Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 37 Berlin, Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32% Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: lluäolk Mosse, verUn» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße Hs-qA, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Knh^(tf Licht! Ein Jom-Kippurgruß. Von Bezirksrabbiner Dr. llllLIUlK. Beermann (Heilbronn). — Zum Versöhnungslage. Von Dr. Willy Cohn (zurzeit im Lazarett). — Die Woche. — Jüdische Heimatkunde. Von I. Herzberg (Lromberg). — Jüdische Denker und Dichter. Von Ludwig Geiger. — Biblische Zitate. Von Wilhelm Goldstein (Berlin). — Lebensbild eines jüdischen Künstlers. Von Clara Schott.— Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Jom Kippur. Von S. Asch ner. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Aus der Provinz Posen, Glogau, Hamburg, Leipzig, München, Köln, Hildesheim, Frankfurt a. M., Mainz, Den Haag, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Licht! Ein I v m - K i p p u r - G r u ß. Von Bezirksrabbiner Dr. Sceimau n (Heilbronn). eimwehkranke Seelen verlangen aus Schluchten der Sünde zu Höhen der Versöhnung — aus Nacht zum Lichte! — Licht! Du Zauberwort, daß du so wundersam unsere Herzen ergreifst. In dir flutet ein heiliges Ahnen von Glauben und Glück, von Liebe und Lenz, von Hoffnung und Heil. Tu bist eines der ältesten Sinnbilder für alles Große und Gute, wonach unser aus lichter Heimat in die dunkle Erdenwelt Verbannter Geist sich sehnt. Kunst und Religion ringen, deinen Sinn zu deuten. Der Maler, der die Mutter mit der Kerze in der Hand darstellt, wie sie ihr Kind zur nächtlichen Ruhe bettet, steht in deinem Glanze ein Bild der leuchtenden Mutterliebe. Das Gemälde, das den einsamen Wanderer zeigt, der seine Schritte dem lichterhellten Dorfhause entgegenrichtet, verherrlicht dich als sehnenerweckender Heimatstrahl. Der Künstler, der uns den vor kerzenumflammtem Altäre in Inbrunst niedergesunkenen Beter vor die Seele führt, gibt einen Widerschein des Himmelslichtes. Seitdem Israels Glaube Heiligtümer baut, leuchtet in ihnen die ewige Lampe. Auch der heutige Tag ist ein Allerheiligstes mit stillem, geheimnisvollem Leuchten, eine Botschaft: Jehi or. Es werde Licht! Eine Aufforderung, die drei heiligen Leuchten zu hüten, deren Flamme Gottes Feuer ist. I* Ein Höhengruß ist das Sabbatlicht! Der Mutter Hut ist es anvertraut. Sie ist des Lichtes Priesterin. Ihr Dienst am Lichte bringt den Kindern Segen. „Wer des Lichtes wartet, dessen Kinder werden leuchten im Strahle der Frömmigkeit." Seine milden Strahlen wecken die Keime des Guten in den Herzen, machen Kräfte in den Seelen lebendig, die als schützende Engel die Kinder auch in die Fremde geleiten. Die Erinnerung an den milden Strahlenschimmer der Sabbatlampe rettet vor dunklen Gewalten und läßt in ahnungsschwerer Stunde sprechen: „Mutter, entzünde auch mir ein Sabbatlicht." Der fromme Kerzenschimmer wird zum Leitstern, dem zu folgen gleichbedeutend ist mit dem Wandel auf gerader Bahn. Wie im Märchen geheime Hände dem Wanderer ein Haus bauen mit erleuchteten Fenstern, mit Ruhebett und Labetrunk, so zaubern die freundlichen Sabbatkerzeu das traute Jugendheim vor unser sorgenumstürmtes Gemüt und bieten der müden Seele Labsal und Erquickung. I* Ein Weckruf zu begeisterter Ueberzcugungstreue, zu nie wankender Glaubenskraft ist die Chanuka-Menorah. Sie erzählt von Menschen, denen man alles nehmen konnte, nur nicht ihr Gewissen, von Heiligen und Helden, die bis in den Tod hinein für die höchste Wahrheit kämpften. Der Geist der Blutzeugenschaft wird auch in den Klängen des Kol-nidre-Gebetes lebendig. Seine seltsamen Sangweisen stammen aus jenen Tagen, wo sich Spaniens geheime Juden in verborgenen Gemächern znsammenfanden, um zum Gotte der Väter am Versöhnungstage zu beten. Lichtere Zeiten kamen; nicht mehr Drohung, sondern Verlockung versucht die Treue. Sturm und Sonne wetten, wer stärker ist; der Wanderer im Mantel soll die Entscheidung bringen. Im Sturm hüllt er sich um so fester in sein schützendes Kleid, im warmen Sonnenschein tut er es als lästig ab. Die Sonne gewann die Wette. Die Freiheitssonne scheint auch zu vollbringen, was die Sturmgewalt der Verfolgung nicht vermochte ... Es gibt jüdische Seelen, die wankend geworden sind in ihrer Treue, deren Leuchtkraft zu verglimmen droht . . . Solange noch ein Funken in der Asche glimmt, wird der Sturm der Begeisterung, den eine Jom-Kippur-Feier weckt, ihn von neuem aufflammen lassen: „In deinem Lichte sehen wir Licht." I* Einen Strahl aus der Ewigkeit bietet das Jom Kippur-Licht und senkt Friede und Versöhnung in zerrissene Seelen. Aus Paradiesesglück vertrieben, seinem Gotte entfremdet, irrte Adaru umher, da begegnete er dem Brudermörder Kain: „Und dir lebst?" — 08181 teschuwo wenispascharti. „In Buße versöhnte ich mich mit meinem Gotte!" lautete die Antwort, und Adam ging und entzündete ein Licht . . . Die Geburtsstunde der Jom-Kippur-Kerze, die in dem Gottesrufe: „Ich verzieh" dem Gemüte seine Leuchtkraft rettet und als Seelenlicht in dem wehmutsvollen Gedanken an unsere Verklärten uns den Sinn öffnet für unsere ewige Bestimmung. „Hütest du das Gotteslicht, hütet Gott dein Seelenlicht." „Werde selber Lichtbeter und Lichtträger," so Predigen und mahnen die himmlischen Strahlen: ein Führer zu Gott und zum Guten werde deinen Hausgenossen, die Lichtsaat des Edlen streue aus in deinem öffentlichen Wirken und in deiner beruflichen Tätigkeit. im Sinne des Wortes: Der Pfad der Gerechten erstrahlt in hellem Lichte. H*