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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-09-06 · Heft 36 (6.9.1918) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 mühevolleres. Vieh viel mühevolleres als das unlerer andersdenkenden Brüder. Wir tun nicht genug, wenn wir in das Gesetz vergangener Zeiten unser Tagesleben inzäunen; es ist leicht, so schwer es scheint, schon Gelebtem nachzuleben. Wir tun nicht genug, wenn wir den Leibern eine neue Heimstätte aufbauen wollen; es ist leicht, so schwer es scheint, ein Reich der Erde zu errichten, es zu bevölkern und zu verwalten. Uns liegt ein tausendfach schwereres Werk ob: wir lebten nicht der Gegenwart, wir sind nur Bildner am Reich der Zukunft. Wir wollen kein bloßes Hein: des Leibes aufrichten, wir sind Werkleute am Tempel des Geistes. Weil unser Ziel ist, ein Reich von Priestern zu sein und ein heiliges Volk, eine Gemeinde von sittlich geläuterten, von der Erkenntnis der Selbstverantwortlichkeit durchdrungenen Menschen, darum ist es so schwer, unser Wollen klarzumachen, uns selbst und anderen, und dieses Wollen in Wirken umzusetzen. Darum wird aber auch der einzelne, werden viele, werden tausend mal tausende einzelne nichts vermögen, nur eine geschlossene, einheitlich' strebende Gesamtheit wird das Ziel erreichen. Das also ist der erste Schritt unserer Betätigung: Zusammenschluß^). Nicht Erkenntnis allein, nicht Bekenntnis allein frommt; setzt ist die Zeit der Tat gekommen. Wer sich jetzt ausschließt vom Heerbann der Brüder, ist fahnenflüchtig und verdient das Los des Fahnenflüchtigen: den rühmlosen Untergang! Drei Sühneboten stehen an der Pforte des Neujahrsfestes. Wer ihrer Mahnung taub bleibt, verschließt sich die Pforte zum Versöhnungstag. zertrümmert sich selbst das Ziel, das er allein, niemand für ihn, aufrichten kann, die Wonne, die nur ehrliche Arbeit gibt: die unendliche Befriedigung, den heiligen Frieden der vollbrachten Tat! Dir Woche. B e r l i n, den 3. September 1918. ie ungeheure blutreiche Schlacht im Westen nimmt ihren Fortgang. Die ganz fürchterlichen Ver- - lüfte, die unsere Gegner erleiden, hindern sie nicht, immer neue Kräfte einzusetzen. Nach dem treuen Bericht unserer obersten Heeresleitung ist der Widerstand der deutschen Truppen ein ungemein heroischer. Gelegentlich ist auch von sieg- . reichen Vorstößen zu melden, die den Unsrigen gelingen und , die uns Gefangene einbringen, aber im ganzen muß von i unserer offiziellen Seite ein ziemlich starkes Zurückweichen konstatiert werden. Das braucht uns in keiner Weise zu erschrecken und darf uns nicht zur Mutlosigkeit verführen. Wechselfälle sind in jedem Krieg unvermeidlich; nach einem so beispiellosen Vordringen, wie es unseren Truppen seit dem Frühjahr dieses JahreS gelungen war, ist es selbstverständlich, daß unsere Gegner alle ihre Kräfte zusammenraffen. Wir dürfen aber mit einer gewissen Freude berichten, daß die großangelegten Durchbruchsversuche unserer Feinde bisher nicht gelungen sind, und dürfen die Hoffnung hegen, daß sie auch weiter nicht gelingen werden. Die Feinde erkennen allmählich, mit welch starkem Gegner sie es zu tun haben, und wenn auch unsere Linien stark zurückgezogen sind, so ist doch zu erwarten, daß wir uns zu neuem Ansturm rüsten und das Verlorene nicht bloß zurückgewinnen, sondern zu gewaltigen Angriffen bis zum endlichen Siege vorwärtsschreiten. Bis zum endlichen Siege! Bis dahin kann freilich noch lange Zeit vergehen; es müssen noch viele und schwere Opfer gebracht werden. Aber die Zuversicht darf nicht schwinden. h Für bas liberale Judentum kommen vor allem in Frage: Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Berlin W 8, Manerstraße 22, und die Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine in Dentschland, ebenda. dem starken Siegeswillen wird das