Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 6. September 1918 82. Jahrgang. Nr. 36 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto S2-. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Sr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. TlttftStft* Erkenntnis, Bekenntnis, Betätigung! Eine Neujahrs- Mahnung! Von Rechtsanwalt Heinrich Stern. — Die Woche. — Ernst Simon. — Jüdische Heimatkunde. Von I. Herzberg (Bromberg). — Tancred. Von Dr. Erich Marx. — Eine italienische Dichterin. Von Regina Reißer. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Zum Neujahrsfeste. Von Jenny Bergmann. — Rausch haschonoh. Von S. Aschner. — Miszelle. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Altdamm, Dresden, Augsbnrg, Darmstadt, Kopenhagen, Wien. — Von Nah und Fern. Lrürnntnls, Lrkennlnis, Srtätigung! Eine N e u j a h r s m a I) n u rt g. Von Nechtsainvalt Heinrich Sie r n. eins der Neujahrsgebete ergreift den andächtig gesammelten Beter tiefer als das alte „Unhsane-tokef"- Gebet. Dreifach ist feine Kraft. Die Geschichte seiner Entstehung umfließt der Purpurmantel des sterbenden Bekenners, mit dessen Martyrium fromme Ueberlieferung sein Werden verknüpft. Sein Wortlaut: eine mit der schlichten Ruhe unserer alten Gebete in scharf packendem Widerstreit stehende Dichtung von bildhafter Kraft, eine Darstellung des Gottesgerichts, die nach meinem Empfinden mit Unrecht in den Uebersetzungen unserer modernen Gebetbücher nur noch in verblaßten Umrissen in die Erscheinung tritt —, endlich und vor allem: aus dem Prachtbehang des Dichtwerks tritt dem tiefer Schürfenden in majestätischer Pracht der großartige Kern der ernsten Feier, die wir begehen, entgegen. Wohl wird mit furchtbarer Deutlichkeit der Tag des Gerichts mit all seinen schauern gemalt, der erhabene Richter auf seinem Dhron, vor dem selbst die Heerscharen ängstliche erbeben, das Buch ausgeschlagen, dessen Blätter das Schicksal des einzelnen bergen, das Richtschwevt ist gehoben, zum Schlage bereit: doch „Teschuwoh, Tefilloh, Zedokoh" lassen das grause Geschick an uns Vorbeigehen. „Teschliwoh, Tefilloh, Zedokoh", Umkehr, Gebet, fromme Werke, das sind die Kräfte, die den Streich des Schwertes hemmen, das Schicksal zu wenden vermögen. Umkehr, geboren aus der Erkenntnis der Fehler; Tefilloh: die Ergießung dieser Herzenserkenntnis, das rückhaltlose Bekennen; fromme Werke endlich, das Handeln nach dem für wahr Erkannten und Bekannten, das Umsetzen von Gefühl und Wort in die Tat. Erkenntnis, Bekenntnis, Betätigung! Nicht mir, dem Laien, ziemt es auszuführen, wie in der Einführung dieser drei Sühneboten in die Hallen des Gottesgerichts das tiefste Wesen unseres Judentums sich offenbart, wie in diesem alten Gebet in erschütternder Kraft die Hoheit des Gedankens der sittlichen Selbstverantwortung geschildert wird, welche den Wesenskern der jüdischen Lehre bildet. Aber einen Lichtstrahl dieses großen Gedankens möchte ich, dem Wahrheit heischenden Ernst dieser Festzeit gemäß, ausslammen lassen über unser liberales Judentum und seine Anhänger. Sind wir gerüstet zur Erkenntnis, zum Bekenntnis und zur Tat? Denn wie wir jeder über uns selbst Rechenschaft geben sollen, wieviel mehr über unsere Gemeinschaft und ihr Leben! Nun, an Erkenntnis fehlt es gewiß am wenigsten. Das dürfen wir heut' schon für uns in Anspruch nehmen; den Wert, das Wesen unseres liberalen Judentums haben schon gar manche in sich ausgenommen. Schon ist nicht mehr liberales Judentum lediglich Abwenden, Niederreihen oder gar Nahe gedankenträge Indifferenz! Biele wissen, daß wir lebendiges Judentum wollen, jüdisches Leben im Einzeldasein und in dem der Gesamtheit, ausgebaut aus der in der Entwicklung der Jahrtausende geprüften und geläuterten Bäterlchre, zustrebend dem wahren Gottesreich der sittlichen Vollkommenheit und dem wahren Völkerbund des geeinten Strebens nach dem Ideal. Also die Erkenntnis ist da, sie tagt wenigstens, ob auch schon ein großer Teil derer, die fähig wären zn erkennen, es vorziehen, dem Tagestrott nachguleben und dem steilen Pfad gedanklichen Ringens sich ängstlich fernzuhalten. Aber nicht alle, lange nicht alle, die sich zur Gedanken- und Gefühlswelt des liberalen Judentums durchgerungen haben, scharen sich zu dem Haufen seiner Bekenner. Oft ist es bloße Bequemlichkeit, öfter noch sind es äußere Rücksichten, falsch verstandene Pietät, Rücksichtnahme auf Gleich- oder Höherstehende, die den Mund verschließen. Fort mit der falschen Aengstlichkeit! Jude sein heißt von alters her sich zu seiner Wahrheit bekennen. Sollen wir uns beschämen lassen von unseren Ahnen, die um ihr Bekenntnis alle geistigen und leiblichen Marter auf sich genommen? Sollen wir uns beschämen lassen von der viel kleineren Schar unserer jüdischen Brüder, die vor der Welt ihre anders geartete Anschauung vom Wesen des Judentums mit einem Mut und einer Bekenntnistreue vertreten, die uns die Schamröte in die Wangen treiben muß? Wir haben nichts zu verhehlen, zu verschweigen: heraus mit dem Mut der eigenen Meinung, dem Stolz auf unsere Weltanschauung! Wer die Wahrheit erkennt und bekennt sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht! Aber mit dem Wort ist es nicht getan. Nicht nur predigen wollen wir unser Judentum, erleben wollen wir es; das Ideal nicht nur auf einer hohen Stange vor uns her tragen, nein, uns einverleiben als ein untrennbares Teil unseres Selbst! Was nutzen die schönsten Reden, die lbesten Schriften, die gelehrtesten Werke, wenn wir sie zur Kenntnis nehmen und daran Genüge haben. Wir Jungen haben handeln gelernt, wir haben gelernt, für unser Ideal zu leben und zu sterben. Nur der zahlt die Schuld, die diese Zeit von ihm fordert, der Ernst macht mit der Forderung des Tages: der Tat! Zwar unser Tun ist ein