Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4S4 Drei Fragen hatte einst der jüdische Hausvater vor Beginn der Feier an seine Familienglieder zu richten: Issartem, „habt ihr verzehntet", habt ihr von eurem Segen mitgeteilt; erawtem, habt ihr die Verbindung der Häuser zu einem Ganzen hergestellt, habt ihr für gegenseitige Verbindung, Verbrüderung und Versöhnung gesorgt? Hadliku es hanner, entzündet das Licht! Laßt es hell werden in euren Seelen! So tönt es hinein in heiliger Jom-Kippur-Stunde und hallt mächtig in den Herzen wider. Jaaleh tachnimenu meerew, „es steige empor unser Flehen vom Abend, aus dunklem Harm und hineinleuchte der sabbatliche Höhengruß und die Flamme der Begeisterung und der Lichtstrahl der Ewigkeit, daß all unser Wollen und Wirken in Licht getaucht sei, daß wir Kinder des Lichtes werden, die Waffen des Lichtes führen und Wege des Lichtes ziehen, ad orew, bis zum Lebensabend, bis zum letzten Stündlein hienieden, da über der in die Ewigkeit heimkehrenden Seele das Wort leuchtet: L’es erew jihje oi\ „Zur Abendzeit wird's Licht werden!" Lum Verlöhnungstsge. Von Dr. Willy Cohn (zurzeit im Lazarett). Unter der Reihe unserer hohen Feiertage erwartet man wohl keinen mehr in diesen Zeitläuften mit innerer Sehnsucht als den Versöhnungstag. Schon das Wort selbst mutet uns wie eine Befreiung von all der Not an, die die Welt gegenwärtig umfängt und der Menschheit in sinnloser Selbstzerfleischung sich selbst den Untergang bereiten hilft. Während draußen immer noch die Kanonen auf ihre Art reden und Gas und Rauch die Luft erfüllen, gewinnt unsere Seele im Gebet neue Kraft, um den Kampf ums Dasein und den Kampf um unsere geistigen Güter mit neuer Stärke zu führen und den inneren Frieden zu finden, da wir den äußeren noch'nicht erlangen können. - Was den Gedanken des Versöhnungstages uns besonders lieb und teuer macht, ist die Tatsache, daß wir an ihm durch die Kraft des Gebetes und durch die Reue des Herzens unsere Sünden tilgen und zur Versöhnung mit unserem Gotte gelangen können. Da heißt es, zäh um seine Seele zu ringen, sie von allen Schlacken zu befreien suchen, die ihr. anhaften; nur wer wirklich in ernster Arbeit sich bemüht, mit sich selbst ins reine zu kommen, der kann, beim Schofavstoß mit dem Bewußtsein das Gotteshaus verlassen, daß ihm Versöhnung zuteil geworden ist und Vergebung von unseren Sünden. So ist das Schicksal unserer Seele in unsere eigene Hand gelegt; nur wer bereuen will, dem kann vergeben werden; nicht die Kraft eines Dritten kann uns helfen, wir selbst und Gott, wir müssen sehen, wie wir uns finden, wie der schwache Mensch die Güte des Allmächtigen, erwirbt und seine Verzeihung. An diesem Tage finden auch die Lauesten den Weg ins Gotteshaus und der Zauber der alten Melodien und der Klang der Gebete umfängt auch ihre Seele mit dem Stimmungsgehalt des Verföhnungstages! Und wenn es ihnen auch nicht zum Bewußtsein kommt, so schwingt doch unbewußt in ihnen die Tradition der Jahrtausende, in deren Kette sie ein Glied sind! — Und sie selbst werden es an, diesem Tage bedauernd empfinden, daß das Hebräische ihnen so fremd geworden ist, daß sie in die tiefsten Tiefen des Gebetes nicht mehr einzudringen vermögen! Und am Versöhnungstage dürfen wir es auch mit Stolz empfinden, daß wir einer Glaubensgemeinschaft angehören, die den Gedanken der Versöhnung aus eigener Seelenkrast zuerst hervorgebracht und in ganzer Reinheit ausgebildet hat!