Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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- 2 $ f i. m m u n g z w t s che n I u d e n u h d Christe n. Die Ver- I itftc an Hel den söhnen sind bei uns Juden ebenso groß wie bei den Nicht ju den, und bk zahlreichen Auszeichnungen und Beförderungen beweisen ihre Tüchtigkeit, obgleich, wen^ tim Bevorzugungen gesprochen werden kann, diese gewiß nicht aus seiten der Juden liegen. Zum Frieden bereit, zur Fortführung des Krieges bis zum Siege entschlossen — das ist die Stimmung des deutschen Volkes ohne Unterschied des Bekenntnisses. Man sollte aber -sehr vorsichtig sein, solche Unterschiede des Bekenntnisses zu suchen. Das einzige, was das deutsche Volk ernstlich zu fürchten hat, sind religiöse Spaltungen. Macht man erst einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Deutschen, so bleiben andere Spaltungen nicht aus. Daß mit dem Siege des deutschen Volkes der Grundsatz des großen Preußenkönigs, der lange vor der französischen Revolution es aussprach, daß in seinen Staaten jeder nach seiner Fasson selig, werde, immer weitere Verbreitung in der Menschheit finden werde, das ist unsere feste Ueberzeugung. # # C. M. Berlin, 3. September. Die Reichstagskand i d a t u r i m e r st e n Berliner W a h l k r e i s. Als aussichtsreichste Kandidaten für den durch den Tod des Reichstagspräsidenten KaemPf erledigten ersten Wahlkreis sind zwei bekannte jüdische Persönlichkeiten Berlins genannt. An. erster Stelle wird Kommerzienrat Dr. zur. h. c. Karl Leopold Netter genannt, der als Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde seit langen Jahren tätig ist; alls zweiter Kandidat lvird der Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Juden, Geheimer Justizrat Dr. Cassel, bezeichnet, gegen dessen Kandidatur jedoch geltend gemacht lvird, daß er bereits timi Preußischen Abgeordnetenhausie angehört. Eine Vermehrung der Doppelmandate lvird von den Freisinnigen nach Alöglichkei t vermieden. E. M. Berlin, 3. September.. Tie Freunde der jüdischen Sakral mitfif haben durch 'den Tod Bogumil Zeplers eine große Hoffnung verloren. Ter bekannte Komponist, dessen erste Werte der leichten Muse geweiht lvaren — als Schöpfer anmutiger Weisen zu Wolzogens Versen bahnte er dem Ueberbrettl den Weg —, hat sich in den letzten Jahren mit starkem Interesse der shnagogalen Musik zugewandt. Er versuchte mit feinem Verständnis in diese schwierige Materie einzudringen und plante nichts weniger als eine vollkommene Neugestaltung der Synagogenmusik. Diese neue jüdische Sakralkunst sollte bei Wahrung des traditionellen Stils den Gottesdienst noch charakteristischer gestalten. Zepler empifand sehr richtig, daß die früheren Komponisten zu stark von der jeweiligen künstlerischen Profanepoche beeinflußt gewesen sind. Gemeinsam mit Oberkantor Davidsohn (Berlin) wollte er eine gemeinsame grundlegende Arbeit auf diesem Gebiete schaffen, die feine Ideen der Oeffentlichkeit zugänglich machen sollte. Wie ernst es ihm mit seinem Plane gewesen ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß er mehrere bedeutende Komponisten für die Aufgaben der Synagogenmusik zu.gewinnen lvußte. — Auch in seinen neueren Tonschöpfrmgen ist ein Hinneigen zu jüdischen Atotiven unverkennbar. Auf diesem Gebiet ist eine P s a lm od is che Me lod ie fü r Ha r fe, Orgel und Geige besonders bemerkenswert; auch viele seiner letzten Lieder zeigen einen ganz charakteristischen Synagogenstil. Zu der Trauerfeier für den Verstorbenen, die in einem Berliner Krematorium stattfand, hatte sich ein großer Kreis von Leidtragenden eingefunden, in dem die Musikwelt und -das Theater besonders stark vertreten waren. Die Feier wurde durch den Vortrag der „Psalmodischen Melodie" eingeleitet, dann sang Oberkantor Davidsohn eine Komposition des Verstorbenen, die, zu einem deutschen Text geschaffen, unverkennbare jüdische Motive aufweist. Dr. Fa nt l, der musikalische Leiter des Gottesdienstes der Dresdner jüdischen Gemeinde, hielt die Trauerrede, in der er Zepler, den Juden, besonders markant zeichnete. Daß Jude fein, Kämpfer sein bedeute, habe Zepler in wahrstem Sinne des Wortes erfüllt. Seine Kunst bewegte sich in früheren Jahren aus leichteren Bahnen, aber je älter er wurde, um so mehr vertiefte er sich in die Mysterien der Religion. Seine Studien fanden ihren Ausdruck in seiner Kunst. Er befaßte sich eifrig mit fynagogaler Musik, für die er weitgehende Reformen unter Beibehaltung traditionellen Stils anstrebte. Seine Lebensarbeit ist nun durch den Tod jäh unterbrochen. Ter Redner gelobte, das begonnene! Werk von seinem Freund eifrig, fortzu-setzen zum Heile der jüdischen Kunst. Die Trauerrede, die in einer Verherrlichung des Judentums gipfelte, machte