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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-13 · Heft 37 (13.9.1918) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 37 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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443 „Heuchler! Scheinheiliger! Meinst du, ich weiß nicht, was du in deinem schwarzen Schädel denkst? Oder gefällt sie dir nicht? Na, Awromele, du hast dich also verheiratet! Wer hätte das denken« sollen!" Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, warf den fettigen Filzhut auf einen anderen, so daß das schmierige Samtkäppchen auf seinem Hinterkops zum Vorschein kam, lehnte sich bequem zurück und winkte dem Freunde, seinem Beispiel zu folgen, was dieser etwas schüchtern und linkisch auch bald tat. „Sie wollen etwas Wichtiges mit mir besprechen," begann Klaßner «die Unterhaltung. „Nun, legen Sie los! Sie wissen doch, je eher wir anfangen, desto eher sind wir auch fertig." „Meier, hörst du, was er spricht? Hast du es denn gar so eilig?" rief Salonwn laut. „Vergiß nicht, Awromele, als unser Lehrer Moses im Himmel war, um die Gesetzestafeln zn holen, mußte er vierzig Tage und vierzig Nächte warten, und er hat Gott gar nicht gedrängt! Du aber 'scheinst gar so große Eile zu haben." „Sie haben mich ganz falsch verstanden. Ich. wollte damit nur sagen: Erst das Geschäft und dann das Vergnügen, und je schneller wir mit dem ersteren fertig sind, desto eher können wir uns dem letzteren hingeben. Was meinen Sie, Reb Meier?" „Ich meine, daß Salomon sich wie ein grober Klotz benimmt. Aber bei feiner Bildung kann man nichts anderes erwarten. Es ist doch ein altes Sprichwort: ,Aus einem Kuhschwanz kann man keinen Schießbogen machen!'" Verächtlich warf er dabei den Kopf nach der Richtung, wo fein Freund saß. „Habe ich denn gesagt, daß du ein Knhschwanz bist?" rief Salomon hitzig, kampfbereit. Meier zuckte mit den Achseln. „Dieser Witz ist schon ein bißchen alt und rührt von der Zeit her, wo die Ganse noch barfüßig herumzulaufen angefangen." „Willst du mich noch mehr beleidigen?" „Wer will dich beleidigen?" lautete die Gegenfrage. „Wie kann man dich überhaupt beleidigen? Ich glaube, wenn man dir ins Gesicht spuckt, sagst du, man soll dir einen Regenschirm borgen, weil es draußen regnet, und dein Ponim wäre davon naß geworden." „Aber, Freunde," unterbrach Klaßner den Wortwechsel, da er Mühe hatte, das Lachen zu verbeißen. „Ich glaube, daß das, was Sie jetzt anstellen, weder Geschäft noch Vergnügen ist!" „Ich habe es ihnen gleich gesagt, daß sie den da nicht mitschicken sollten," rief der Rote zornig. „Aber sie mußten es doch tun, weil sie wußten, daß man mit einer Axt ohne Stiel kein Holz hacken kann," gab der Schwarze zurück. „Sie?" fragte Klaßner neugierig. „Wer hat euch denn geschickt?" „Wer-wo-was?" ereiferte sich Salomon wieder. „Dir kannst wohl nicht warten, bis man es dir sagt? Ist denn Pharao mit seinen Reitern hinter dir her? Aber jetzt höre endlich, was ich dir sagen werde. Awromele, du hast doch so einen seinen Spiegel. Wieviel kostet er dich?" „Zweiundivierzig Mark," lächelte Klaßner, um den Besucher bei guter Laune zu erhalten. „Für den Anzug habe ich fünfnndsiebzig, für den Hut acht und für die Lampe sechsundzwanzig Mark bezahlt," fuhr Klaßner schnell fort, um etwa noch mehr derartige Fragen schon vorher zu erledigen. „Mas fällt dir denn ein? Mer spricht denn von Hut und Lampe?" explodierte der Rote aufs neue. „Erst peinigt