Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Menge auszuüben verstand — der Erfolg war ein ungeheurer. Inzwischen aber war der Künstler in Wien erkrankt und es dauerte einige Wochen, bis er wieder in der .„Akademie" austreten konnte. Jetzt war der Saal stickend voll. Da stand auf dem Podium bleich, mit hochmütigem Angesicht eine fremde Gestalt, umgeben von vier polnischen Juden, die das Publikum zunächst enttäuschten. Jetzt wurden ihm einige Bündelchen Stroh und einige Stücke und Stückchen Tannenholz gebracht. Das Publikum lächelte. Nun begann der Künstler sein Spiel. Schwache metallene Töne schlugen fremdartig an das Ohr der Zuhörer, man sah sich verwundert und wenig befriedigt an. Aber nach wenigen Minuten kamen die Töne wunderbar heraus und rissen die Zuhörer mit sich fort. Eine stürmische Begeisterung erfaßte alle, und Zurufe und Stampfen mit den Füßen erfüllte den Saal. Joseph Gusikows Ruf war entschieden. — Man lud ihn zu den höchsten Herrschaften ein. Eine Auszeichnung folgte der anderen. Aus einer Soiree bei dem russischen Botschafter v. Tatitescheff hörte ihn der Staatskanzler Fürst Metternich, der ihm ein besonderes Interesse entgegenbrachte. Hierdurch wurde ihm das Glück zuteil, sich vor den Majestäten und höchsten Herrschaften am Hofe hören zu lassen. Später unternahm Gusikow eine Kunstreise nach Berlin, und Dresden. Leider war seine Gesundheit aber derart untergraben, daß er bereits 1837 zu Aachen verstarb. Jedem das Srinige. (11. Forts.) Roman von M. P n l v e r m a n n. lice Mahlow? Ach so!" sprach er wieder lächelnd. „Nun ist das große Rätsel gelöst. Darauf also bezogen sich deine geheimnisvollen Andeutungen über „älterePflichten"! Wirklich, du wirst mich noch ganz stolz machen, indem du mich für einen solchen Herzbrecher hältst, in dessen Persönlichkeit jedes Mädchen unbedingt sich sterblich verlieben muß. Aber ein Tropfen Eifersucht soll manchmal sehr heilsam für die Seele einer jungen Frau sein, und darum werde ich dich bei diesem Glauben lassen. Nur meine ich, daß dein Verdacht gegen jenes arme Mädchen aus sehr schwachen Füßen beruhen mußte, und dadurch werde ich wieder ganz klein. Alice Mahlow ist ein sehr gutes Mädchen, das will ich gern zugeben, aber . . Achselzuckend brach er ab. Ellen zog ihn näher an sich heran und sprach nachdenkend und langsam: „Du hast recht, sie ist ein sehr gutes Mädchen, aber ich bezweifle, daß du auch weißt, wie gut sie ist. Vielleicht sollte ich es dir nicht sagen, dennoch will ich es tun." Und sie berichtete ihm ausführlich ihre Unterhaltung mit Alice an jenem Abend, als er ihr den ereignisreichen Brief geschrieben. Alice allein war es, die damals die Scheidewand niedergerissen, die seit Jahrhunderten zwischen den beiden Konfessionen und damit auch zwischen ihnen beiden errichtet worden war. Anfänglich war Klaßner wie betäubt, bald aber ließ die Spannung in seinen Gesichtszügen nach; seine Muskeln schienen wieder zu neuem Leben zu erwachen und arbeiteten mit großer Erregung. „Das hat sie für dich und — und — für mich getan?" fragte er. „Ja. Artur, das hat sie für uns getan. Nicht wahr, du bist mir nicht böse, daß ich damals erst einer Zurede bedurfte. Freilich hätte ich cs auch aus eigenem Antriebe getan; allein es war Alice, die mir den Schritt bedeutend erleichterte, und um der