glorreiche Ende entsprechen. Vor den übrigen Kriegsschauplätzen verlautet wenig. In Italien ist es völlig still geworden, in Albanien find unseren Verbündeten wichtige Vorstöße gelungen. Von der Intervention der Japaner und ihrer Verbündeten in Sibirien verlautet nicht viel, dagegen liegen bemerkenswerte Nachrichten von der Stärkung der Sowjetregierung und der üblen Lage der Tschecho-Slowaken vor. Es scheint auch, daß die inneren Zustände Rußlands sich allmählich bessern, wenn auch von normalen Verhältnissen, wie das Attentat auf Lenin beweist, noch lange nicht die Rede sein kann. Aber immerhin ist es bemerkenswert, daß die Börse diese Zustände vertrauensvoll anzusehen beginnt. Das ist zwar kein völlig zuverlässiger Gradmesser, aber immerhin ein Symptom, dem man eine gewisse Beachtung zu schenken hat. # D i e Z e n t ra lw o h l sah r t s/t el e der deutschen Juden hatte, wie unser E. N,-Korrespondent uns schreibt, für Sonntag, den 1. September, die Vorstände und Leiter der jüdisckjen Waisenhäuser, Erziehungsanstalten und Stiftungen zur Erörterung jüdischer Erziehungsprobleme nach Berlin berufen. Die gut besuchte Versammlung, die im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde tagte, wurde vom Vorsitzenden des Vorstandes der Zentralwohlfahrtsstelle, Goheimrat T i m e n d o r f e r , mit einer Begrüßungsansprache eröffnet, in der der Redner seiner Freude Ausdruck gab, daß die Versammlung trotz aller Berkehrsschwiecigkeiten starke Beteiligung aus allen Teilen des Reiches ausweist. Die heutige Tagung sei von großer Bedeutung, weil sie die erste Aussprache auf dem Gebiet der jüdischen Anstaltserziehung darstelle, die unter jüdischen Sachverständigen stattfindet. Als praktisches Ergebnis der Tagung erhofft die Zentralwohlfahrtsstelle die Gründung eines Verbandes der jüdischen Waisenhäuser und Erziehungsanstalten, der moderne Grundsätze in der Erziehung unserer Jugend anstrebr^ Das erste Referat über die Aufgaben der geschlossenen Anstaltsfürsorge hielt Direktor Dr. Adler (Frankfurt a. M.). Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung, daß die jüdischen Erziehungsanstalten in ihrer Organisation die besonderen Vorzüge jüdischer Familienerziehung ausweisen und deshalb die Errichtung möglichst kleiner Anstalten, höchstens bis zu 30 Kindern, anzustreben ist. Bei bestehenden größeren Anstalten empfiehlt sich die Einrichtung von Familiengruppen von je 15 bis 20 Kindern unter besonderer Leitung von Gehilfen und Gehilfinnen. Als Erziehungsmittel dienen alle Maßnahmen, die zur Schaffung einer sittlichen Persönlichkeit geeignet sind,' sorgfältige Körperpflege, mäßiger Sport, moderne Arbeitserziehung und sorgfältige Unterweisung in den Lehren der jüdischen Religion. Vor. allen Dingen muß dafür gesorgt werden, daß der Zögling auch nach seiner Entlassung noch mit der Anstalt in Verbindung bleibt. „Die Aufgaben der offenen Waisenfürsorge" behandelte S. K i r s ch - st e i n (Berlin). Unter möglichster Ausschaltung geschlossener Anstalten fordert der Redner die Unterbringung der erziehungsbedürstigen Jugend in Familiengruppen, am besten in Lehrerfamilien der Ostnrark. Der Nutzen ist ein doppelter: die Kinder bleiben in Berührung mit dem wirklichen Leben, dem sie in den geschlossenen Anstalten entfremdet werden, und durch diese Unterbringung wird gleichzeitig den jüdischen Kleingemeinden im Osten die Möglichkeit zur Erhaltung ihrer Schule gegeben und der Entjudung der Ostmark gesteuert. Die Mittel zur Einrichtung solcher Familienheime sollen durch Sammlungen, die laufenden Kosten durch die Beiträge der Verpflichteten aufgebracht werden. Fräulein P a p p e n h e i m (Frankfurt a. M.) betont die Wichtigkeit der Pflege des jüdischen Lebens, jüdischen Geistes und der Kenntnis des Juden-

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