Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432 durchaus unvollständige Zusammenstellung; der zweite ist gleichfalls sehr dürftig, denn er erwähnt keine der wundervollen Stellen, in denen Heine Goethe pries, und hebt etwas einseitig Heines Beeinflussung durch den „West-östbichen Diwan" hervor. Entschiedenen Protest dagegen müssen wir gegen den Artikel „Juden und Judentum", S. 277 bis 280, erheben. Zunächst ist zu bemerken/ daß sich die Angaben des Artikels aus meinen AMiten über Goethe und das Judentum erheblich hätten erweitern lassen; sodann ist die Auffassung des Artikels zu tadeln. Wenn mgn nämlich die häufig angeführte, auch von dem Bearbeiter' zitierte Stelle aus den ,.Wan versah reu" mit richtigem Verständnis liest, so erkennt man daraus, wie ich schon oft hervorgehoben habe, daß Goethe dem Judentum nicht nur einen ewigen Bestand (das wäre nur die Feststellung einer geschichtlichen Tatsache), sondern, Ums unendlich viel wichtiger ist, eine Wirksamkeit für die Zukunft zuschreibt. Darin liegt, und das hätte beut Verfasser zu denken geben sollen, hohes L-vb und eine starke Anerkennung, die mehr besagt, als gelegentliche Spöttereien, die ja allerdings bei Goethe nicht fehlen. Der Artikel, gegen den wir Stellung nehmen, beginnt mit -den, etwas rätselhaften Worten: „Goethe hat die liberalistische Wandlung in der Geltung der Juden miterlebt." Der Verfasser will vielleicht damit sagen, daß in Goethes Zeitalter die Gleichstellung der Juden Fortschritte machte. Wenn in dem Artikel Heines Stellung zu Goethe ausführlicher beleuchtet wird als in dem schon angeführten Abschnitt über Heine, so ist dies eine redaktionelle Fahrlässigkeit, auf die nicht näher eine-egangen werden soll. Dagegen muß der Satz: „Mehr Uebles als Gutes hat Goethe von den Juden erfahren". zu dessen Begründung mif die Förderung Goethes durch die Romantiker, auf seine Bekämpfung durch Börne und Heine hingewiesen wird, als gänzlich falsch abgelehnt werden. Nicht minder falsch ist es, wenn der Verfasser Heines Stellung zu Goethe als beeinflußt durch den Neid des ersteren erklären Null: zn einer solchen Meinung kann nur der kommen, der Heines vielfache Aeußerunoen nicht kennt. Aber wie ist es möglich zu behaupten, daß Goethe von den Juden Uebles empfing? Dies geschah nieder in seinem Leben, noch viel weniger in seiner Beurteilung. Waren auch die Männer der Aufklärung. Mendelssohn, Friedlaender u. -a.. nicht fähia, Goethe zu begreifen, so waren alle der Romantik An-bänaende, nickt etwa die einzige a.naefi'chrte Rahel, wirkliche Goethe-Apostel und ein noch so kurzer Artikel über Goethe und die Juden hätte an der würdigen Gestalt David Veits nicht vorbeigeben dürfen. Vor allen Dingen aber hätte es sich wohl geziemt, darauf hinzuweisen, wieviel redliche Arbeit und hingebendes Studium jüdische Forscher Goethe gewidmet Haben: da ich es nicht liebe, von mir zu sprechen, so brauche ich bloß die Namen B'ielslliowikv. R. M. Meyer, M. Morris, O. P'niower, Julius Wahle und G. Witkow'ski zu nennen, um anzudeuten, wie sehr deutsche Forscher jüdischen Ursprungs und jüdischen Glaubens dazu beigetragen haben, das Verständnis für Goethe den breiten Massen zu erschließen und in wissenschaftlichen Kreisen zu festigen. L. G. — Ab r a h a in G r ü n b e r a (derzeit Drag). Ein jüdischv o l n i s ch - r u ss i s che s I u bilä u m. (Der große Pogrom von Siedlce im Jahre 1906.T Vraa. Ende Oktober 1910. Druck der ..Grafia". Prag. 1909. IT. SelbstvertaBestellungen durch die Verlagsbuchhandlung Jakob B. Branders, Prag. Schilderung eines Pogroms, der vor zwölf Jahren stattgefunden hat. Das Merkwürdige an der kleinen, übrigens höchst verwahrlost geschriebenen Schrift besteht darin, daß der Schilderer selbst dem gräßlichen Ereignis beigewohnt hat. Seine Darstellung ist anschaulich und beweist von neuem, daß bei derartigen blutigen Ereignissen nicht etwa eine zügellose Volksmenge, sondern das Militär selbst tätig war: freilich handelt es sich bei dem hier beschriebenen Ereignis angeblich um die Unterdrückung eines von den Juden unternommenen Aufstandes gegen die Regierung. Der Nebenzweck unseres Büchleins ist aber außer der eigentlichen Darstellung de^r Nachweis, daß die Polen sich an diesen russischen Orgien nicht nur nicht beteiligt haben (Polemik gegen Georg Brandes und andere), sondern daß gerade sie es waren, welche die Juden