Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Hause, sei es am häuslichen Herd, denkbar ist, unser Panier, mit welchem Tausende unserer Vorfahren in die Verbannung gegangen sind oder ihre Glaubenstreue auf dem Scheiterhaufen bekannt haben, vor dreitausendvierhundert Jahren geprägt wurde. Mose war es, der vor seinem Hinscheiden, als er dem Volke Israel noch einmal seine weisen Gesetze und Vorschriften ans Herz legte, es in alle Ewigkeit verkündete (5. Buch Mose, Kap. 6, V. 4s: Schma Jisroel. Adonai elohenu, Adonai echod, „Höre Israel, der Ewige unser Gott, Gott ist einzig." Und daran anschließend, was ebenfalls den Inhalt unseres täglichen Gebetes bildet: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen." Wie viele Tausende haben in ihrer Not und Bedrängnis zu Gott ihre Zuflucht genommen und in dem Bekenntnis: Lehma Jisroel Trost und Zuversicht gefunden! Auch mir war es beschieden, mich an ihm emporzurichten, als ich einer schweren Operation mich unterziehen mußte. Aus gläubigem Herzen drängte es aus die Lippen: Lehma Jisroel. Adonai elohenu, Adonai echod und getröstet und mutvoll ließ ich mich auf dem Operationstisch festbinden. Ebenso alt ist das Gebet, das an den hohen jüdischen Feiertagen immer wiederkehrt und die Eigenschaften, welche Gott zugeschrieben werden, aufzählt (2. Buch Mose, Kap. 34, V. 6 , und 7): Adonai, Adonai El rachum wechanun . . . Ewiger, Ewiger, Gott, barmherzig unld gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue, bewährend die Huld ins tausendste Geschlecht, vergebend Schuld, Missetat und Fehl. Und wie wenige mögen sich dessen bewußt sein, daß der Priestersegen, der an unseren Festtagen feierlich über die Gemeinde gesprochen wird: Jeworechecho Adonai wejischmerecho dem vierten Buche Moses, Kap. 6, V. 24—26, entstammt: „Und der Ewige redete zu Mose also: Rede zu Aaron und zu seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr segnen die Kinder Israel, sprich zu ihnen: Es segne dich der Ewige und behüte dich. Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig. Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden." Unvergänglich und unverwüstlich, gleich den Pyramiden von Gizeh. blicken diese Worte auf uns herab, üben sie noch heute dieselbe tiefe Wirkung aus das jüdische Gemüt wie vor viertausend Jahren bei ihrer Verkündigung. Es sind die Bücher Moses, aus denen uns die Lehre in Fleisch und Blut übergegangen ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3. Mose Kap. 10, V. 18) und noch einmal: „Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim" (5. Mose, Kap. 10, V. 19). Sinnig werden unsere Andachtsstnnden im Gotteshause eingeleitet mit dem Liede: „Wie schön sind deine Zelte, Jacob, deine Wohnungen, Israel" s4. Mose, Kap. 24, V. 5). Mahnend ruft die Bibel uns zu: Heilig sollt ihr fein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott" (3.' Mose, Kap. 19, V. 2). Von, ewigem Gehalt sind die in den zehn Geboten verkündeten Sittengesetze (2. Mose, Kap. 20, V. 2—14). Wenden wir uns den Psalmen zu, die in unseren Feierstmlden einen so breiten Raum einnehmen, so sind ihre „geflügelten Worte" zu zahlreich, um sie hier auch nur annähernd wiedergeben zu können. Es seien nur einige der prägnantesten und in unserem Gemüt fest verankerten, an dieser Stelle aufgeführt: „An den Bächen Babels saßen wir und weinten, da wir Zions gedachten . . ." (137, l). „Wirf mich nicht weg zur Zeit des Alters; wenn, meine Kraft schwindet, verlasse mich nicht" (71, 9). „Weibe im Lande und nähre dich redlich" (37,3). „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten" (126, 5). „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist geworden zum Eckstein" (118, 22). „Der Mensch — wie Gras sind seine Tage, wie des Feldes Blume, so blühet er. Denn ein, Wind fährt