Wahrheit willen mußte ich es dir sagen. Alice und ich sind Schwestern durch etwas, das noch stärker ist als Blut." „Es bedarf wirklich keiner Entschuldigung deinerseits", sprach er mit tiefem Ernst. „Es hätte mich auch gar nicht überraschen sollen, denn das sieht ihr ganz ähnlich." Aus Ellens Augen sprang ein eigentümlicher Blick zu ihm herüber. Sicherlich hatte er ihre letzten Worte ganz überhört, da sein Geist noch mit Alice beschäftigt zu sein schien. Aber sie führte diesen Gedanken nicht zu Ende. Er war ihrer unwürdig. Klaßners Liebe gehörte ihr allein für das ganze Leben; es wäre daher kindisch von ihr, einen einzigen Augenblick seines Bedauerns der Freundin zu mißgönnen. Reuevoll schob sie ihre Hand in seine und lächelte ihm liebevoll zu. Sie wurden in ihrem Geplauder durch ein lautes Pochen an der Tür unterbrochen. Einen Augenblick später hörten sie Chaje Rachel eilig über den Korridor schlürfen, um zu sehen, wer draußen sei. Leute auf der Straße warten zu lassen, hielt sie für eine-große Sünde. „Es scheint Besuch zu kommen", sagte Klaßner, nachdem er eine Weile gelauscht. 10. Klaßner stand auf, um die Mitteilung zu vernehmen, die die Mutter ihm ins Ohr flüsterte: „Der rote Salomon und der schwarze Meier sind draußen, um dich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen- Sollen sie hereinkommen?" „Da du ihnen wahrscheinlich gesagt, daß ich hier bin, darf ich sie doch nicht abweisen." Und er rief den Draußenstehenden zu: „Treten Sie näher, meine Herren." „Scholaum alechem, Awromele! Wie geht's, wie steht's?" rief der eine, als er geräuschvoll ins Zimmer stolperte. „Das sollen Sie selbst beurteilen, wenn Sie mich bei Licht betrachten," antwortete Klaßner launig, ebenfalls im Jargon sprechend. „Friede sei auch mit Ihnen, Reb Meier! Ellen, Liebling," fuhr er in der Landessprache zu seiner Frau fort. „Diese Herren sind unsere Landsleute und gute Freunde." Ellen hatte sich ebenfalls erhoben und blickte die Männer neugierig an. Was sie zunächst bemerkte, war nicht nur der drollige Gegensatz, den diese beiden bildeten: der eine war groß, stattlich, rothaarig und geschwätzig, der andere dagegen dünn, grämlich, schweigsam und schwarzlockig. Lächelnd reichte sie den Männern ihre Hand hin und sprach freundlich: „Ich freue mich, Sie hier zu sehen, und ich hoffe, daß Sie uns noch öfter das Vergnügen machen werden." Der schwarze Meier, der ihr am nächsten stand, zuckte mit den Achseln und trat einen Schritt zurück, während der rote Salomon mit einer raschen Bewegung die Hände in die Taschen steckte und abwehrend rief: „Einer fremden Frau soll ich die Hand geben! Gott soll mich vor der Sünde beschützen und bewahren!" „Beide gehören zu den Heberfrommen," erklärte Klaßner entschuldigend seiner Frau. . „Es ist ein Ueberbleibsel der orientalischen Auffassung dem anderen Geschlecht gegenüber und bedeutet durchaus keine Beleidigung." Die junge Frau war etwas verblüfft, aber durchaus nicht beleidigt. „Eigentlich war doch der heilige Rambam mit all seiner Weisheit ein großer Schaute, daß er es nicht uns selbst überlassen, welcher Frau wir die Hand reichen dürfen und welcher nicht," flüsterteder rote Salomon dem schwarzen Meier ins Ohr, während er einen wohlwollenden Blick auf Ellen richtete. „Meschumed! Abtrünniger!" schleuderte dieser ihm ins Gesicht. )