schützten. Ganz besonders merkwürdig ist der Bericht, den man für unglaublich halten müßte, wenn nicht der Erzähler ihn durch seine .eigene Teilnahme verbürgte, daß die Gattin des russischen Kommandanten, des Anführers des blutigen Gemetzels, selbst einige Dutzend Juden in ihrer Wohnung beherbergte und diese auch vor dem heimkehrenden Gatten zu schützen wußte. Beim Lesen des Berichts über solche entsetzlichen Ereignisse kann man nur die Hoffnung hegen und aussprechen, daß derartiges im neuen Rußland sich nicht wiederholen möchte. Leider ist, wie neueste Ereignisse gezeigt haben, eine solche Hoffnung eitel. L. G. Sprkchlaal. An die geehrte Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in Berlin. Zu Ihrem werten Bericht über die T rauer feier für meinen dahingeschiedenen Vater Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig erlaube ich mir höfl-ichst zu bemerken, 'daß derselbe einen Irrtum enthält, für dessen Richtigstellung ich Ihnen dankbar wäre. Entsprechend -dem ausdrücklichen Wunsche des Verstorbenen habe ich sowohl in dev Synagoge als auch in der Trauerhalle in Weißensee die üblichen Gebete gesprochen, ihn: den letzten Nachruf gewidmet und als Vertreter der Familie Abschied genommen von dem Verewigten mit dem feierlichen Gelöbnis, ihm auf seinen Wogen nachzuwandeln. Berlin, 30. August. Hochachtungsvoll Prof. Tr. R osenzwe 1 g. * Gründung von jüdischen Kricgerkinderheimen. Auch auf dem Gebiete der Kriegsfürsorge hat -das deutsche Volk Großes, Mustergültiges geleistet. Daß auch die Inden an allen Bestrebungen und Werken tatkräftigen Anteil genommen haben, soll als selbstverständlich hier gar nicht hervorgehoben werden. Wenn wir auch auf vielen Gebieten vereint marschieren können: auf dem Gebiete der Jugendfürsorge sollten und müssen sich unsere Wege im Interesse des Judentums — und bei dem konfessionellen Standpunkt unserer leitenden Staatsmänner auf dem Gebiete des Schul- und Erziehungswefens — trennen. Die Gründung von Kriegerkinderheimen entspricht einem dringenden Bedürfnis. Wir haben in Deutschland eine große Anzahl Kinder — namentlich in den Großstädten —, deren Väter gefallen — oder 'deren Eltern in solche Not geraten sind, daß eine sachgemäße Erziehung und Versorgung solcher Kinder sehr in Frage gestellt sind. In jüdischen Waisenhäusern können sie nicht Aufnahme finden, weil nach den Bestimmungen nur Vollwaisen ausgenommen werden dürfen. Sind Plätze frei, werden allerdings ausnahmsweise auch Halbwaisen ausgenommen. Die jüdischen Erziehungsanstalten mit höheren Lehrzielen können in vielen Fällen nicht in Frage kommen, weil 1. die geistigen Anlagen oft nicht ausreichen uud weil 2. der Pensionsbetrag seitens der Angehörigen nicht aufgebracht werden kann. Anderseits wäre es auch unmöglich, alle hier in Frage kommenden jüdischen Kinder in den bestehenden jüdischen Waisenanstalten und anderen Instituten unterzubringen. Es müßten daher schnellstens zur Rettung zahlreicher jüdischer Kinderseelen namentlich in Großstäd-ten Erziehungsheime — auf dem Lande in Verbindung mit landwirtschaftlichem Kleinbetriebe — für Kriegerkinder und auch für solche, die durch den Krieg -besonders erziehnngs- und versorgungsbeidürftig geworden sind, ins Leben gerufen werden. In solchen Heimen sollen Kinder ohne oder gegen einen geringen Erziehungsbeitrag ausgenommen werden. Es gibt sehr viele Eltern und auch Kviegermütter, die gern ihre Kinder gegen einen Betrag von 500 bis 1000 Mark jährlich in einem solchen Heime nuterbringen möchten. Zahlreiche Gesuche an Privatinstitute beweisen dieses: doch solche können wegen der Teuerung die geforderte Rücksicht nicht nehmen. Bei rationeller Bewirtschaftung dürften solche Heime mit der Zeit aus ihren eigenen Erzeugnissen bestehen könnt u. Hier erwächst eine hehre Aufgabe für unsere Verbände und edle Menschenfreunde. Was wir hier tun, sind wir unserer Jugend, unseren Kriegern u-nd unserem Judentum schuldig. Interessenten dieser hoch bedeutsamen Frage können vom Unterzeichneten praktische Vorschläge und Einzelheiten über die von ihm gedachten Kriegerkinderheime brieflich erhalten. Erst das Ergebnis der Beratung soll veröffentlicht werden. Kinderfreunde, macht den notleidenden schwergeprüften Kindern dieses schöne Rosch-Haschono-Geschenk! Euer Name wind eingeschrieben werden in das Buch des Lebens. Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen.