Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.4S5 Sir Wache. Berlin, 10. September 1918. ine sehr ernste beherzigenswerte Mahnung hat Feldmarschall Hindenburg an das deutsche Heer und Volk erlassen. An das Heer, sich nicht durch den Rückzug niederbeugen, nicht in seiner Zuversicht durch die feindlichen Flugblätter erschüttern zu lassen, an das Volk, nicht durch schlimme Nachrichten den Glauben an den endlichen Sieg zu verlieren. Besondere Beachtung verdient aber seine Aufforderung an die Presse, ihrer hehren Aufgabe eingedenk zu sein. Sie müsse bedenken, daß jede ihrer kleinmütigen Aeußerungen von dem Feinde ausgebeutet, daß jede noch so harmlose Kundgebung, aus dem Zusammenhang gerissen, von unseren Gegnern als Eingeständnis unserer Schwäche gedeutet und zu unseren Ungunsten ausgelegt wird. Dieser bedeutsamen Kundgebung folgend, wollen!auch wir jede Bemerkung unterdrücken, zu der die Ereignisse aus dem westlichen Kriegsschauplatz Veranlassung geben könnten. Wir wollen uns damit begnügen, zu berichten, daß die deutschen Truppen vielfach, wie der technische Ausdruck unserer Heeresleitung lautet, zurückgenommen worden sind, daß unsere Verluste an Gefangenen, Geschützen, Kriegsmaterial leider sehr beträchtlich sind. Anderseits wollen wir nicht unterlassen, daraus hinzuweisen, daß diese Verluste lange nicht dem Gewinn gleichkommen, der von den deutschen Truppen bei der großen Frühjahrsofsensive eingebracht worden, daß diese trotz ihres in den letzten Wochen allerdings bedeutsamen Rückzuges noch keineswegs den Gebietszuwachs eingebüßt haben, den sie bei ihrem letzten gewaltigen Vormarsch errungen hatten. Und so wollen wir, so tief wir die schmerzlichen Opfer beklagen, die wir in den vergangenen Tagen und Wochen bringen mußten, aufrecht stehen bleiben und vertrauensvoll der Zukunft entgegensetzen, die uns wieder Erfolge bringen wird und muß und uns den endlichen Sieg bescheren soll. * Ueber jüdische Verhältnisse ist nicht allzuviel zu berichten. Den „Münchener Neuesten Nachrichten" entnehmen nur folgende Notiz: Das Volksschullehrer-Gesetz. Der Israelitische Lehrer- Verein für das Königreich Bayern hielt am 26. August eine außerordentliche Sitzung in Nürnberg ab. Gegenstand der Beratung bildeten die Teile des Volksschullehrer- und Schulbedarfsgesetzes, welche die Verhältnisse der israelitischen Volksschullehrer regeln sollen. Allo>lneine dankbare Anerkennung fand der Geist des Wohlwollens und der Gerechtigkeit der Staatsregierung gegenüber den israelitischen Volksschullehrern. Doch wurden auch mehrere Abänderungs- und Verbesserungsvorschläge gemacht und beraten, die in einer Eingabe den gesetzgebenden Faktoren unterbreitet werden sollen. In demselben Blatte lesen wir: Infolge des Todes des Rabbiners Prof. Dr. Werner (München) mußte die Bayerische Nabbinerkonferenz einen neuen Vorsitzenden wählen. Die Rabbinerversarmulung fand am 28. August in Nürnberg statt. Es wurden gewühlt: zum Vorsitzenden der Bayerischen Nabbinerkonferenz D i st r i k t s r a b b i n e r D r. S. M £ y e r i n Rege ns bürg, zmn stellvertretenden Vorsitzenden Rabbiner Dr. M. Freudenthal in Nürnberg. Der langjährige Vorsitzende und spätere stellvertretende Vorsitzende Dr, A. Cohn, Distriktsrabbiner in Ichenhausen, wurde zum Ehrenvorsitzenden erwählt. Es ist gewiß nicht erfreulich, daß ein Führer der extremen - Orthodoxie zum Vorsitzenden der Bayerischen Rabbinerkonferenz erwählt worden ist. Aber da sein Stellvertreter der entschieden freisinnige Freudenthal ist, so dürfen wir der Hoffnung leben, daß die bayerisch-jüdischen Verhältnisse nicht in einseitiger Weife behandelt, sondern nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit und Parität geleitet werden. * Wir haben in der letzten Uebersicht einer Ausführung von Frau Klotilde Benedikt Raum gegeben. Gegen diese polemisiert die „Wiener Reichspost" in folgender, geradezu