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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-13 · Heft 37 (13.9.1918) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 37 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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438 Ist nun das Interesse des Kindes für die Heimatgenieinde sowie deren Glieder und Hauptinstitutionen erstarkt, dann erfahre es, daß zur Förderung gemeinnütziger Interessen besondere Vereinigungen bestehen, die all die Ausgaben habeil, welche der einzelne unmöglich allein zu lösen imstande ist. Es lerne den Zweck der Vereine für Waisen-, Armen- und Krankenpflege, für Ausstattung von Bräuten, für Beerdigung, ferner für Pflege und Förderung der jüdischen Geschichte und Literatur, wie auch der Wissenschaft des Judentums überhaupt, für Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden, für die Jugendpflege, zum Schutze gegenüber judenfeindlichen Angriffen und Verletzungen der staatsbürgerlichen Rechte usw. usw. kennen. Ferner weise der Lehrer daranf hin, daß es auch j ü d i - s ch e Zeitungen gibt, die die Interessen der Judenheit vertreten. Endlich ist daraus hinzuweisen, daß da, wo die Ausgäben sür Einzelvereine unlösbar sind, zahlreiche Gemeinden und Vereine sich zu Verbänden zusammengeschlossen haben, und daß große Organisationeil bestehen, die nicht nur im Inland«, sondern auch im Auslande untevstützungsbedürftigen Glaubensgenosten Hilfe darbieten. Wenn in dieser Weise der Schüler mit der äußeren Einrichtung seiner Heimatgemeinde bekanntgemacht worden ist, wenn er Zweck, Ziel und Entstehung der verschiedenen Einrichtungen kennengelernt hat, dann hat im Anschluß an die einzelnen in Betracht kommenden Objekte eine eingehende geschichtliche Unterweisung Platz zu greifen. Die Pflege der Lokalgeschichte ist geeignet, einen gewissen Lokalpatriotismus zu erwecken und zu befestigen, besonders wenn dein Unterrichte allmählich eine bestimmte und stetige Richtung gegeben wird durch Betrachtung des Lebens und Treibens innerhalb der Gemeinde, wobei auf die sich darbietenden fruchtbringenden, gemeinnützigen Tätigkeiten. mancherlei Art hinzuweisen ist. Dies kann aber erst auf der Oberstufe geschehen. Der Unterricht in der Geschichte der Gemeinde hat möglichst von der Anschauung auszugehen und an diese anzuknüpfen. Wo ist eine Gemeinde, in der nicht ein Glied seine Treue gegen König und Vaterland mit seinem Blute besiegelt hat! Sein Denkmal bietet Stoff zu mannigfaltigen Betrachtungen. Weist nicht manche Gemeinde Trümmerstätten auf, die, ach!, von blutigen Verfolgungen künden? Finden sich nicht Ruinen, deren ehemalige Bewohner verfolgten Juden hier Schutz gewährt, dort wiederum bedrängt haben? Das Kriegerdenkmal, das meist auch jüdische Namen aufweist, ist ein besonders geeigneter Gegenstand der Unterweisung, läßt mannigfache Ausblicke an eine glorreiche Zeit zu, wo auch die Juden sich als Patrioten bewährt haben. Durch Anschauen solcher historischer Objekte wird die Erzählung lebendiger, faßlicher, denn sie wirken unmittelbar und wecken daher das lebhafteste Interesse. Und nun gar der jetzt tobende Weltkrieg, dessen gewaltige Ereignisse so unmittelbar aus die Gemüter der Kinder wirken! Sie schauen die allseitige eifrige Betätigung innerhalb der Gemeinde, sehen das Feuer der Begeisterung für Kaiser und Reich hell auflvdern und werden selber.davon entzündet. Muß da nicht in ihnen ein erhebendes Stolzgefühl sich kundtun, wenn sie wahrnehmen, daß auch in ihrer Heimatgemeinde ein Heldentum sich zeigt, das aus der Liebe zum Vaterlande erwuchs und ergebungsvoll Leid und Drangsal, Not und Tot mit Gleichmut ertragen läßt? Und wenn gar die Brust eines tapferen Heimatgenossen das Eiserne Kreuz oder sonst ein Ehrenzeichen schmückt, wird nicht auch das Kind mit stolzer Freude auf diese Auszeichnungen blicken, durch die die ganze Gemeinde geehrt wird? Wenn der Lehrer all diese seelischen Stimmungen der ihm andertrauten jugendlichen Schar auszunutzen versteht, dann wird, dgnn muß er Großes erzielen! Bei seiner geschichtlichen Unterweisung unterlasse es der Lehrer aber nicht, auch die k u l t u r - h istorische Seite der Gemeiudegcschichte zu berücksichtigen. Drei Fragen sind stets aufzuwerfen: Was ist? — Was war? — Was ist geworden? Vornehmlich ist der Anteil der Juden an der Kulturarbeit vor Augen zu führen. Die Art der Entwicklung der Gemeinde ist in ihren Einzelheiten darzustellen, und es ist zu erwähnen, was den ersten Juden nach dein Orte geführt hat. Der Anteil, den die Juden des Ortes an Ackerbau, Viehzucht, Fabrikation, Ein- und Ausfuhr usw. nehmen, darf keineswegs aus der Betrachtung ausgeschaltet werden. Endlich ist daranf hinzuweisen, was das Aufblühen bzw. den Niedergang der Gemeinde herbeigeführt hat. So manche Erzählungen ernsten lind heiteren Inhalts, die im Munde der Gemeindemitglieder von Geschlecht zu Geschlecht sich erhalten Haben, sind geeignet, den darzubietenden Stoff interessant zu machen und den Unterricht zu beleben. Der Lehrer vermeide es aber, bei seinem Unterricht direkt auf den Zweck feiner Belehrungen hinzuweisen, und ermahne unter keinen Umständen immer wieder zur Liebe zur Heimätgemeinde. Vielmehr muß seine Unterweisung, seine Behandlung derart beschaffen sein, daß diese Liebe wie eine reife Frucht von selbst vom Baume fällt. Sie muß unbewußt im Kinde erstarken, bis dieses von selbst die Bande in sich entdeckt, die es mit der Gemeinde so innig, so unauflöslich verknüpfen. Höchstens könnte der Lehrer bei gelegener Zeit sein eigenes Gefühl der Anhänglichkeit, das natürlich auf alle Fälle bei ihm vorausgesetzt werden muß, in warme Worte kleiden. Er findet dann sicherlich keine verständnislosen Seelen. Hat er dabei in geschickter Weise den nötigen Anknüpfungspunkt benutzt, darm wird gewiß aus den Kinderaugen ein heiliges Feuer der Begeisterung ihm entgegenleuchten, und dieStunde, die dem! Unterricht in der Heimatkunde gewidmet, wird zur Weihestunde! Jenes Gefühl der Anhänglichkeit kann aber bei dem Lehrer nur dann Platz greifen, wenn er selbst die Heimat ferner Zöglinge, auf die er begeisternd einwirken will und soll, genau kennt. In den allerwenigsten Fällen aber ist die Heimat der ... •: ■i' V üis MW Schalom Asch. Aus dem Buche „Ostjüdische Erzähler: I. L. Perez, Scholem Aleichem. Schalom Asch." Ausgewählt und übertragen von A. Eliasberg, mit drei Bildnissen. Gustav Kiepenheuer, Verlag, Weimar. Halbleder M. 4,—, leicht kartoniert M. 1,50.

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