Hüte Deinen Fuß, wenn Du in das Gotteshaus gehst." Einmal kam Rabbi Nahlieb nach Koblenz, da. hörte ich aus seinem Munde die Erklärung: Es fmmrtc nicht zu mir der Fuß der Hoffart (Ps. 36, 12) — das sind die Sandalen, und die Hand der Frevler scheuche mich nicht (das sind die Handschuhe)." Indessen scheinen die Rabbiner mehr Wert aus die Reinhaltung des Gotteshauses bei dem Verbot der Holzschuhe gelegt zll haben, während die christlichen Prediger rnehr die Rücksichten der Eitelkeit im Auge hatten. Auch eine Vorschrift in der Hausordnung für die. 12 Chorschü'ler der Spitalschnle zu Nürnberg vom. Jahre 1343 verbietet das Betraten der Kirche mit Holzschuhen. tzollsnü. Den Haag, 6. September., Die Spendeneingünge des Jüdischen Nationalsonds im Monat Juli, haben laut Tageskurs 235 735 Francs betrugen und verteilen sich auf verschiedene Länder. — Bor einiger Zeit rou-rde mitgeteilt, daß in Odessa beschlossen wurde, eine Million Rubel für eine genossenschaftliche Siedllmg in Palästina auszubringen. Wie dem Hauptbur-eau des Jüdischen Nationalsonds im Haag ergänzend berichtet loird, ist der Beschluß auf Antrag von In gemein' U s s i s ch k i n gefaßt worden mit der Bestimmung, daß die Gelder denl Jüdischen Nationalsonds zwecks Kolonisierung von Ansiedlerkandidaten aus Odessa übergeben werden sollen-. Tie Sammlungen sind' bereits mit Erfolg ei'Ngeleitet worden. — Während des Krieges hat die Genossenschaftsbewegung immer weitere Kreise der russischen Judenheit erfaßt. Eine charakteristische Erscheinung ist das Bestreben, eine Verbindung zwischen dieser Bewegung mit der Landwirtschaft einerseits und mit Palästina anderseits herbeizuführen. So haben letztens elf jüdische Konsumvereine in Minsk mit etwa 1-0 000 Mitgliedern sich zu einem Verbände vereinigt, der eine segensreiche Tätigkeit für die jüdische Bevölkerung entwickelt. Er hat \i. a. ein landwirtschaftliches Gut von der Jewish Colonifa'tion Association übernommen und ein Budget von 50 000 Rubel zum Zwecke der Ausbildung von Pallüstinapionieren auf diesem Gut »bewilligt. Die erzeugten Produkte, insbesondere Gemüse, dienen in erster Reihe zur Deckung des Bedarfes der Konsumvereine. Von dem bedeutenden Umsatz der Ko ns u m'v e re i ne wird 1 Prozent an den Jüdischen Nationalfonds abgeführt. — Die Propaganda, für die zukunftsreiche Einnahme aus Lebensversicherungen zugunsten des Jüdischen Nationalsonds wird bisher in zwei Ländern in größerem Maße betrieben: in Amerika und in Oesterreich. In.den Vereinigten Staaten sind die Versicherungen, die eine Art Selbstbesteuerung zugunsten des Nationalsonds darstellen, schon vor dem Kriege immer häufiger geworden. Nunmehr wird mit Erfolg dafür agitiert, daß die in den Krieg ziehenden Soldaten eine Lebensversicherung zugunsten des Jüdischen Nationalfonds äbschließen. Unter anderen Hat der Präsident eines New Iorker Vereines, Samuel Gold stein, sich vor -seiner Einrückung auf 5000 Dollar für den Jüdischen Nationalsonds versichert. In Oesterreich hat die von der dortigen Landessammelstelle vor einiger Zeit energisch und umsichtig begonnene Propaganda bisher Versicheruugsabschlüsse im Gesamtbeträge von zirka 120 000 Kronen zur Folge gehabt. Gkstrrrrirh-Angarn Z. Wien, 6. September. Die Wiener medizinische Fakultät hat den numerus clausus eingeführt: „Infolge großen Andranges von Militürmedizinern und im Zusammenhänge mit dem seinerzeit vom Professorenkollegium beschlossenen numerus clausus fönnen im Studienjahr 1918/19 Studierende aus Kronländern, die eigene Universitäten besitzen, nur in sehr beschränkter Zahl -ausgenommen werben. Insbesondere gilt dies - und zwar ohne Rücksicht aus ihren derzeitigen Aufenthalt —- von Studierenden, die nach Galizien zuständig sind, deren Annahm-e nur in b e s o n der e n A u s n a h nt e f ü l l e u erfolgen kann. Die gleiche Beschränkung ist erforderlich für nach der Bukowina zuständige Studierende, sofern sie polnische Gymnasien absolviert haben oder 'sonst in der Lage sind, galizische Universitäten .aufzusuchen. Von dieser Maßnahme werden fast -ausschließlich die jüdischen Studenten aus Galizien und der Bukowina betroffen. Daß die zugelassenen Ausnahmen nicht auf Juden angewandt werden, kann aus Grund der bisherigen Erfahrungen als sicher angenommen werden. Tie Verfolgung und Rechtlosigkeit der g-alizischen Juden, die itt letzter Zeit in Oesterreich und Ungarn geradezu ungeheure Dimensionen annimmt, sich bisher aber auf die Schikanierung und Vertreibung der im Han'del tätigen Juden erstreckte, greift nunmehr auch auf die jüdische Studentenschaft über. Es ist Sache der österreichischen Kultusgemeinden, diesen antisemitischen Vorstoß abzuwehren. — Budapest, 6. September. Ter Bischof von Stütz ltveißenburg, Dr. Ottokar Prohaszka, ist plötzlich 311 den antisemitischen Hetzern übergegangen. Er hatte durch seine philosophischen Schriften itnd durch seine bedeutsamen Kanzelreden allgemeines Aufsehen erregt. Seine Schriften tour den aber von Rom verboten, und es entstand für ihn eine unerquickliche Lage. Prohaszka versöhnte sich dann mit Rom und erhielt, tote der Stutzllveißenburger Oberrabbiner Dr. St einher z berichtet, für feine reuige Umkehr 3500 Joch Feld. Nach dieser Wendung hat er sich wohl zwecks „Reinigung" — gerade Inden hatten den Bischof in der Oeffentlichkeit überschwenglich gelobt — dem Antisemitismus verschworen. Er hat nun Ende Juni d. I. unter dem Titel „Pro juvontute catholica" einen Hetzartikel, veröffentlicht, in dem er, auf angebliche amtliche Daten gestützt, sich dahin äußerte, daß in einem Regiment zur Friedenszeit die Zahl der Juden drei Prozent betragen habe, jetzt