Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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427 „Amen" zu sprechen. Es wurde schon angeleitet, zu Hause sich vor jeder Mahlzeit die Hände zu waschen und „Immmauri" zu sprechen und in der Synagoge „bvruell Im uworuch schmau" zu sagen. All diese und noch zahlreiche andere Dinge üben einen so tiefen Eindruck aus das Kind aus, daß es sie in seinem Spiele nachzuahmen sucht. Ein Tuch wird zu einem Tallis, ein Band zu Tefillin, ein Bänkchen zu einem Betpult, und mit Ernst und Eifer tut es das, was es Vater und Mutter im Hause und den Kantor im Tempel hat tun sehen. Man hüte sich Wohl, hier dem Kinde zu wehren, man würde sonst „die frische Quelle der Erfahrung, die ihm lebendiges Wasser des Lebens, d. h. Kenntnis, Vorstellungen von der Umwelt, in Hülle und Fülle bringt", verstopfen. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Vorstellungsschätze, die das Kind aus diese Weise sammelt, nicht genügend sind. Auch laufen gar oft genug infolge seiner Flüchtigkeit mancherlei Jrrtümer mit unter, zumal es ihm an Plan und Ordnung mangelt. Es sind daher nicht nur Ergänzungen und Erweiterungen, sondern auch Berichtigungen erforderlich. Hierdurch wird der Unterricht erst geeignet gemacht, verschiedenen sekundären Zwecken zu dienen und grundlegend zu sein sowohl für den hebräischen als auch für den geschichtlichen und Religionsunterricht. Neben den hier genannten Momenten gibt es noch zahlreiche andere, die gleichfalls auf das Kind schon frühzeitig einwirken und vielfältige Eindrücke aus sein Herz und Gemüt zurücklassen und sein Sinnen und Denken nach den verschiedensten Seiten hin beeinflussen und ihnen die Richtung geben. Durch seine Geburt ist das Kind in bestimmte Gesellschaftskreise hineingestellt, mit denen es in engen Beziehungen steht. Da sind es außer der eigenen Familie die Nachbarn, die Spielgenossen, die Gemeinde, der Verkehr innerhalb derselben, welche sämtlich dem Kinde die ersten Elemente der Sprache zuführen, deren meist eigentümliche Heimatsklänge sich unauslöschlich dem Gedächtnis einprägen. Außerdem pflanzen die das Kind umgebenden Gesellschaftskreise ihm auch gewisse Vorstellungen und Gedanken, eigentümliche Ansichten, Neigungen und Gewohnheiten ein. Dieser Einfluß ist um so größer, je fester diese Kreise selbst geschlossen sind, je inniger ihr Gemeinschaftsleben ist und je mehr die einzelnen mit dem Ganzen verschmolzen find. (Schluß folgt.) Tancred. Von Dr. E r i ch M a r x. ierzig Jahre sind es her, daß, bei Gelegenheit des Berliner Kongresses, B e n j a m i n D i s r a e l i, Earl of Beaconsfield, in den unmittelbaren Gesichtskreis der mitteleuropäischen Welt trat. Aflt, müde, gebrechlich; einige Jahre später weilte er nicht mehr unter den Lebenden. Einen Moment flammte das Interesse für diese einzigartige Persönlichkeit im deutschen Külturgebiet gewaltig auf. Dann trat die Erinnerung an jene glanzvollen Berliner Tage zurück, und bei dem durchschnittlich geringen Interesse, das in Deutschland für die innere Entwicklung Englands herrschte, schwand Disraeli bald aus der allgemeinen Vorstellung. Der Weltkrieg hat zwar das Interesse an der Struktur des Angelsachsentums und seiner Triebkräfte gewaltig gesteigert, zugleich aber hat die Feindschaft gegen England die Verbreitung von Publikationen verhindert, welche die Kenntnis der englischen Kultur erweitern können. Dies mußte der Verlag Georg Müller erfahren, der im Jahre 1914 eine Uebersetzung des Disraelischen Romans „Tancred" fertiggestellt hatte, als der Krieg ausbrach, lieber drei Jahre wagte er es nicht, das Werk an den Markt zu bringen. Erst kürzlich faßte er Mut, und die „Tancred"-Uebersetzung liegt nun vor. Wer ist Benjamin Disraeli? Ein Literat, der sich für Politik interessiert. Ein getaufter Jude, welcher