auf die Anwesenden einen überaus tiefen Eindruck. Dieser Ansprache folgten Reden von Vertretern Berliner Bühnen sowie eines Vertreters der Zeitschrift „Musik für Alle", dessen Redakteur der Tote seit der Begründung gewesen ist. Nach einer Ansprache, in der Baumeister Grünf-eld als Freund des Toten die seltene Persönlichkeit Zeplers gefeiert hatte, beschloß Gesang die ergreifende Feier. E. M. Berlin, 3. September. Die deutsche Geisteswelt beging am 22. v. M. den- 100. Geburtstag des großen Rechtslehrers Rudolf v. I h e r i n g, der den nachhaltigsten Einfluß auf die deutsche Rechtswissenschaft ausgeübt hat. Zu seinen bedeutendsten Arbeiten gehört d>as Werk „Der Zweck im Recht", auf welches er auch hingewiesen hak, als man ihn einst über seine Stellung in der Judenfrage interpellierte. Er schrieb damals wörtlich: „Ich gehöre nicht zu den Antisemiten; ich würde vor mir falber erröten, wenn ich mich auf 'der geringsten antisemitischen Regung ertappte. Liegt etwas daran, auch meinen Namen der Zahl derjenigen anzureihen, die ihr öffentliches Verdammungsurteil über eine Bewegung ausgesprochen haben, welche unserer Zeit und unserem Vaterlande zur höchsten Unehre gereicht, jo gebe ich gern die Autorisation dazu, und ich freue mich, die Gelegenheit zu erhalten, öffentlich für eine Ueberzeugung einzutreten, die ich bisher nicht bloß durch Worte ausgesprochen, sondern mein ganzes Leben hindurch durch die Tat bewährt habe." .... „Aber ich frage mich: wozu das? Es wäre schade um die gute Zeit, ich würde nur wiederholen, was viele andere vor mir gesagt haben. Um so weniger mag ich mich dazu verstehen, als ich in dem 3. Band meines „Der Zweck im Recht" die Nötigung haben werde, -die Frage im systematischen Zusammenhänge mit der dort zu entwickelnden Idee der Menschlichkeit zu berühren. Ich mag mich nicht selber abschreiben; wer sich dafür interessiert, wie ich über die Frage >denke, wird dort Gelegenheit haben, dies zu erfahren. Für die gegenwärtige Veranlassung mag die Andeutung genügen, daß ich an jener Stelle die .geschichtliche Entwicklung des Gedankens der Menschlichkeit verfolge und den Nachweis führe, daß dieser Gedanke, zu dem sich die Griechen und Römer ui ihrem Rechte noch nicht erhoben hatten, das vielmehr den Fremden, als rechtlos behandelte, in dem Rechte des Alten Testaments (3. Buch Mose 19, 34; 5. Blich Mose 10, 19) mit oller Klarheit und Bestimmtheit ausgesprochen worden ist. Dem Volke, der unserer modernen Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubens geknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, daß er beide ihm gegenüber verleugnet —gottlob, daß dieselben in der heutigen Welt bereits zu feste Wurzeln geschlagen haben, um diesem Unterfangen einen Erfolg in Aussicht zu stellen." W. Posen, 30. August. Eine schon unzähligemal gerügte Unsitte hatte auf dem hiesigen Bahnhöfe große Auslegung hervorgernfen. Als sich nämlich der Persvnenzug Posen-Breslau in Bewegung setzte mb' \dpn aus der Halle heraus war, lief plötzlich ein verspäteter Urlauber dem Zuge nach und s p r a ng auf da s Trittbrett, wobei er stolperte und bereits mit den Beinen zwischen die Schienen, geriet. Er vermochte sich jedoch an einem Türgriff festzuklammern, so daß er eine Strecke m i t geschl e i ft wurde. In diesem Moment sprang der aus dem Perron gerade anwesende Kaufmann Georg E l k e l e s von hier herzhaft hinzu und vermochte ben Soldaten in feiner großen Gefahr hervorzuziehen. Die Umstehenden jubelten dem mutigen Retter Beifall zu. — Ueber die gemeinnützige Gesellschaft „Hausrat" läßt sich der Stadtrat K r o n t h a l in der letzten Nummer des,,Städtischen Nachrichten-Anzeigers" u. a. wie folgt aus: Die Befürchtung, daß es den aus dem Kriege zurückkehrenden Heeresangehörigen nicht möglich sein wird, sich die zur Begründung eines eigenen Haushalts erforderlichen Möbel zu beschaffen, führte — auch um mit bevölkerungspolitischen Gründen zur Erleichterung von Eheschließungen beizutragen — dazu, daß städtischerseitS im Winter 1917 eine Möbelstelle zur Beschaffung billigen Hausrats für Kriegsteilnehmer in Aussicht genommen wurde. Dem Auffichtsrate gehört Herr Stadtrat Kronthal als stellvertretender Vorsitzender an. Zur Leitung der Gesellschaft „Hausrat" m. b. H. hat sich auch Stadtverordneter Oelsner als Mitglied angeschlossen. Wir sehen hieraus, wie sehr Juden um das Wohl ihrer Mitbürger bedacht sind. Und dennoch Antisemitismus hier und da. L/D Altdamm, 30. August. Eine wirkungsvolle Feier fand am verflossenen Mittwoch im hiesigen Kriegsgefangenenlager statt. Das Denkmal, das die jüdifchen Kriegsgefangenen Rußlands ihren dort beerdigten Kameraden -errichtet und für diesen Tag geschmückt hatten, wurde eingeweiht. Rabbiner Dr,. Worms aus Stettin