Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Erwiderung der deutschen Verwaltung ist bisher nicht erfolgt. Wir erwarten sie bestimmt und hoffen, daß sie in befriedigender Weise ausfällt. * Den in Polen erscheinenden jüdischen Zeitungen -entnehmen mir folgende beachtenswerte Notiz: Zu den merkwürdigsten Bevölkerungsverschiebungen des Weltkrieges gehört die Bildung von jüdischen Gemeinden in Japan. Infolge der Sperrung der europäischen Wege geht seit vier Jahren der Weg von Amerika nach Nußland und zurück zumeist über Japan, wobei es unausbleiblich ist, daß viele Juden in den japanischen Hasen- und Handelsstädten von ihren Geschäften für längere Zeit oder sogar dauernd zurückgehalten wurden. So entstand eine ansehnliche jüdische Gemeinschaft in Jokohama, die auch Wesentliches auf dem Gebiete der Emigrantenhilse leistet. In Kobe hatten sich kurz vor den hohen Feiertagen des vorigen Jahres die wenigen frommen Juden zusamnrengetan und einen Saal zur Abhaltung von öffentlichen Gottesdiensten gemietet. Der Detsaal wurde aber dann weiter beibehalten und dient jetzt 70 Mitgliedern zu religiösen und zu geselligen Zusannnenkünften. O Endlich sei eine literarische Notiz des „Berl. Tagebl." mitgeteilt: Eine ll r a u f s ü h r u n g v o n H e r m ann E s s i g. Aus Bad Pyrmont schreibt unser Korrespondent: Essigs Drama in fünf Auszügen „Ihr stilles Glück", das im vorigen Jahre am Lesstng-Theater aufgeführt werden sollte, jedoch von der Zensur verboten wurde, kam unter der Leitung des Direktors Tr. Franz Ulbrich im fürstlichen Kurtheater in Bad Pyrmont zur Uraufführung. Das Drama ist Essigs ältestes Werk und nach einer wahren Begebenheit in Stuttgart aus dem Jahre 1905 gearbeitet. Die Handlung ist recht weitschweifig angelegt und behandelt die Geschichte eines braven ehrlichen Mädchens, der Tochter eines armen jüdischen Z i g a r e t t e n m a ch e r s , das in schmutziger, versumpfter Umgebung das Opfer übler Verleumdungen wird und als Braut eines anständigen, ordentlichen Mannes von einem Arbeiter ans Eifersucht erstochen wird. In allen fünf Aufzügen wirbelt es von Sumpf und Schmutz: Unzucht, Kuppelei, Trunk und Liederlichkeit werden in realistischen Bildern vorgeführt. Dabei ist der Dialog eckig und die Handlung schleppend. Hätte Essig die fünf Aufzüge seiner Dichtung in drei Akte zusammengedrängt, dann wäre vielleicht ein annehmbares Bühnenstück daraus geworden. Direktor Dr. Ulbrich hatte das Stück geschickt inszeniert und auch die Darstellung war glänzend. Der Fürst zu Waldeck-Pyrmont wohnte der Aufführung, die nur wenig Beifall und starken Widerspruch fand, bis zum Schluß bei. Da dasselbe Blatt darauf hinweist — auch andere Zeitungen haben eine diesbezügliche Notiz veröffentlicht —, daß die Familie des jung Verstorbenen sich in schwierigen Verhältnissen befindet, so wollen auch wir nicht verfehlen, unsere Leser davon zu unterrichten. Wir wollen keine Sammlung eröffnen, glauben aber, auch in diesem Falle nicht vergebens an die jüdische Mildtätigkeit zu appellieren. * Wenn diese Nummer in die Hände unserer Leser gelangt, ist das Neujahrsfest vergangen und der Rüsttag zum Versöhnungsfest nahe. Möge dieser allen Juden die Weihe, Erhebung und innere Läuterung bringen, die so oft von diesem Tage ausgegangen ist. Versöhnung ist nicht.umsonst gepredigt, einem jeden in feinem Innern und in seinen Beziehungen zu den Mitmenschen, Versöhnung mit seinem Gotte. Noch ist auf eine große Versöhnung, auf eine Verbrüderung der ganzen Menschheit wenig zu rechnen, aber wir leben der festen Ueberzeugung und wollen uns in ihr nicht irre machen lassen, daß ein wahrhafter großer Friedenstag der ganzen Menschheit beschieden sei. Und wenn -es auch trostlos genug in der Welt