der konservativen Partei beitritt. Ein Romanschreiber, der England zur Sozialpolitik, dann zum Imperialismus führt. Ein Beschnittener, der, als Englands Ministerpräsident, die indische Kaiserkrone aus dem Mythos heraushobt und sie seiner Königin aufs Haupt setzt, der dem Zaren vor Konstantinopel Halt gebietet und ihn aus dem Berliner Kongreß zur Herausgabe eines großen Teiles seiner Türkenbeute zwingt. Der glänzendste englische Staatsmann des 19. Jahrhunderts, der auf alle abendländischen Völker mit Verachtung herabblickt und nur die Völker des Morgenlandes als wahre Knlturelemente ansieht, deren vornehmste Gruppe die Araber und deren edelstes Glied wiederum die Juden bilden. Das jüdische Volk, als Schöpfer aller ethischen Lehren, die in der Menschheit Geltung haben, dem die sozialen Eiferer des Alten und Neuen Testaments entsprossen sind, ist für Benjamin Disraeli die höchste, verehrungswürdigste Nation der Erde, und der Boden, der dieses Volk einst beherbergt hat und auf dem die geheiligten Lehren erstanden sind, ist für ihn das höchste, geheiligte Gut des Erdenrundes. Darum zieht es seinen Helden Tancred mit unwiderstehlichem Triebe nach Palästina. Lord Tancred Montacute, Ebbe der Herzöge von Bellamont, ein Sproß des englischen Hochadels, ist in der Stille eines englischen Landsitzes im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ausgewachsen. In ruhiger Betrachtung hat er die Welt des aufsteigenden Industrialismus beobachtet, und er ist zum Ergebnis gekommen, daß diese materialisierte Welt neue seelische Antriebe empfangen muß, nachdem die alten Ideen schal und leer geworden sind. Eine Erneuerung des Glaubens, eine neue Glut des Ethos aber glaubt er nur in Palästina empfangen zu können. So verkündet er kurz nach der Feier seiner Volljährigkeit seinen Eltern als Entschluß, daß er nach Palästina reisen wolle — in der damaligen Zeit ein außergewöhnliches, bei der Unsicherheit des Landes nicht gefahrloses Unternehmen. Tancred beharrt bei seinem Entschluß. Versuche, ihn in der Londoner Gesellschaft heimischzu machen und durch die Zerstreuungen der „Season" abzulenken, haben keinen dauernden Erfolg; außer dem jüdischen Großbankier Siedonia, der ihn in seinem Vorhaben bestärkt, findet er dort-Niemanden, der -ihn dauernd fesselt. Auchdie Frauen, die ihn vorübergehend anziehen, können vor seinem scharfen Blick, der die verborgensten Falten des Charakters erkennt, nicht standhalten. So tritt er die langersehnte Reise an. In Palästina empfängt er an den heiligen Stätten die tiefsten Eindrücke. Die Begegnung mit einer schönen, klugen und rassestolz-en Jüdin verstärkt den eigenartigen Stimmungskomplex, in den er sich immer tiefer hineinlebt. Endlich entschließt er sich zu einer Wallfahrt nach dem Berge Sinai. Damit beginnt eine Welt abenteuerlicher Erlebnisse unter räuberischen Araberstämmen, syrischen- Bergfürsten, jüdischen Handelsherren und all den bunten Völkerschaften an der Grenze zwischen Wüste und Zivilisation. Jene Freundschaft zu der stolzen Tochter des jüdischen Großbankiers Besso wird schließlich zu heißer Liebe. In Ehrfurcht vor den ethischen Schöpfungen des Judentums bekennt ihr Tancred seine abgrundtiefe Verehrung für ihr Volk, Und begeistert stimmt er ihr zu, als sie ihm verkündet: „Wenn ihr glaubt, was euer Mund bekennt, müßt ihr, statt uns zu -verfolgen, vor uns knien. Den Helden, die ein Land gerettet haben, errichtet ihr Denkmäler, und verfolgt uns, die Retter der Menschheit." Der „Tancred" hat keinen eigentlichen Schluß. Als dem Sprößling der Herzöge von Bellamont die Erkenntnis wird, daß die Neigung zu Besfos Tochter zur Liebe geworden ist, da erscheint das herzogliche Elternpaar in Jerusalem, um den einzigen Sohn zu suchen, von dem seit seiner abenteuerlichen Wüstenfahrt keine Kunde zur Heimat gedrungen war. Der