- An diesem Tage gedenken wir auch mit Wehmut der vielen Kameraden, die im vergangenen Jahre im Kampf ihr Leben gelassen haben und nun in fremder Erde in Flandern, an der Marne, am Chemin. des Dames oder in der Champagne ruhen. Wer selbst lange Jahre draußen gewesen ist, der weißwie es in des jüdischen Kämpfers Seele aussieht, der weiß, wieviel innerlich noch zu tragen ist neben den äußeren Beschwerden des Felddaseins! Wenn man wie ich leider so oft am Grabe eines jüdischen Kameraden steht, dann möchte man ihm die bange Frage Zurufen: „Ist dein Tod aus dem Felde der Ehre umsonst gewesen, wird man trotzdem nicht aufhören, den jüdischen Namen, zu schmähen, und in niedrigster Weise zu verleuniden? Wird man die Toten zählen, wie man die Lebendigen gezählt hat?"- Ueberall erhebt gehässige Verleumdung das Wort und sucht das Volk zu vergiften; alles, was es Schlechtes auf der Welt gibt, sucht man den Juden anzuhängen. Denken diese Leute daran, wie dabei 'den jüdischen Kämpfern ums Herz sein muß, die wie ihre Kameraden draußen in jeder Sekunde dem Tode gegenüberstehen und bereit sind, ihr Leben zu opfern, wenn es die Stunde erfordert? Wir wissen es genau, manwird ihre Taten vergessen, weil man beim Juden in diesen Kreisen das Gute nicht sehen will; man will ja nur den Schmutz hervorziehen und das Unreine und dem Volke erzählen, daß der Jude ihm schädlich fei. In gefechtsstillen. Stunden hat man draußen auch oft mit den christlichen Schützengrabenkameraden über jüdische Fragen gesprochen und man hat immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das Volk in seiner Menge nicht antisemitisch ist: aber der Jude wird ihm von den Verleumdern im Zerrbild gezeigt und sie sind dann oft erstaunt, wenn er in Wirklichkeit so ganz anders sich gibt! Den toten Kameraden aber wollen wir an diesem Versöhnungstage das Gelöbnis in ihr einsames Grab Nachrufen, daß wir unablässig darüber wachen wollen, daß ihr Tod nicht umsonst gewesen ist, daß wir ihre Ehre wahren wollen, die sie selbst nicht mehr verteidigen, können! Wir Lebenden aber, die wir weiter den feldgrauen Rock tragen, wir wollen — trotz aller Anfeindungen — unablässig weiter unsere Pflicht tun, weil wir es eben nicht anders können! Von vorn bedroht uns die Gefahr der Schlacht und von hinten die Giftpfeile der antisemitischen Heimkrieger! Wir aber wissen, daß wir auch in der Zukunft nur den Weg geheim können, den Gewissen und Ehre uns vorschreibt.- Der Tag der Versöhnung soll uns als innerlich reine Menschen ins Leben entlassen; aus ihm gewinnen wir die Kraft, auch, weiterhin im Leben allen Anfeindungen von innen und außen standzuhalten. Wir wißen, daß der Gott, der Israel im Laufe der Jahrtausende nicht verlassen hat, ihm auch weiter helfen wird, bis einmal der Gedanke der Versöhnung erfüllt ist und der Messiasgedanke in seiner Reinheit Macht gewonnen, hat über die ganze Menschheit! An die Mission des Judentums unter den Völkern aber glauben wir mit der ganzen Kraft unserer Seele, die uns mit ganzer Macht an diesem Versöhnungstage zum Bewußtsein gekommen ist. Verklungen ist der Schall der Posaune, der Alltag empfängt uns wieder, aber in ihn hinaus gehen wir als freie, befreite Menschen. Von unserer Seele ist die Macht der Sünde genommen, nnd wir sind wieder rein geworden und wollen rein bleiben. .