Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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425 In verhältnismäßig sehr jungen Jahren bekam er leitende Stellungen bei hiesigen Großbanken und blieb bis zu seinem Tobe im Bankfach tätig. Er war Mitglied des Aufsichtsrates bei verschiedenen industriellen Gesellschaften, zumeist im Maschinenfach, und fast immer war er Vorsitzender des Aufsichtsrats. Im Leben war er unverbesserlicher Optimist. Diese Eigenschaft hals chm über alles hinweg; bei allen Ereignissen fand er etwas Gutes heraus, und so war er auch für die Umgebung eine Quelle des Behagens und des Trostes in allen Lagen. Liebenswürdig im Wesen, vornehm im Charakter, traute er jedem Menschen. Sein Grundsatz war, lieber zehnmal betrogen zu werden, als einmal unrecht zu mißtrauen. Er konnte sich gar nicht denken, daß ein Mensch unwahr und schlecht sein könnte. Seine Wohltätigkeit war großzügig. Er unterstützte mit vollen Händen jeden, weil auch er ja am Anfang des Leben Entbehrungen kennengelernt hatte. Nur eine Bedingung stellte er immer an die von ihm gewährten Unterstützungen: es durfte niemand etwas davon wissen. Das Goethesche Wort: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" Patzte auf ihn wie sonst kaum auf einen Menschen. Er war kein religiöser Jude. Sein Wirkungskreis brachte es mit sich, daß er mit vielen Christen verkehrte, und zwar auch gesellschaftlich auf das intimste. Schon nach dieser Richtung hin hat er viel für das Judentum geleistet; denn auch die Andersgläubigen fühlten sich in seinem Hause außerordentlich wohl und die Anhänger der verschiedenen Konfessionen lernten sich gegenseitig kennen, achten und schätzen. Ein treuer Jude im liberalen Sinne blieb er immer: das bezeugte seine außerordentlich segensreiche Tätigkeit als Schatzmeister im Hilfsverein der deutschen Jnden. über die die „Allgemeine Zeitung des Judentums" schon vor kurzem eine Notiz gebracht hat, und auch seine Mitgliedschaft in der Berthold-Auerbach-Loge deS Unabhängigen Ordens Bne Brith, für deren Arbeiten er das regste Interesse und stets eine offene Hand hatte, auch wenn er sich aktiv an ihnen nicht beteiligte. jüdische Heimatkunde. Von I, H e r z b e r g (Brvmbcrg). (Fortsetzung.) ßjF" s ist dies ganz natürlich. Denn die große Gemeinschaft erscheint als das vergrößerte Spiegelbild der engeren Heimatgemeinde. Kommt das Kind später aus dem engen Kreise, in denr es groß geworden Und in dem es die vielfältigen Bilder, Kenntnisse und Erfahrungen in sich ausgenommen, dann wird es wohl stets, wenn es aus diesem engeren Kreise in den weiteren hinaustritt, sich überall freundlich angemutet fühlen. Ernst Simon, gest. Anfang August 1918. denn allerorten wird es auf Erkanntes, auf liebgewonnene, ihm längst vertraut gewordene Sitten und Einrichtungen stoßen. Vor allem aber wird es stets Menschen begegnen, die gleichen Stammes und Glaubens sind und in derselben heiligen Sprache in altgewohnter Weise zum Gott der Väter ihre Gebete richten, und es wird sich niemals in der Fremde ganz fremd fühlen. Die jüdische Schule hat daher mit allen Mitteln dahin zu streben, daß die Jugend die Heinmtgemeinde gründlich kennenlerne. Denn nur das, was man ordentlich kennt, kann und wird man wahrhaft und dauernd lieben. „Wahre Begeisterung und selbstloses Wirken wird sich stets nur da zeigen, wo man das, wofür man begeistert sein und wirken soll, liebt und wert schätzt, und man liebt und schätzt nur das, was einem mit allen seinen Vorzügen, vielleicht auch mit seinen Mängeln und Schwächen, zu deren Hebung man selbst beitragen kann, vertraut geworden ist." Eine genaue Kenntnis der Gemeindeverhältnisse, wie sie waren und wie sie geworden sind, der Personen, die zu ihrer Entwicklung wesentlich beigetragen haben, der Ereignisse, welche die Herzen der Vorfahren in allen Lagen des Lebens, in Wohl und Wehe, bewegt haben, führt sicher zur Liebe zur großen Gesamtheit: einer Liebe, die im Herzen tiefe, unausrottbare Wurzeln schlägt und Anhänglichkeit an das Heimische und zugleich Liebe zu den Gebräuchen und Einrichtungen zeitigt und fördert. Es wäre nur die Frage zu erörtern: „Soll die jüdische Heimatkunde einen besonderen, für sich bestehenden Unterrichtsgegeustand bilden?" Vor Erörterung dieser Frage muß dem etwaigen Einwande begegnet werden, „man könne wohl nicht gut von einer „j ü d i - s ch e n" Heimatkunde reden, wie es auch weder eine jüdische Geographie, noch ein „jüdisches Rechnen" geben kann. Hierzu ist fnoch zu bemerken, daß man ' freilich, wenn lediglich die Methodik der einzelnen Lehrfächer ins' Auge gefaßt wird, zwischen jüdischen und nichtjüdischen keinen Unterschied machen kann. Etwas anderes aber ist es, wenn es sich um den Unterrichtsft off handelt, denn dieser bedingt nicht die Methode, wohl aber gibt er dem Unterricht seinen eigenartigen Charakter. Und es gibt so viel, was die allgemeine Heimatkunde völlig unberücksichtigt läßt, für die jüdischen Kinder jedoch ganz unerläßlich ist. Die Frage nun, ob die jüdische Heimatkunde einen besonderen, in sich abgeschlossenen oder einen eingegliederten Unterrsthtsgogenstand bilden soll, kann nicht so ohne weiteres beantwortet werden. Die Entscheidung darüber hängt zum Teil davon ab, welche Schulgattung in Betracht kommt. Für den jüdischen heimatkundlichen Unterricht können, wie wir gesehen haben, nur in Frage kommen: 1. die jüdische Volks-