ungeheuerlicher Weise, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Das Blatt schreibt: Juden wünsche an den christlichen Religionsunterricht. Gibt es so etwas? Ist es möglich, daß die Juden auch schon in den katholischen Religionsunterricht dremzureden versuchen? O gewiß, heute ist bereits alles möglich. Es gibt nichts, was „ihnen" nicht erreichbar schiene und wonach sie mit ihren Greifhünden nicht langten. Eine Klotilde Benedikt bespricht in Rabbi Blochs „Wochenschrift" (Nr. 33) die berühmten Judendarstellungen in der Gudulakirche in Brüssel und fordert im Anschlüsse daran, daß die im Korneuburger Museum zur Schau gestellten „greulichen Sudeleien eines Korneuburgers Meisters", eine Hostienschündung durch Juden im mittelalterlichen Korneuburg darstellend, „allgemeiner Besichtigung bis in glücklichere Zeiten größerer Aufklärung entzogen werden", obwohl das Bild „historisch gewiß interessant" ist. Wir möchten diesbezüglich einen Vermittelungsvorschlag machen: Die Korneuburger Museumsverwaltung möge sich verpflichten, sobald die Interessenten selber sich — der allgemeinen Besichtigung entzogen haben werden, sei es durch eine Ausreise in den neuen Judenstaat oder sonstwie. Aber Klotilde Benedikt hat dann noch einen Wunsch. Sie kommt auf den Ritualmord an dem kleinen heiligen Johannes und auf das diesen verherrlichende berühmte Schauspiel Lope de Vegas zu sprechen und schließt: „Aufklärung der Kinder durch die katholischen oder protestantischen Geistlichen im christlichen Religionsunterricht wäre ein Postulat, das das Gesamtjudentum der zwei verbündeten Reiche stellen sollte." Man merke wohl: „Ein Postulat des Gesamtjudentums der zwei verbündeten Reiche!" Die Kriegsgewinne ließen sich dann, wenn die Religionslehrer der christlichen Bekenntnisse von Staats wegen dazu verhalten würden, ihren Schulunterricht nach den Weisungen der Kultusgemeinde einzurichten und alles daraus zu entfernen, was dem jüdischen Empfinden am Christentum mißfällt (nach den mißliebigen Heiligenlegenden würde wohl eine ganze Anzahl von Bibelstellen drankommen), ganz erheblich sorgloser verzehren lassen. Freilich, freilich! Aber einstweilen ist auch das Gesamtjudentum noch nicht so weit, um den Religionsunterricht der Christen zu bestimmen. Man sieht aus 'dieser Darlegung, in welch ra'bulistischer Weise vernünftige Darlegungen verdreht und ernste Wünsche und Betrachtungen, die in keiner Weise christlichen Anschauungen entgegentreten, als unberechtigte Einmischung in christliche Lehrmeinungen gedeutet werden. * Unsere Leser werden sich erinnern, daß wir in einer der letzten Uebersichten entschiedenen Protest erhoben gegen die gew a l t s a m e Z u r ü ck h a l t u n g jüdischer Arbeiterin Polen, die aus Deutschland zurückgekehrt waren. Wir freuen uns, daß auch andere Blätter diesen Protest erheben. Das geht ans folgender Notiz hervor: Die Judenpolitik i m Oste n. Die „Chemnitzer Volksstimme" schreibt in einem Leitartikel: Gerade unerhört klingen Mitteilungen, die uns über die von der deutschen Verwaltung betriebene Judenpolitik im Osten zugehen. Es müssen in der neueren Zeit geheime Verfügungen erlassen worden sein, die eine völlige Beschränkung in der Einwanderung jüdisch-polnischer Arbeiter nach Deutschland vorsehen, wodurch für Millionen Menschen ein neues Ausnahmerecht allsgerichtet wird. Noch toller ist, daß man sowohl nach Kurland wie nach Litauen, und ebenso nach Polen mit dem Einverständnis der deutschen Verwaltung, nicht einmal diejenigen Juden wieder in ihre Heimat zurückkehren läßt, die von den Russen verschleppt worden sind oder die seinerzeit Vörden heranrückenden deutschen Heeren geflohen sind. Mit einerwahren Wonne schlachtet die Presse in den Ententeländern diese antisemitische Haltung deutscher Behörden aus. Die ungerichtete üble Wirkung kann durch zehn Ministerreden nicht wieder gutgemacht werden.