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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-06 · Heft 36 (6.9.1918) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 schule, 2. die jüdische Religionsschule, 3. die -höheren Lehranstalten, an denen ein jüdischer Religionsunterricht erteilt wird. Für die jüdische Volksschule hat die Heimatkunde überhaupt dieselbe Bedeutung wie für die nichtjüdische Volksschule. Sic soll lediglich als ein propädeutischer Unterricht betrieben werden und in der Hauptsache allmählich auf die Unterrichtsfächer, insbesondere aber auf den geographischen, naturkundlichen und geschichtlichen Unterricht vorberei'ten. Dabei soll das sich -darbietende jüdisch-heimatliche Material den verschiedenen Disziplinen dienstbar gemacht werden. Zu jeder Zeit und bei jeder sich darbietenden Gelegenheit sollen auf allen Stufen heimatliche Vorstellungen herangezogen und verwendet werden. Auf allen Gebieten des Unterrichts muß sich das Bestreben zeigen, „die vornehmsten apperzipi-erenden Hilfen zu schaffen dermaßen, daß in den Kindern ein klares Bild der Heimat erzeugt wird, das nicht nur den Verstand erhellt und befruchtet, sondern auch das Herz erwärmt und das Gemüt vertieft". Je nach der geistigen Reife der Schüler ist ein bestimmter Gedankenkreis zu entwickeln und in Behandlung zu nehmen. Die jüdische Heimatkunde hat sich an den- Jugendunterricht anzuknüpfen und muß bis ins letzte Schuljahr hineinreichen. Sie soll somit lediglich „P r i n z i p" sein. Als selbständige Disziplin könnte die jüdische Heimatkunde höchstens auf der untersten Stufe des Schulunterrichts auftreten, da hier der zu behandelnde Stoff an kein bestimmtes System gebunden ist, was auf der Mittel- und Oberstufe nicht der Fall ist. Unter Umständen ist aber wiederum auf der Oberstufe der jüdischen Heimatkunde ein Raum zu gewähren, weil die zu behandelnden Unterrichtsfächer vielfach keine Gelegenheit bieten, manchen unentbehrlichen heimatkundlichen Stoff durchzunehmen, dessen Berücksichtigung erst hier wegen seiner sachlichen Schwierigkeiten angebracht und möglich ist. Ans der Mittelstufe und zum Teil auf der Oberstufe kann der heimatkundliche Unterricht schon aus dem Grunde nicht als selbständige Disziplin auftreten. weil er als solider die anderen Unterrichtsgeaenstände nicht in der erforderlichen Weise durchdringen würde. Kr würde losgelöst dastehen und insofern-seinen Wert und seine Wirkung verlieren, als er dann- -eine direkte Klärung sonst schwer verständlicher Begriffe und Situationen nicht herbeiführen könnte. Der heimatkundliche Unterricht ist aber so mannigfaltig und vielverzweigt, daß es auf alle n -Stufen Arbeit gibt. Anders liegt die Sache beim Unterricht in der Religionsschule bzw. denjenigen höheren Schulanstalten, an denen ein jüdischer Unterricht erteilt wird. Die Schüler, welche diese Anstalten besuchen, genießen wohl hier in der Regel einen allgemeinen heimatkundlichen Unterricht, doch fehlt diesem das Svezifisch-Jüdische vollständig. Die jüdische Gesinnuna findet hier in keiner Weife eine Förderung, und gewisie Begriffe und Situationen werden dem Zögling gar oft in einer Darstellung geboten, die dem Geiste des Judentums wenig oder gar nicht entspricht. Ihre Beziehungen zu jüdischen Verhältnissen werden vollständig unbeachtet gelösten. Da hat denn der jüdische Religionsunterricht ergänzend und, wenn nötig, berichtigend einzugreifen. Hierbei hat zunächst, die jüdische Heimatkunde als selbständiger Unterrichtsgegenstand in Form eines Gesinnungsunterrichts aufzutreten. Wir Pflegen noch immer hauptsächlich die biblische Geschichte als Ausgangspunkt für den jüdischen Gesinnungsunterricht hinzunehmen. Sie wird verwandt, um diesen Unterricht zu beleben und zu befruchten. Wir vergessen aber dabei, daß -wir die Schüler in ganz entlegene Zeitenführen, die mit der unseren nur ganz geringe Berührungspunkte haben. Wir stellen die Kinder im Geiste in Situationen und Verhältnisse, die sie fremd anmuten und ihren