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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-13 · Heft 37 (13.9.1918) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 37 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 immer lieber.gewinnen, der immer kräftiger auf sie einwirken urtb sie in der Folge für alles, was er ihnen zuführt, begeistern kann. Bei der Ueberleitung zum Spezifisch-Jüdischen verfahre nun der Lehrer in der Weise, daß er beispielsweise bei der Beschreibung der Schulzimmertür auf die Mesusa aufmerksam macht. Kommt er auf die Himmelsgegenden zu sprechen, dann weise er darauf hin, daß wir uns beim Beten mit dem Angesichte nach Osten zu wenden haben und daß in unserer Wohnung an der Ostwand ein Bild, Misrach genannt, hängt, das die östliche Himmelsgegend andeuten soll. Auch kann hinzugefügt werden, daß die Heilige Lade mit den Thorarollen in unseren -Gotteshäusern ebenfalls an der Ostwand angebracht ist. Werden die bekanntesten Haustiere beschrieben, so sind die Begriffe „Koscher", „Trefa", „Schächten", „Adern" klargllegen, auch kann das Verbot ^es Blutgenusses erwähnt werden. Vielleicht kann das Kind schon darauf hingewiesen werden, daß alle diese Dinge nur bei Juden in Betracht kommen, um dann in ihm allgemach die Erkenntnis aufsteigen zu lassen, wenn dieses nicht bereits vorher geschehen, daß es ein „Jude" ist und daß ihm so manches verboten ist, was seinen nichtjüdischen Spielgenossen gestattet ist. Diese Erkenntnis wird noch bei der Behandlung des Sabbats und der Feste sich befestigen. Man wolle nicht einwenden, daß es auf der untersten Stufe wenig angebracht sei, dem zarten, unschuldigen und urteilsunfähigen Kinde schon seine Harmlosigkeit zu rauben, mit der es seinen andersgläubigen Schulkameraden bisher begegnete. Es liege keine zwingende Notwendigkeit vor, das Kind schon so früh der großen Kluft innewerden zu lassen, die es von seinen nichtjüdischen Altersgenossen trennt. Haben wir aber das Kind -vorbereitet, daß es sich zu gewärtigen haben werde, eines Tages wegen seiner Glaubens- und Stammesangehörigkeit einer Zurücksetzung ausgesetzt zu sein, haben wir ihm schon ein gewisses Maß von jüdischem Selbstbewußtsein eingeflößt und es die Erkenntnis gewinnen lassen, daß ihm die Bezeichnung „Jude" als eine ehrende zu gelten habe, und daß es stolz darauf sein könne und müsse, ein Glied der jüdischen Stammesgemeinschaft zu sein — dann wird der ihm zugeschleuderte Ruf: „Jude!" kein Gefühl der Scham in seinem jugendlichen Herzen auslöfen. Vielmehr wird eine Empfindung in feinem Innern sich regen, die sich teils als Mitleid ob des sich offenbarenden beschränkten Sinnes, teils als Empörung ob der sich zeigenden Bosheit und Tücke lundgibt. Dabei aber wird es als Resultat der bisherigen Belehrungen die Ueberzeugung gewonnen haben, daß es zahlreiche Momente gibt, die ein friedliches Beisammenwohnen von Juden und Nichtjuden wohl möglich machen. Hat sich nun das Kind unter Führung und Anleitung des Lehrers in der Schule sowohl als auch im Elternhause und in deren nächsten Umgebung umgeschaut und das richtige Verständnis für die vielfältigen Beziehungen, welche die zahllosen wahrgenommenen Dinge und Erscheinungen zueinander haben, gewonnen, hat es dabei zugleich gesehen, wie diese Dinge zum Teil auch Berührungspunkte mit Juden und Judentum haben, dann verlasse der Lehrer den engen Kreis, in dem er sich bisher bei seinen Belehrungen mit seinen Zöglingen bewegte. Er lenke die Aufmerksamkeit der Kinder auf die Straßen des Wohnortes und auf die sie umsäumenden Gebäude, stelle das Haus fest, in dem der erste eingewanderte Jude gewohnt, oder das als erstes in den Besitz eines Juden gelangt ist. Auch zeige er besonders diejenigen Häuser, in welchen hervorragende jüdische Persönlichkeiten gelebt haben und großgezogen wurden. Ist eine besondere „Judenstraße" vorhanden, so erkläre er