Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 5om Kippur. Von S. Aschner. schwülen Raume summend Beten! \ Schon neiget, neiget sich der Tag. Vergessen Krieg und Lebensplag', der Haß, Der tausendjährige, der draußen lauert. Die Schatten wachsen um die weißen Mäntel Und weißen Bärte: innen wächst das Licht, Das selige, das die Versöhnung anfacht. So ist es heut', so war es einst, ureinst, So wird es morgen sein und immerdar. Um alte, morsche Bethausmauern brandet Der Zeiten Tollhauslärm in wirren Rufen, Die, fortgerissen, im Gewühl verhallen. Doch innen, innen unter Fasten, Beten Wächst still das Licht, das die Versöhnung ansacht. Literarische Mitteilungen. Mitteilungen der Indischen R e so r-mge me i n de zu Berlin, Nr. 1 vom 22. Juni 1918. In Nachahmung der Berliner Hauptgemeinde hat die .rührige, lebenskräftige Reformgemeinde das erste Heft ihrer Mitteilungen veröffentlicht, das aber im Gegensatz zu dem grünen Blättchen der Schiwester nicht hantztsächlich ans Mitteilungen besteht. Vielmehr sind solchen nur zwei Seiten gewidmet. Die vierzehn übrigen Seiten des Heftes werden durch 'verschiedene Abhandlungen -ausgefüllt. An ihnen sind di.e drei Prediger der Gemeinde, Coblenz, Lehmann, Jelski, mit Beiträgen beteiligt, -und zwar schreibt der erste über die ,,Aufgaben der Ref-orm-aieme-in.de", der zweite über „Die Bibel im Lichte der Wissenschaft", der 'dritte spendet einen Au-fsatz „Zur jüdischen Ethik". Voran geht ein kurzes Vorwort „Was wir wollen", das vom Vorstand herrührt: den -übrigen Inhalt des Heftes bilden drei Aussätze, deren- Autoren sich nicht genannt haben: es sind die folgenden: „Welche Vorwürfe erhebt inan gegen die Resormgemeinde?", „Wandlungen", „Von der Kraft des Gebetes". Alle Aufsätze fin.b gut geschrieben, lehrreich und durchaus geeignet, -die vielen, denen das Wesen der Refo-rmgemein.de unbekannt ist, darüber zu- -unterrichten-. Ta es nicht möglich ist, aus alle Ein-zelheiten einzugehen, so seiaus zwei Aussätze besonders hingewiesen. Coblenz stellt -als -die zwei wichtigsten Forderungen auf: Son-ntagsgottesdienst und deutsche Geb-etsp-rach-e. Er verteidigt beide in lebhafter Weife und fordert vor -allem 'die Errichtung eines Gotteshauses im Westen. Diese Forderungen, begründet er durch den Hinweis auf den starken Besuch des Gottesdienstes an den hohen Feiertagen und durch die Konsirm-andenkurse, deren Publikum sich großenteils -aus den im Westen wohnenden Personen zusammensetze. Als Ausgabe der Resormgemeinde betrachtet er besonders, bm\ jüdif-ch-natio nn le n Gedanken die religiöse Idee ent gegen zu setzen. Der zweite Aufsatz, -auf den wir mit einigen Worten einge-hen -wollen-., führt den Titel: „Welche Vorwürfe -erhebt inan gegen die Resormgemeinde?" Als wesentliche hebt der ungenannte Verfasser drei hervor: 1. Die Gemeinde habe ein unhistorisches Judentum geschaffen, 2. die Reformgemeinde sei die Brücke zur Tau.se, 3. sie habe den Assimilantism-us befördert. Mit großer Lebhaftigkeit bekämpft er -alle drei Vorwürfe. Bei -dein zweiten weist er dara-u-s hin, daß in der Liste der Austritte aus dem Judentum, die in dem „Gemeindeblatt" veröffentlicht würden, Namen von Mitgliedern der Ref-orm-genieinde nie zu finden seien. In Beziehung aus den dritten Vorwurf sagt er: „Jede Assimilation im religiösen Leben, die in -unserem ernsten Willen begründet ist, für -den .ewigen. Gehalt des Judentums Formen zu gewinnen, die unseren modernen Anschauungen entsprechen, trägt ihr R-echt dazu in sich selbst, denn sie vertieft und verinnerlicht -unser religiöses Leben." Die lebhaft geschriebenen, von echt religiösein Geiste getragenen^ von schöner Begeisterung erfüllten Ausführungen sind -sehr geeignet, -manche Mißverständnisse aufzuklären und die Bestrebungen der Gemeinde auch denen näherzubringen, die nicht zu ihren Mitgliedern gehören. L. G. T i e I u d e n s r a g e i ni h r e m g e schi ch t l i ch e n Zusammenhang und Vorschläge zu -ihrer Lösung. Von Josef Ringo. 