Begriffen und Anschauungen gar nicht entsprechen. Würden wir nicht das Ziel, das uns zunächst vorschwebt, besser und leichter erreichen, wenn wir das Naheliegende zum Gegenstand unserer Behandlung machten? Würde das Kind die ersten biblischen Erzählungen nicht bester verstehen und sie in einem ganz anderen Lichte betrachten, wenn es durch einen sogenannten „jüdischheimatkundlichen Gesinnungsunterricht" vorbereitet wird? Es würde der Erfolg des eigentlichen biblischen Geschichtsunterrichts durchaus nicht beeinträchtigt werden, wenn er etwa ein oder zwei Jahre nach Eintritt des Kindes in die Schule seinen Anfang nimmt. Es kann kaum bestritten werden, daß er dann, nachdem -das Kind auf gewisse Stoffgebiete vorbereitet worden ist, mit viel mehr Nutzen und erfolgreicher betrieben wird. Auch muß zugegeben werden, daß alle die Begriffe, die wir namentlich aus der untersten Stufe an der Hand der biblischen Erzählungen klarzumachen und zuzuführen bemüht sind, sämtlich in leichter Weise der Auffassung des Kindes auf dem Wege des heimatkundlichen Unterrichts übermittelt werden können. Wenn das Kind der Religionsschule zugeführt wird, hat e? bereits einen erheblichen Teil des heimatkundlichen Unterricht? durchgearbeitet. Der Religionslehrer kann an den schon gewonnenen Unterrichtsstoff anknüpfen und ihn auf das spezifischjüdische Gebiet überleiten. Freilich ist der propädeutische Charakter des jüdischen heimatkundlichen Unterrichts in der Religionsschule kein so bedeutender wie in der Volksschule, da -dieser Unterricht sich -dort natürlich nur auf die Unterrichtsfächer der Religionsschule beschränken kann, also hauptsächlich auf den Religions- und biblischen Geschichtsunterricht und in gewissem Sinne sogar auf den hebräischen Uebersetzungsunterricht. Wie und mit welchen Mitteln dieses geschehen kann, soll weiterhin erörtert werden. Es ist nundie Frage zu beantworten: Wann hat der jüdische heimatkundliche Unterricht sowohl in der jüdischen Volksschule als auch in -der i-üdischen Religions-sch-ule und in den in Betracht kommenden höheren Schulanstalten einzusetzen? Aus verschiedenen Hinweisen ist zu ersehen, daß dies so früh wie möglich geschehen müsse. Der zarte Keim der Liebe zur Heimat und zu allem, was Juden und Judentum darin angeht, kann nicht früh genug in -das Herz der Kinder gepflanzt -werden. Schon -das Elternhaus kann und soll hier Vorarbeiten, so daß das in die Schule eintretende Kind einen nicht unerheblichen Schatz von Vorstellungsmaterial mitbringt. In den meisten Fällen leistet auch das Elternhaus, vielfach unbewußt, diese Vorarbeit. An dieses Vorstellungsmaterial muß -der Unterricht anknüpfen, es muß die Apperzeptionsmasse bilden, von welchcr er ausgeht mit -der Absicht, zunächst die geiffiqe Beschäftigung des Kindes vor der Schulzeit zu verdeutlichen. Der Schule wird -hier dadurch die Arbeit wesentlich erleichtert, daß an dem Kinde vor dessen Eintritt in die Schule schon Erfahrung und Umgang ihre bildende Kraft versucht haben. Die Erfahrung hat bereits ein empirisches, die Umgebung ein sympathische? Interesse hervorgerufen. Man beobachte nur das Kind bei seinen verschiedenen Hantierungen im Spiele. Die Erscheinungen im häuslichen - Leben und in der Synagoge, überhaupt alle Vorkommnisse da draußen beobachtet das Kind mit größtem Interesse. Es lauscht Mitteilungen über Vorgänge im religiösen Leben und sucht oft durch allerlei Fragen seinem mangelnden Verständnisse zu Hilfe zu kommen. Es ahmt nach, was es im Hause, in der Synagoge sieht. Es lauscht dem Gebete des Vaters, sieht, wie er so manche religiöse Handlung übt. Es sieht -die Mutter in Stube und Küche hantieren. Auch erwecken die zeremoniellen Einrichtungen seine Aufmerksamkeit. Es sieht -die Mesuso an den Türpfosten, sieht den Vater die Tefillin legen; es sieht ihn auch Kiddusch und Hawdoloh machen und ist zuweilen dabei selbst tätig, indem es angehalten wird, die Hawdolohkerze zu halten und

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