die Entstehung des „Ghettos". Er zeige, in welchem Maße -die. Juden des Ortes an Handel, Gewerbe und Industrie beteiligt sind, und erwähne diejenigen Handwerke, die unter den Juden nicht vertreten sind, weil Neid, Mißgunst und Haß sie einst davon ferngehalten haben. Sodann suche der Lehrer mit den Kindern die Synagoge auf, erzähle die Geschichte ihres Baues, beschreibe ihnen ihr Aeußeres und weise dabei auf die Merkmale hin, die das jüdische Gotteshaus gewöhnlich von dem christlichen unterscheiden. Er gebe insbesondere darüber Aufklärung, warum wir bei der Synagoge weder einen Turm noch -Glocken antreffen. Er teile ihnen auch mit, ob die Synagoge das e r st e Gotteshaus der Gemeinde sei. Dann beaebe sich der Lehrer mit seinen Zöglingen in das Innere des Bethauses und zeige und erläutere ihnen die inneren Einrichtungen, insbesondere die Heilige Lade, die Thorarollen mit dem Silberschmuck, die Kanzel, den Almemor, die ewige Lampe und mache darauf aufmerksam, daß getrennte Männer- und Frauenabteile vorhanden sind. Der heilige Raum mit seinem Inhalt wird nach erfolgter Belehrung dem Kinde viel vertrauter erscheinen. Sein Bild wird sich unverlöschbar seinem Gedächtnisse einprägen und erhalten bleiben bis ans Ende seiner Tage. An einem anderen Tage suche der Lehrer mit den Kindern den Friedhof aus, gebe Aufklärung darüber, wann er angelegt wurde, ob. er der erste der Gemeinde ist und auf welche Art diese in den Besitz des Geländes, auf dem er sich befindet, gelangt ist. Auch mache er auf die besonderen Merkmale aufmerksam, die den jüdischen Friedhof. den wir mit „Guten Ort" oder „Bess hachajim" oder „Bess aulom" bezeichnen, von dem christlichen Kirchhofe unterscheiden. Das Kind erfahre dabei, daß den Juden das sogenannte „Mögen David" (Davidsschild), den Ehriften dagegen das Kreuz als Glaubenssymbol gelte. Der Lehrer belehre die Kinder über den Ernst der Totenstätt-e, führe sie an die Gräber verdienstvoller Männer, erzähle ihnen von ihren Taten und betone, daß uns besonders die Grabeshügel, unter denen Vater und Mutter den ewigen Schlaf schlafen, heilig und teuer sein müssen, und das; daher Söhne und Töchter aus weiter Ferne kommen, um diese geweihte Stätte auszusuchen und den Verklärten Tränen der Erinnerung zu widmen und für ihr Seelenkeil zu beten. Nachdem das Kind mit den großen Gemeindeinstituten bekanntaemacht ist. muß es erfahren, daß nicht der einzelne sie geschaffen, sondern daß die am Orte wohnenden Juden zum Zwecke ihrer Schaffung und Unterhaltung sich zu einer Gemeinde züsammenaeschlossen. die von einem Vorstande verwaltet wird. Der Lehrer teile den Kindern alsdann über die Art dieser Verwaltung Näheres mit. erwähne die verschiedenen Beamten der Gemeinde: Rabbiner. Prediger, Lehrer. Kantor. Schächter, Diener, und er verbreite sich über deren Obliegenheiten. Auf diese Weise lernt das Kind seine Heimatgemeinde kennen und - lieben! Tief werden sich seine Einrichtungen und Glieder us'w. dem Gedächtnisse einprägen, „umwoben vom poetischen Märchenzauber". Jede, selbst die geringste Erinnerung. wird dauernd lieb und wert! Und in späterer Zeit sind es dann nicht ein paar vereinzelte Gegenstände, die von vergangenen Tagen zum Gemüte reden, sondern es lebt eine große Schar von lieblichen Erinnerungen im engen Raume beisammen, und überall, wohin das heranreifende Kind auch scharren mag, wird es an jene selige, frohe Kinderzeit gemahnt. So oft es dann in fremde Verhältnisse tritt, wird es mit den einleitenden Worten: „Bei uns zu Hause ist es so . . . usw.", oder „In meiner Heimat vilegt man es also zrr machen . . ." Vergleiche zwischen „einst" und „jetzt" anstellen. Und je ferner für den Erwachsenen die Heimatgemeinde in Raum nnb Zeit auch sein mag, desto näher wird sie dann doch seinem Herzen stehen, desto stärker wird der Zug feiner Gedanken dahingehen.

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