1917, Verlag von Speidel u. Wurzel, Oberststraß- Zürich. Diese kleine (mir erst Ende August 1918 zugekommene) Schrift könnte man ihrer Tendenz nach billigen. Sie ist aber so verwahrlost geschrieben und wimmelt von so zahlreichen Druckfehlern, daß man sie mit größtem Unbehagen liest. Ed. Meyer wird als Mayer, Ed. Schräder als Schreiber zitiert: statt Liebe heißt es: Libo, und ebenso falsch werden biblische Bücher und talmudische Traktate angeführt. Manche Sätze -kann man überhaupt nicht verstehen, von stilwidrigen- Bildungen sei nur das unglaubliche Wort „verunmöa^ licht" hervorgehoben. Im ersten Teil will der Verfasser zeigen, daß die Jndein infolge ihrer inneren Uneinigkeit wenig geeignet gewesen seien, einen StHgt zu bilden: im zweiten führt er aus, daß sie nach ihrer Zerstreuung durch Bekehrungssucht und durch ihren Handel den Haß <tirf sich gezogen hätten.; im Schluß legt er dar, daß den Juden das „Sicheins--Fühlen" mangele, und gelangt zu der Telgerung: ..Voraussetzungen zur Gründung eines jüdischen Staates sind also weit (!) nicht vorhanden: würde aber ein solcher entstehen, so müßte er an der Unvereinbarkeit seiner Elemente zugrunde gehen." Der Verfasser, der. wie aus vielen Stellen hervorgebt, Jude ist, rät schließlich den Juden, sich dem Handwerk und dem Ackerball zlr widmen. Dieser Rat ist gewiß beherzigenswert: daß damit eine Lösung der Jlldenfrage geboten würde, möchte ich bezweifeln. L. G. Der S o zialis m u s und die Bibel. Eine soziale Stnd'e von Bros. Dr. meid, et vbi'l. John Edgar, Mitglied N'r königlichen Fakultät der Aerzte llnd Chirurgen. Glasgow. Zweite Auslage: 6. bis 25. 'Tausend. Verlag: Ernst Haendler, Elberfeld- Slonneborn: Bezuasquelle für die Schweiz: O. Billo, Zürich-Fluntern. Die tbeosopbiscke Literatur ist niemals so üvpig emporgeblüht, wie in der Jetztzeit. Das Hab der Weltkriea mit seiner gewaltigen Ausdehnung in Raum und Zeit bewirkt. Er hat Fragen gezeitigt, für die man eine Antwort nirgends and^r?nia ^nfzufinden als -in dem Urtchatz der Menschheit, der Bibel. Daher die BenbättigllN'g ln ft den mystischen Prophezeiungen in Daniel. Hefekiel uiw., deren Eriüllnna inan setzt gekommen alaubte. Die vorliegende Schrift ist nicht frei davon, aber sie bes-ckästiat sich -doch vornehmlich mit der Frage, ob sich der Sozialismus ans der Bibel rechtfertigen läßt, ob er in sich bearülndet ist, un-d wohin er letzteil Endes füwE Wir geben folgende Stelle aus dem Bn-che wieder, die bezeichnend ist für die Auffassung und Darstellung unb die an die jetzigen Vorgänge in Rußland erinnert: „Die Sozialisten verlangen llnd erlangen kleinere und größer^ Reformen, llnd jeder Sieg bestärkt in ihnen das Verlangen n^h größeren Siegen. Wir können kaum annehmen, daß dieienigen, die beute die Gewalt in den Händen haben, bereit -sein werden, immer weiter nachzuge'ben: -und nach nutzlosen Versuchen, ihre größeren Wünübe auf friedlichem Wege zu erreichen, wird das Volk ungeduldig werden angesichts der Gegnerschaft und der Langsamkeit der Reform. Indem es feinem Verlangen nachdrücklich Geltung zu verfchas'sen -sucht, wird es schließlich Gewalt anwenden, und eine allgemeine Revolution wird das Ergebnis- 'ein. Die Nationen sind setzt in einem solchen Grade miteinander verbunden, daß ein Krieg zwischen den Massen unb Klassen weltumfassend werden muß. Die Regierungen werden sich wider ihren gemeinsamen Feind, das Volk, verbünden, und das Volk, das einen Vorgeschmack der Freiheit gekostet hat, wird sich durch seine erwählten Führer nicht mehr zurückhalten lassen. Da raus wird Anarchie hervorgehen, und schließlich werden alle gegenwärtigen Königreiche und Einrichtungen zusammenbrechen „in einer Zeit der Drangsal, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht". (Daniel 12, 1--4.) — „Die jüdische Nation wird dereinst, wenn die Worte der Bibel wahr werden, -an erster Stelle stehen, und die anderen Nationen lverden sich allmählich der jüdischen Nation anschließen." (Jesaja 2, 1—3.) Wenn wir auch nicht mit allem, was der Verfasser ausf-ührt. einverstanden sind, so -ist seine Arbeit -doch als eine intcressaiüe Studie zu den Fragen der Zeit a-nzusehen. Sanit-ätsr-at Dr. Scherbel (Lissa).