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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-06 · Heft 36 (6.9.1918) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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—— 424 flitmerben muß. Die Anmeldung ist eine vollkommen freilvillige, von einem „Müssen" kann absolut nicht die Rede sein. Die Flüchtlinge ziehen aber den Transportzug den Personenzügen vor, da sie einerseits bequemer fahren, anderseits die Gewißheit haben, daß sie ihr ganzes Mobiliar und ihre sonstigen Habseligfeiten unüeraubt nach Hause bringen können. 3. Es ist ‘ unwahr, daß die Flüchtlinge auf dem Bahnhöfe vor Abgang des Transportzuges mit Stößen, Beschimpfungen und Flüchen behandelt werden. Ich und nieine Ali Larbeiter sind jeden Montag beim Abgänge des von mir eingerichteten Transportzuges zumeist schon von frühmorgens aus dein Bahnhofe anwesend. Ich habe niemals derartige Beobachtungen gemacht, würde selbstverständlich gegen derartige Bortommrnsse mit aller Energie einschreiten, falls sich solche ereignen sollten, und ich kann nur versichern, daß die Flüchtlinge sowohl für die Einrichtung des Transportzuges als auch für die Hilfeleistung und Unterstützung, welche, ihnen der Benutzung dieses Transportzuges zuteil wird, sehr dankbar sind. Unzählige Dankschreiben stehen der geehrten Redaktion zur Einsicht zur Verfügung. Es ist unrichtig, wenn behauptet wird, daß die Flüchtlinge Trittbretter, . Dächer, Ecken und Kanten des rollenden Dorfes ansüllen. Ein 10- bis 15-Tonnen-Vllagen wird durchschnittlich von acht, oft auch weniger Personen in Anspruch genommen. Die Wagen werden von den Flüchtlingen eingerichtet, es lverden Tische und Sessel ausgestellt und Betten aufgeschlagen. 4. Es ist unwahr, oaß am Montag, delt 17. Juni 1018, zirka 5000 galizische Flüchtlinge Wien mit diesem Transportzuge verlassen haben; w-ahr dagegen ist, daß an diesem Tage etwas über 900 Flüchtlinge in zwei Lransportzügen von je 75 Wagen Wien verlassen Häven. Eine einfache Rechnung ergibt, daß an jenem Tage durchschnittlich sechs bis sieben Personen auf einen Transporttvagen entfielen. sJJiit diesem Transportzuge fuhren übrigens auch Aerzte, Advokaten, Staatsdeamie und Offiziere mit, welche alle Anspruch aus freie Fahrt. 2. Klasse mit einem Personenzug gehabt haben, welche aber den Lransportzug dem Zersonenzuge vorgezogen hatten. Aus dem Berichte Ihres geehrten Herrn Mitarbeiters muß rnan zur Einnahme gelangen, daß er persönlich auf dem Bahnhofe überhaupt nicht anwesend war, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf einen Bericht des „Neuen Wiener Abend" berufen hat, welcher von dieser Zeitung auf meine Reklamation als unrichtig rektifiziert wurde. Mit der obigen Berichtigung wollte ich aber gewiß nicht behaupten, daß die Behandlung der Flüchtlinge durch das Hinterland durchlvegs eine gerechte und richtige war. Ergebenst Tr. Rudolf Ritter von S ch w n r z - H i l le r Gemeinderat der Stadt Wien und Leiter der Zentralstelle der Fürsorge für Kriegsslüchtlinge. * Eine kurze Betrachtung von Frau Clotilde Benedikt mag auch Hier Raum finden. Sie lautet: Die Aussührungen Dr. Blochs in -den Feuilletons der letzten Nummern der „Oesterreichischen Wochenschrift" über Ritualmord und Hostieuschändung sind um so verdienstvoller, als noch immer weiteste Kreise der Bevölkerung sich von diesem Irrwahn- .angesteckt finden. So möchte ich rwch auf ein paar Beispiele Hinweisen, in denen große Künstler den: Geist ihrer Zeit und ihrer Besteller Tribut leisten mußten, die aber geeignet sind, noch heute Uebles zu wirken. Zn dem Juwel gotischer Baukunst, das Brüfsel in seiner Gudalakathedrale besitzt, stand wohl jeder Beschauer im Banne der herrlichen Glasfenster, vielleicht der schönsten, die uns bewahrt worden find. Dort h>aben die Könige von Portugal, Frankreich, Ungarn und Böhmen im 16. Jahrhundert eine Fensterreihe durch Jan van Haeck, Michel Eoxie und Bernhard v. Oerley ausführen lassen, welche die Geschichte