er mich, weil ich nicht alles schnell ausposaune, und wenn ich endlich ansange, plagt er mich mit Sachen, die mich gar nichts an gehen! Meier, wollen wir nicht lieber gehen, da er uns doch gar nicht zu Worte .kommen läßt?" „Er hat ganz recht, Awromele. Was kümmert uns denn dein Hut und deine Lampe?" bestätigte der Schwarze. „Jetzt aber laß mich endlich reden," fing der andere wieder an, etwa wie ein Strafrichter, der mit einem jugendlichen Verbrecher Mitleid hat und ihn laufen läßt. „Wenn jemand ein Haus baut, muß er doch erst einen Grundstein legen. Ist es nicht so?" „Jawohl, bei allen Häusern, die ich bis jetzt gesehen, scheint dies der Fall zu sein." Salomon warf ihm einen mißtrauischen Blick zu und fuhr fort: „Awromele, ich kenne dich doch, seit du deinen Fuß zum erstenmal in diese Stadt gesetzt; denn sobald ich erfahren, daß Moische Mendels Wunderkind angekommen ist, habe ich mir schnell den Rock angezogen und bin zu dir gelaufen. Stimmt es oder stimmt es nicht? Und kaum hatte ich einen einzigen Blick -aus dich geworfen, habe ich gleich zu mir selbst gesagt: >Roter Salomon, hier ist ein Mensch, der dir große Freude machen, der über alle Menschen hinwegsteigen und ein großer Mann werden wird in Israel!' Awromele, das habe ich gleich von dir gesagt. Stimmt es oder stimmt es nicht?" „Für Ihre gute Meinung bin Ihnen sehr dankbar," sprach Klaßner, neugierig, was der andere mit der langen Einleitring eigentlich beabsichtigte. „Was. wollten Sie vorhin mit dem Hause sagen?" „Was für ein Haus denn?" „Sie sprachen von einem Hause mit einem Grundstein." „Was verdrehst du mir meinen Kopf? Haus hin, Haus her! Bist du vielleicht ein Häusermakler geworden, daß du fortwährend von einem Hause phantasierst? Meier, was hat es für einen Sinn, noch länger hier zu bleiben, wenn er jedes Wort festnagelt, das zufällig dem Gehege meiner Zähne entschlüpft? Wenn Leute sich zu einer Unterhaltung niedersetzen, müssen sie doch mit irgend etwas anfangen. Nu, warum soll man nicht gerade auch mit einem Hause anfangen können?" „Gewiß. Warum soll man nicht auch mit einem Hause anfangen können?" Salomons Gesicht nahm eine verzweifelte Miene an. „Mit diesem Menschen werden wir nicht fertig werden. Er wird mich noch verrückt machen! Bald weiß ich nicht mehr, was ich gesagt, oder was ich. nicht gesagt. Kaum fange ich an, meine Gedanken zu sammeln, husch! fällt er über mich her, wie ein Ziegenbock über die Trauben in einem Weingarten. Meier, ich bin ganz verwirrt. Wenn wir gewußt hätten, was für ein Mensch das ist, hätten sie meinetwegen Moses und die Propheten herschicken können. Stimmt es oder stimmt es nicht?" Meier schüttelte traurig den Kopf und schwieg. „Salomon, es ist wirklich nicht nötig, daß Sie sich so ausregen und betrüben", sprach Klaßner. „Ich werde Sie nicht mehr unterbrechen." Auf Salomons, Gesicht prägte sich großer Zweifel au§, schließlich aber entschied er sich, das Versprechen gelten zu lassen. „Also, höre, Awromele. Die Leute die uns zu dir geschickt — — die Leute, die uns zu dir geschickt und die uns mit allen Vollmachten ausgestattet, sind doch die Mitglieder des Vereins, der sich nennt -Verein der Säulen des Gesetzes und Hüter der Sabbatweihe', wie alle wissen — und warum sollten es nicht alle wissen?-Sie haben mich zu ihrem Vorsteher erwählt. Meier, stimmt es oder stimmt es nicht? Gott soll sich meiner erbarmen! Sitzt doch der Mensch da und schläft!" (Fortsetzung folgt.)

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