über sie hin und sie ist nicht da, und cs kennt sie nicht mehr ihre Stelle " (103, 15 und 16; Betrachtung zur Seelenfeier). „Erhebet, ihr Tore, eure Häupter,, erhebt sie, ewige Pforten, 'das einziehe der König der Ehre. Der Ewige der Heerscharen, er ist der König der Ehre. Sela" (24, 9 und 10; Gebet zum Zurückstellen der Thora in die heilige Lade). „Gott mit mir, ich fürchte nichts. Was können Menschen mir schaden?" (118, 6). (Von Bismarck im Reichstage variiert: Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt.) „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn's hoch kommt, achtzig" (90, 10). „Unsere Tage zählen lehre uns, auf 'das wir gewinnen ein weises Herz" (90, 1). „Wie schön ist es, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen" (133, 1). „Danket dem Herrn., denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich (106, 1; 107, 1; 136, 1). Ein gleiches ist bezüglich der Sprüche Salomos der Fall. Von König Salomo übernahmen wir in unsere Liturgie nach dem Vorlesen des Wochenabschnittes der Thora die schöne Schilderung: Er ehaim hi . . . „Ein Baum des Lebens ist sie (die Thora) den an ihr Festhaltenden, und die sie erfassen, sind selig gepriesen" (3, 18). Dagegen stimmen wir beim Zurückstellen der Thora aus den Klageliedern (5, 21) an: Haschiwenu Adonai . . . „Führe uns zurück, Ewiger, zu dir und wir wollen zurückkehren, verjünge unsere Tage wie vormals." Wer denkt daran, daß das geläufige Sprichwort „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" den Sprüchen Salomos (26,27) entnommen ist? Es kehrt übrigens im Kohelet (10,8) wieder, welches Buch ja vielfach ebenfalls dem König Salomo zuaeschrieben wird. Aus Kohelet (12, 7) stammen auch die Worte, die uns bei der Bestattung unserer Teueren trösten sollen: „Der Staub kehrt wieder zur Erde zurück, von der er geworden, der Geist aber kehrt zu Gott heim, der ihn gegeben." Ebenda: „Besser guter Name als köstlich Oel, und der Tag des Todes als der Tag seiner Geburt" (7. 1). Ferner: „Eitelkeit der Eitelkeiten. Alles ist eitel" (1,2). Weiter: „NichtsNeues gibt es unter der Sonne" (1,9). Wenden wir uns noch kurz den Propheten zu, so erklingt an allen Festtagen die Verkündigung Jesaias: Kodauseh, kodausch, kodauseh Adonai . . . „Heilig, heilig, heilig ist der Ewige der Heerscharen, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit" (6, 3). Ferner (Jesaja 2, 3 und Micha 4, 2): „Von Zion wird ausgehen die Lehre, und das Wort Gottes von Jerusalem." Micha belehrt uns: „Was fordert der Ewige von dir, als auf Recht halten, Liebe üben und demütig wandeln por deinem Gott" (6, 8). Der furchtbare Weltkrieg verweist uns aufs neue auf eine bessere Zukunft, von der Jesaja (2, 4) verkündet und auf die wir wiederholt durch Micha (4, 3) vertröstet werden: „Sie (die Völker) werden stumpf machen ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern." Von Maleachi (2, 10) stammen die auch im Hinblick auf den Weltkrieg beherzigenswerten Worte: „Wie? Ist nicht ein Vater uns allen? Hat nicht ein Gott unS erschaffen? Warum sind wir treulos, der Mann gegen seinen Bruder, zu entweihen den Bund unserer Väter?" Aus dem Buche Daniel erwähnen wir noch das Zitat: „Gewogen und zu leicht befunden" (5, 27). Es ist die Deutung des Wortes Tekel aus der Flammenschrift vor Belsazar. — Und aus dem Buche Ruth: „Wohin du gehest, gehe ich, und wo du weilest, weile ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott" (1, 16). Aus dem ersten Buche der Chronik stammt der schöne jüdische Gruß: Leholaum lech«. „Friede sei mit dir" (12, 18). Zum Schlüsse sei noch der Worte Hiobs gedacht (l, 21), mit denen wir uns bei der Bestattung unserer Teuren demutvoll in unser Schicksal ergeben: „Der Herr Halls gegeben, der Herr Halls genommen. Der Name des Herrn sei gepriesen."