einer Hostienschändung (Zerstücklung in der Synagoge, wunderbares Bluten, Verbrennung der Juden) schildert. Mr ist nicht mehr erinnerlich, wo sich diese Geschichte zugetragen haben soll, wohl .aber, daß der Sakristan, wenigstens unter dem milden und aufgeklärten König Leopold II., unter dessen Regi-erung ich die Kirche besuchte, immer hervorhob^es handle sich um eine nnerwiesene Legende. In den letzten vier Jahren haben aber Tausende und aber Tausende unserer Soldaten aus allen Schichten durch den Gang der Weltereignisse diese ungemein lebendigen und dramatischen Darstellungen gesehen. Dies läßt mich fast wünschen, diese Fenster würden ausgebrochen und im Depot eines Museums rein Kunstverständigen' aufbewahrt. Was soll rnan nach der Verirrung so großer. Künstler von den Bauern von Polna oder Tisza-Eßlar oder von Ostpreußen verlangen? Aufklärung der Kinder durch die katholischen oder protestantischen Gastlichen im christlichen Religionsunterricht wäre ein Postulat, das das Gesamtjudentum der zwei verbündeten Reiche stellen sollte. * Diese Nummer gelangt in die Hand unserer Leser unmittelbar vor dem Beginn unseres Neujahrsfestes. Ein neues Jahr beginnt in Stürmen und Sorgen. Die bange Frage: Wer zum Leben, wer zum Tode eingeschrieben, wem Mangel und Not bestimmt ist, erschallt aufs neue in unseren Gotteshäusern. Noch selten ist sie in so -bekümmertem Tone vorgetragen worden als in diesem . Jahre. Und doch soll die unruhvolle Frage an das Schicksal unser Gemüt nicht verdüstern, unseren Blick nicht verdunkeln. Der freudevolle Wunsch, mit deni alle Gläubigen sich an diesem Fest- und Feiertage begrüßen: „Mögest du zu einem guten Jahre eingeschrieben werden", soll auch uns erfüllen. Es ist der Segenswunsch, den wir unseren Lesern zurufen. Ein gutes Jahr möge kommen für jeden einzelnen in seinem Hause, für unser deutsches Vaterland, für unser Judentum. Duldsamkeit des einen gegen den anderen möge immer allgemeiner werden, unser Vaterland möge in diesem Jahve unbesiegt, aus allen Fährnissen glorreich triumphierend über seine Feinde hervorgehen. Möge es den Bekennern des Judentums gewährt werden, in allen Ländern die ihnen gebührenden Gleichstellung zu erringen, mögen Haß und Neid, die noch in der letzten Zeit so grimmig wüten, in ihre dunkeln Höhlen verdrängt werden. Das Neujahrsfest ist, trotz seines feierlichen und ernsten Charakters, ein frohes Fest. Ein Tag der Erinnerung und der Ermunterung. Aus der Not heraus sollen wir uns inne werden der herrlichen Zeiten, die wir durchlebt haben, der heiligen Güter, deren Träger wir sind, erinnern. In den Zeiten scheinbaren Stillstands und schwerer Schädigung aller Kultur sollen wir den Ermunterungsruf vernehmen zu freudiger Arbeit, zum Festhalten an unserem Glauben, zum festen Vertrauen auf eine gesegnete Zukunft. Wer in sicherem Behagen lebt, hat es leicht, dem Kommenden entgegenzuschen. Aber gerade der, dem es in unrühevollen Tagen schwer wird, den inneren Gleichmut zu bewahren, soll den Ruf der Ermunterung, der ihm durch den Schofarton vermittelt wird, auch in sich vernehmen. Fest und treu bei seinem Glauben zu stehen, innig und hingebend alle Kraft dem Vaterland zuweisen, liebevoll den Seinigen sich zu widmen, mit heiligem Ernst in seinem Berufe seine Kraft zu erproben — das ist der Ruf der Ermunterung, der einem jeden erschallt. In diesem Sinne gelte das Wort: „Zu einem guten Jahre m ögest du e i n g e s ch r i e b e n w e r d e n!" |£rnft &imon.| rnst Simon war am 1. Januar 1854 in Berlin geboren und hat sein ganzes Leben hier verbracht. Er hat im kindlichen Alter seinen Vater verloren, und da seine Mutter in nicht günstigen Verhältnissen zurückgeblieben war, lernte er sehr bald den Ernst des Lebens kennen. Schon als Lehrling gab er den größten Teil seines Gehaltes seiner Mutter. Er war und blieb der gute Stern seiner Familie, zumal es ihm sehr bald gelang, große und gut bezahlte Stellungen zu erhalten.

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