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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-06 · Heft 36 (6.9.1918) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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429 ganze Haus auf den Kopf stellen: bei der Küche aber heißt es: „Hände weg!" Da mußte Ehaje Rachel unumschränkte Gebieterin bleiben! Bei allem, was ihr Mann sagte und was ihr eigener Menschenverstand sie lehrte, mußte Ellen eingestehen, daß dem Gebahren der alten Frau eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden durste. Im Gegenteil, im Fernhalten dec Schwiegermutter fand sie Ursache, sich zu beglückwünschen. Es bedeutete doch sicherlich nur, daß die alte Frau es endlich eingesehen, in dem Kampfe um die Liebe ihres Sohnes unterlegen zu sein, und darum schmollend von dem Kampfplatz sich zurückgezogen. Als sie bei der Rückkehr von der Hochzeitsreise aus dem Wagen gestiegen waren, wurden sie von der alten Frau mit einigen im Jargon gemurmelten Worten begrüßt, ohne Spur von Herzlichkeit, die, soweit Ellen diese sich übersetzen konnte, etwa dem Sinn haben mochten: „Seid ihr endlich da!" Und die Unterhaltung, die sie mit dem jungen Ehepaare in den folgenden Tagen geführt, geschah auch in der gleichen Tonart, wobei Ellen Gelegenheit hatte wahrzunehmen, daß sie auch jede Zärtlichkeit des Sohnes mit einem unvcrkennibaren Widerspruch ablehnte. Alle diese Vorgänge, über die Ellen jetzt in dem zunehmenden Dunkel nachgrübelte, erschienen ihr in einem freundlichen Lichte. Sie glaubte gesiegt zu haben. Jetzt vernahm sie draußen Klaßners Schritte und sie sprang freudig auf. Sie lief ihm bis zur Tür des Wohnzimmers entgegen, eine Fülle der Zärtlichkeit im Herzen, ein Liebeswort auf den Lippen, als sie plötzlich unwirsch und unsanft von Ehaje Rachel beiseite geschoben wurde, die kreischend ihr zurief: „Nicht du! Ich seien erst! Mich muß küssen zuerst!" die jetzt mit einem lauten Schnalzen, wie das Knallen einer Kinderbüchse, den Worten die Tat folgen ließ. Klaßner tat ihr schweigend den Willen. Natürlich erhielt Ellen ebenfalls ihren Kuß. Dennoch konnte Ellen den Gedanken nicht los werden, daß sie sich in der alten Frau getäuscht, die noch lange nicht verzichtet, und damit war sie selbst der guten Vorbedeutung, die sie sich vorhin zusammengeklügelt, beraubt. 8. Die Abendmahlzeit war vorüber, die natürlich nur von Ehaje Rachel bereitet worden war. Sie hatte dem Drängen deS Sohnes nachgegeben und eine Aufwartefrau angenommen, doch das Kochen besorgte sie nach wie vor ganz allein. Ellen machte keinerlei Einwendung, sie hatte kein großes Vertrauen, zu ihrer eigenen Kochkunst; außerdem war sie klug genug einzusehen, daß es für Klaßner geraten war, auch ferner die Kost zu sich zu nehmen, bei der er sich doch von Kindheit auf so wohl befunden. Ihr selbst machten die ausländischen Gerichte, mit denen sie bei jeder Mahlzeit überrascht wurde, viel Spaß, die sie ohne Widerstreben verzehrte, da sie sich von der peinlichen Sauberkeit überzeugt hatte, die bei der alten Frau zur Leidenschaft geworden war. Nur darin blieb Ehaje Rachel eigensinnig, obwohl der Sohn sie darum herzlich und dringend gebeten, daß sie nicht mit ihnen an einem Tische sitzen äwllte. Sobald sie die Gerichte aufgetragen, verschwand sie, um allein in der Küche zu speisen. Nach beendeter Mahlzeit führte Klaßner Ellen wieder zum Fenster und streichelte ihr die Hand. „Nun Liebling, weißt du, >vas dir bevorsteht? Wie der heutige Tag werden alle anderen vergehen", sprach er, gleichsam sich entschuldigend. „War es dir sehr unangenehm, so allein zu bleiben?" „Es war wohl ein wenig einsam, aber ich hatte doch auch etwas Gutes zu erwarten." „Ich danke dir, Ellen. Aber beruhige dich, es