aussieht, wenn auch innerhalb der Judenheit manches unerfreulich erscheint, wenn auch die Lage der Juden in.den verschiedensten Ländern der Welt vieles zu wünschen übrig läßt —, wir wollen nicht aufhörett, an den Sieg der Vernunft und Aufklärung zu glauben, auf den Triumph der Wahrheit und des Rechts zu hoffen. Wie an diesem heiligen Tage in unseren Gotteshäusern die Verkündung erschallt, daß Gott verziehen habe, so wollen wir den Groll dämpfen gegen Feinde und Dränger, uns durchringen zu innerer Ruhe und Klarheit und Mitarbeiten an dem großen Versöhnungsfeste der Menschheit. Nüdischr Heimatkunde. Von I. Herzberg (Bromberg). (Schluß.) -ei seinem e r st e n Unterricht in der j ü d i s ch-e n Heimatkunde stützte sich daher der Lehrer auf den ersten Heimatkreis des Kindes; denn, das sei wiederholt, „was in dem j ü d i s ch e n Kinde, das in die Schule eintritt, sich geistig iregt, das ist seine j ü dische Heimat." Welchen Weg hat nun der jüdische Lehrer bei der Behandlung der jüdischen Heimatkunde einzuschlagen? Vor allen Dingen hat er sich stets zu vergegenwärtigen, daß in der jüdischen Schule die jüdische Heimatkunde m das Zentrum des erste n Unterrichts zu stellen ist. Sie hat den Hauptstofs des jüdischen Gesinnungsunterrichts zu bilden. Der jüdische Volksschullehrer hat bei seinem Unterricht in der allgemeinen Heimatkunde stets auf das spezifisch Jüdische überzuleiten. Hierbei sei darauf hingewiesen, daß er bei seinem Unterricht stets die Mundart des Kindes berücksichtigen und daß er sich hüten muß, durch gewaltsame Korrekturen das Kind aus seiner Kindlichkeit zu reißen. Er lasse es sich aussprechen, wie es sein kleiner Wörterschatz zuläßt, xmb suche diesen allmählich zu bereichern und zu erweitern. Ein untergeworsenes Wort mit Spott zurückweisen, wäre geradezu eine pädagogische Roheit. Auch verfahre man mit sprachlichen Eigentümlichkeiten schonend. Das Kind denkt und fühlt in der Sprache seines Kreises, in ihr bewegt sich 311 Anfang sein ganzes Geistesleben. Und jeder Kreis, kann man wohl sagen, hat auch bezüglich der Sprechweise etwas Eigentümliches. Dieses Eigentümliche ist nach Grimm oft der Grund jenes „sehnsüchtigen Gefühls, das jeden Menschen befällt, dem in der Fremde seine Sprache und Mundart zn Ohren schallt". Und wie im allgemeinen, so ist es auch beim Juden im besonderen der Fall. In welchem Umfange wird nicht noch heute in manchen jüdischen Häusern im engsten Kreise der jüdisch-deutsche Jargon gesprochen! Viele Kinder, namentlich auf dem Lande und in der Kleinstadt, hören im Elternhause fast nur diesen und sprechen ihn zum Teil. Es wäre da falsch, hier plötzlich mit rauher Hand die Fäden zwischen Haus und Schule zu zerschneiden. Es liegt mir fern, eine Lanze für die jüdisch-deutsche Mundart zu brechen, die des Unschönen genug hat, aber ich kann nicht umhin, es als verkehrt und töricht zu bezeichnen, den Jargon als verdammenswert anzusehen, in ihm eine verdorbene Schriftsprache zu sehen. Die Natur kennt eigentlich keine Schriftsprache, die sich lediglich aus den Mundarten entwickelt hat. Schone man daher die Umgangssprache der Kinder und gewöhne man sie erst allmählich an die Büchersprache! Man würde sonst eine der wichtigsten Lebensadern der jüdischen Heimatkunde unterbinden. Der erste Unterricht in der Heimatkunde pflegt zumeist vom Schulzimmer und dem Schulhause auszugehen. Dies hat insofern seine Vorzüge, als die eingehende Behandlung der Stätte, an der die Kinder fortan einen großen Teil ihres jungen Lebens zubringen sollen, die Liebe zur Schule und zum Lehrer fördert. Nur wenn die Kinder eine Vertrautheit mit dem Schulhause erlangt haben, werden sie es gern aufsuchen un& gern darin weilen. Sie werden dabei aber auch ihren Lehrer