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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-13 · Heft 37 (13.9.1918) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 37 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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441 Wahrlich, wie der reiche Zitateuschatz der heiligen Bibel uns Juden Führer und Leitstern in trüben und guten Tagen durch Jahrtausende gewesen, so wird die Bibel und so wird Israel Bestandhaben in alle Ewigkeit. Lebensbild eines MilchenLünstlers. Von Clara Schott. on einem längst in Vergessenheit geratenen Künstler möchte ick erzählen, ei-nem Musiker, der sich aus Holz und Stroh ein Instrument zurechtzimmerte und es so meisterhaft beherrschte, daß er Kaiser und Könige zu seinen Zuhörern zählen konnte. Joseph Gusikow war sein Name. Er wurde 1809 zu Sklow, einem Städtchen in Russische-Polen, geboren. Sein Vater war Flötenspieler, der auf Hochzeiten ausspielte. Diese Flöte war im Hause das einzig Fröhliche, denn es herrschte bittere Armut in der Familie. Um die Erziehung der Kinder konnten sich die Eltern wenig kümmern. Immerhin sorgten sie dafür, daß dieselben brav zur Synagoge gingen. Im Alter von 8 Jahren beganü sich der kleine Joseph Gusikow mit dem Talmud zu beschäftigen, wie es auch in andern Familien üblich war. So saß er mit anderen Kindern 10 bis 12 Stunden des Tages im Eheder (Lehrzimmer) und lernte. Des Abends aber holte er sich des Vaters Flöte heraus und spielte ihm die bald schwermütigen, bald scherzenden Melodien nach. Es dauerte auch nicht lange, so hatte er seinen Vater, der ihm all diese Melodien vorspielte, überflügelt und die Leute sahen es gern, wenn er denselben bei Gelegenheiten und Hochzeiten vertrat. Es machte dem Knaben auch ein unbändiges Vergnügen, einen Hochzeitszug anzuführen. Aber nicht nur in der Gemeinde hörte man den jugendlichen Flötenspieler an, im ganzen Städtchen lauschte man den hebräisch-polnischen National-Melodien, welche in ihrer webwütigen Lebendigkeit ergreifend wirkten. — Der Knabe selbst liebte seine Musik so sehr, daß es ihm schwer fiel, am Schabbes nicht spielen zu dürfen. Oftmals -begleitete ihn sein älterer Bruder auf der Violine und schließlich unternahmen die Kinder mit dem Vater gemeinsam eine Reise nach Moskau, wo sie sich öffentlich hören ließen. Zu dieser Zeit w!ar -gerade eine russische Melodie schr beliebt, die Joseph, der nie Noten gelernt hatte und alles nur nach dem Gehör spielte, wunderhübsch variierte und dadurch die Aufmerksamkeit vieler auf sich lenkte. Sicher hätte sich hier in der Großstadt für den Knaben eine Perspektive eröffnet, wenn nicht ein tückisches Geschick den kleinen Flötenspieler erkranken ließ. Er wurde von einer Brustkrankheit befallen und mußte zu seinem großen Schmerz dem Flötenfpiel entsagen. Joseph litt unter diesem Schicksalsschlag unendlich und grübelte unaufhörlich, aus welche Weise er seinem musikalischen Empfinden Ausdruck geben könnte. Neben der Flöte hatte er sich früher auch auf dem Dudelsack, einem Instrument, das dem slawischen Landvolk geläufig war, versucht, freilich hatte er darauf nur am Purim gespielt, um dadurch, verkleidet und mit Maske versehen, die Gemeindekinder zu amüsieren. Jetzt griff Joseph Gusikow darauf zurück imb überdachte, wie er dieses einfache Instrument für sich ausbixmn könnte. Nach und nach gelang ihm dieses auch. Und zwar vermehrte er zuerst die Zahl der Hölzer, spitzte sie an beiden Enden mehr zu und brachte sie in skalaartige Ordnung. So entstand nach und nach ein Instrument, in welchem sich die größte Einfachheit mit sinnreicher Erfindung vereinte. Hiermit erregte Gusikow ungeheures Aufsehen und es waren ganz besonders die Bauern, die angelaufen kamen, das Instrument