wird nicht immer so bleiben; es ist nur vorübergehend. Früher oder später werde ich doch wohl eine bessere Anstellung finden. Meine Aussichten sind sehr günstig. Warte nur, bald gibt es mehr Geld und weniger Arbeit, so daß ich dir meine angenehme Gesellschaft häufiger werde zuwenden können. Ich gebe zu, daß dieses und jenes bei unserer Verbindung von der ausgetretenen Bahn ein wenig abgewichen; aber es ist geschehen, und wir haben uns damit abgefunden. Jetzt sind wir ein ganz gewöhnliches Ehepaar wie alle anderen, die — die — nicht von der ausgetretenen Bahn abgewichen. Nicht währ. Herzlieb, wir wollen aus unserem Leben kein Problem und kein Experiment machen, sondern eine herzliche, liebevolle und harmonische Seelengemeinschaft. Es wäre mir mehr als peinlich, geradezu widerwärtig zu denken, daß die Menschen und noch mehr wir selbst unsere Vereinigung als einen Prüfstein, als ein Exempel betrachten sollten, um zu sehen, wie eine solche Ehe sich weiter entwickelt. Ist es nicht auch deine Ansicht?" „Jawohl, Artur, das ist auch meine Ansicht," erwiderte sie gelassen. „Dann ist diese Angelegenheit für uns erledigt und wir brauchen kein Wort weiter darüber zu sprechen. Jetzt aber, Frauchen, sage mir deine Ansicht über das Eheleben im allgemeinen." „Ich bin glücklich, Artur, sehr glücklich; anderes kann ich nicht sagen. Und wenn . . ." „Eine ehrliche und offene Antwort", unterbrach er sie fröhlich. „Aber du wolltest noch etwas sagen", drängte er sie. „Ich würde noch glücklicher fein, wenn . - ." verwirrt brach sie ab. Zärtlich streichelte er ihr das Blondhaar. „Ich verstehe, wenn du dich erst etwas mehr eingelebt haben wirst. Aber es kommt alles noch. Ich mache mir darüber keinerlei Sorgen; du bist ja ein Wunder der Anpassungskraft. Zunächst hast du natürlich noch ein bißchen Furcht vor meiner Mutter." „Gewiß. Dennoch glaube ich, daß wir zusammen auskommen werden." „Jawohl. Hat sie heute schon mit dir gesprochen?" „Sie sagte, daß ich nach einem Fleischgericht sechs Stunden warten muß, ehe ich Milch zum Tee nehmen darf. Bei mir aber wolle sie es schon mit vier Stunden bewenden lassen." „Das ist ja großartig!" lachte er. „Das beweist, daß sie endlich ansängt, von deiner Anwesenheit im Hause Notiz zu nehmen. Ich gehe eine Wette ein. daß sie dich innerhalb der nächsten acht Tage fragen wird, wie du heißest, und bald wird das gegenwärtige peinliche Verhältnis ein Ende erreicht haben." „Mache dir nur keinen Kummer darüber. Artur! Ich kann ' warten." „Schließlich hast du doch etwas, mit dem du dich in der Zwischenzeit beschäftigen kannst, um dir die Langeweile zu vertreiben." Seine Stimme klang dabei sehr ernst. „Sogar mehr, als ich vor wenigen Minuten dachte." „Willst du mir damit ein Rätsel ausgeben?" Er blickte sic wieder schelmisch lächelnd an. „Ich habe ja dich," sprach auch sie ernst; „ebenso dein Versprechen für einen Versuch zu einem glänzenden Aufstieg durch dein Schassen. Diesen Sinn habe ich wenigstens in deine Worte gelegt, die du vorhin gesprochen. Ich war eitel genug, diese als ein Kompliment für mich aufzufassen. Ich möchte gern glauben, daß meine Verbindung mit dir dich für deinen Beruf scharf gemacht, um alle deine Geistesgaben zu entfalten, um dir deinen Platz in der Welt zu erobern, zu dem deine Talente und auch dein Charakter dich befähigen und berechtigen. Ich möchte gern den Gedanken festhalten, daß ich es war. die die Flamme entzündet oder wenigstens Oel hinzugegcssen, um deine Begeisterung noch mehr anzufeuern. Mit diesem Gedanken werde ich mich nicht vereinsamt fühlen, wenn du abwesend bist. Zu wissen, daß du in jeder Minute einen Zoll näher zu dem Ziele gelangst, das du dir gesteckt; zu wissen, daß

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