anzustaunen und seinen Tönen zu lauschen. -Sie spendeten dem Spieler auch reichlich Kopeken mxb verbreiteten seinen Ruf in der ganzen Umgegend-. Im Jahre 1834 faßte Joseph Gusikow den Entschluß, nach Kiew zu gehen. Dort traf er mit verschiedenen Künstlern zusammen, u. a. n-it Lipinfky, der dort konzertierte. Als dieser letztere ihn angchört, war er voll Bewunderung. „Ihr seid ein größerer Künstler!als ich," rief er aus. „Ich benutze nur Mittel, welche mir zu Gebote stehen, Ihr verschafft Euch neue." Durch solche Urteile und Aeußerungen ermutigt, gab Gusikow sein erstes Konzert, das enthusiastisch ausgenommen wurde. Jetzt erst begann er seine Zukunft zu ahnen. Er arbeitete ununterbrochen an der Verbesserung seines Instrumentes. Dann zo,g er nach Od>esfa und konzertierte >im Italienischen Theater. Hier hörte ihn ein Graf Worongow und lud ihr? zu sich auf sein Schloß. Einige Monate brachte Gusikow hier zu und fand dort Gelegenheit, sich vor berühmten Zeitgenossen zu produzieren. Eine große Auszeichnung war es, daß Gusikow eine Einladung nach Mickälaczw erhielt, um sich vor dem Admiral Grev, dem damaligen Kommandanten der englischen Flotte im Schwarzen Meere, hören zu lassen. Greh war des Lobes voll und riet dem Künstler nach England zu gehen, wo er ihm große Einnahmen in Aussicht stellte. Zunächst aber hatte Gusikow Wien im Auge. 1835 sehen wir den Künstler in Lemberg, wo seine Konzerte starken Anklang fanden, dann wandte er sich nach Krakau und Wien. Hier aber leuchtete ihm vorerst kein guter Stern. Bis Wien war sein Ruhm denn doch noch nicht gedrungen. Der Konzertsaal war fast leer. Unter den -wenigen aber, die anwesend waren, befand sich der als Kritiker fungierende Humorist Saphir, und am andern Tage lasen die Wiener in der Theaterzeitung einen Aufsatz über den polnischen Juden aus der wirkungsvollen Feder Saphirs. Diese Kritik war ausschlaggebend für die Zukunft Gusikows. Es hieß dort: „Da tritt er heraus in der Nationaltracht seiner polnischen Glaubensaenossen, mit dem schwarzen Talarrock angetan, das schwarze Haar in zwei Locken über den Schläfen, das schwarze Käppel auf dem bedeckten Haupte. Es spricht eine rührende Elegie aus seinen Zügen und diese Elegie hat der Mann in Musik gesetzt, in Töne umgewandelt, in sonderbare Laute gebracht. Aus Holz und Stroh, aus Holz und Stroh entlockt er Töne! — Töne der innigsten Schwermut. Mit welcher Wehmut klingen seine Nationalklänge aus dem Holz, aus dem Stroh zurück. Wer weiß, wieviele andere Saiten er im Leben anschlug, ohne harmonische Erwiderung m finden! Holz und Stroh allein verstand ihn, in Holz und Stroh allein wohnten weinende, klagende, jammernde Töne, die ihn und seine Wehmut und seinen Schmerz verstanden und ihre Poren wie die Brüste öffneten und ihr Mitgefühl austaten und mit ihm weinten und klagten. Aber hölzerne Zungen sind auch Zungen, wenn die Kunst, -wenn der Schmerz, wenn die Empfindung sie löst! Und Stroh! Ist denn Stroh nicht das treffendste Symbol der Künstler? Seht das Stroh -an, wenn es auf dem Felde in hohen Nehren steht: j-e leerer die Wehre, je höher trägt sie das Haupt in die Höhe, je gefüllter aber das Haupt der Aehre, desto bescheidener bückt sie sich nieder und senkt ihr Haupt. O ihr Künstler, habt beständig das Stroh vor Augen! Und du, mein guter Gusikow, fahre fort, auf deinem Stroh- und Holzinstrument so Unglaubliches, so Wunderbares zu leisten! Du bist der Abbe de bEpSe des taubstummen Holzes, du best die gefesselte Hamadrhade in ihm entfesselt. Und das Holz ist dankbar, denn es versteht deinen Schmerz und klagt mit dir. Dein Holz spricht -gewaltsam rührend zu wir und ich bin doch sonst auch nicht von Holz." Man weiß, welche Gewalt Saphir auf die Herzen der

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