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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-30 · Heft 35 (30.8.1918) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 it'iit> dem rumänischen Volk zu vertiefen gesucht." „In dieser schwierigen Lage hat utig der Krieg, überrascht. Wir übergehen -diese große Leiden szeit, inder die rumün-ischen J-uden die ganze Schwere ihres Unglücks gespürt haben. Wir wollen heute nicht all die h-erabwürdigenden Ausnahmegesetze erwähnen, die auch den jüdischen Soldaten ihr Leben bis zum -äußersten verbitterten, zueiner Zeit, da man sie aufries, dem Lande das höchste Opfer zu bringen, ein Opfer, das sie auch voll gebracht haben. Wir haben schweigend gelitten und uns gefügt, in der Hoffnung, baß -a-uch -für uns, wenn d-er über das Land her-eingebrochene Sturm vorbei sein wird, die Sonne der Gerechtigkeit -scheinen werde. Der Sturm ist nun vorüber. Ein großes Werk sozialer Gerechtigkeit muß verwirklicht werden, nun das Land wirtschaftlich und Politisch zu heben. Gl-eichzeitig -muß das größte, das erhebendste, das menschlichste Werk vollbracht werden, das Wer k der Gerechtigkeit für alle. Jur Namen die setz Werkes verlangen wir von Ihnen, als den- Vertretern der Nation-, die vollständigen Menschenrechte. Wir verlangen ste mit 'derselben Berechtigung, -mit der man uns -a>ls Landesk-indern alle Pisl-ichten auserlegt hat; w-ir verl-angen sie mit derselben Entschlossenheit, mi-t d-er unsere Brüder für -die Verteidigung des Landes 'kämpften und starben." Grsterreich--Angsrn> Z. Wien, 23. August. Unter den zahlreichen Beileidskundgebungen, die unserer Kultusgemeinde aus Anlaß des Hi uscheiben s ihres langjährigen geistlichen Oberhauptes zugegangen. sind, ist in erster Reihe die nachfolgende, von der Kabinettskanzlei im Allerhöchsten Auftrag gesandte Depesche zu vermerken: „Reichenau, Annahos. Seine k. u. k. Apostolische Majestät geruhender israelitischen Kiult-usgemeinde in Wien AM-rhöchstihre .aufrichtige Teilnahme an dem Ableben Ihres verdienten relig-iösen Oberhauptes Oberrabi ners Dr. ©üb emnnm bekanntgeben zu lassen. Im Allerhöchsten Aufträge: Kabinettskanzlei." Ministerpräsident Exzellenz v. Hus-sarek schrieb: „Anläßlich des Ablebens des um die Wiener israelitische Kultusgemeinde überaus verdienten Herrn Oberrabbiners Dr. Moritz Güdemann -bitte ich das geehrte Präsidium, den Ausdruck meiner aufrichtigen und herzlichen Anteilnahme entgegenzunehmen. Dein nach einem segensreichen Wirken nunmehr abberufenen religiösen Oberhaupte wird nicht nur feine Gemeinde, sondern werden -auch alle am ethischen Volksleben Interessierten -ein treues Gedenken bewahren." Der Stadtkommandant in Wien., Feldmarschallleutnant Ritter v. Moßig, schreibt u. a.: „Meine Absicht war es, dem Dahingeschiedenen- -als Zeichen meiner Wertschätzung das letzte Geleite zu geben und bei diesem Anlasse Ihrem verehrlichen Präsidilun mündlich meine Ain-teilnahme zürn Ausdrucke zu bringen. Leider wurde -ich unvermutet durch eine dringende, unaufschiebbare dienstliche Inanspruchnahme am persönlichen Erscheinen verhindert." Der Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. W e i s k i r -ch n e r , sandte ein Kondolenzschreiben, in dem er u. -a. sagt: „Durch das Ableben des hochangesehenen und hochverdienten Oberrabiners Moritz Güdemann hat die Wiener israelitische Kultusgemeinde einen schweren Verlust erlitten. Aus diesem Anlässe beehre ich mich, namens d-er Stadt Wien Euer Hochwohlgeboren als Präsidenten der israelitischen Kultusgemei-nde das wärmste Beileid zu übermitteln." Weiter trafen Kondolenzen ein: Vom Minister für Kultus und Unterricht Freiherrn Pror.ay v. Madejsky, dem Minister des Innern Ritter v. Ga her, dem k. k. Minister für Landesverteidigung Feldinarschalleutnant Ritter v. Czapp, vom k. k. Statthalter Dr. Oktavian Ritter v. Bl eh leben, vom Polizeipräsidenten Hofrat Tchober, vom Magistratsdirektor Dr. August Nüchtern, namens des Fürsterzbischöslichen Ordinariates Kardinal Pifsl, vom Präsidenten des -evangelischen Olberki-rchenra-t.es Dr. Wolfg-ang H a a s-e, vom Presbyterium der evangelischen Pf-arrgemeinde A. B., vom Pfarramt der evangelischen Gemeinde H. B., vom Lehrerkollegium des Jüdisch-theologischen Seminars Breslau u. v. a. Einen tiefen Eindruck hinterließ die Trauerrede des Oberrabbiners Dr. E h a j e s, der — eine merkwürdige Fügung des Geschicks — die Leitung des Räbbinats, -gerade an dem Tage übernahm, an den: Güdemann seine Augen zum ewigen Schlaf,e schloß. Oberrabbiner Dr. Chajes wies in seiner geistvollen Gedächtnisrede auf dieses sonderbare Zusammen treffen hin und führte dann aus: „Ein bedeutsames Kapitel der jüdischen Kulturgeschichte -findet seinen Abschluß in dem Heimgange des unsso jäh, so unerwartet entrissenen religiösen Oberhauptes unserer Gemeinde. Mit Stolz dürfen wir es verkünden: Unter den jüdischen Metropolen der Welt ist Wien die einzige, die trotz unvermeidlicher innerer Reibungen und Parteiungen nach außen hin als Ganzes sich d-arstellt. Das Verdienst, die Einheit der Gemeinde unter schwerelr Gefahren bewahrt zu haben, gebührt vornehmlich den: entscheidenden Wirken des nun Heimgegangenen Oberrabbiners. Das allein genügte, ihn zu einer geschichtlichen Gestalt zu stempeln. Güde m a n n, in seinem Tiefsten konservativ, wußte aus den Lehren -der ihm innig vertrauten Geschichte, daß die Juden, seit zwanzig Jahrhunderten ihrer Heimat entrissen, in Tausende von Gemeinden zersplittert, von denen jede die Sprache des Landes spricht-, in dem sie lebt, die Sittendes Volkes übt, bei dem sie ihr Heim aufg-eschlagen, nur dadurch bis aus den heutigen Tag bestehen konnten, daß sie in ihrer mehrtausendjährigen Tradition chr zweites, geistiges-Vaterland gefunden, daßdieGegenwart für sie die unmittelbare Fortsetzung einer ins graue lAjltert um zurückgreisenden Vjergangenheit ist. Seine umfassende, tiefgründige, aus -allen Kulturquellen schöpfende Bildungbewahrte anderserds- Güdemann vor der Gefahr, verständnislosgegenüb-erzustehen den freien Bewegungen der Gegenwart, dem Streben nach geistiger Unabhängigkeit, nach religiöser Fortbildung. So vermochte er die -am rechten Flügel Stehenden -ansi-ch zu ziehen, ohne die aus der äußersten Linken Befindlichen von sich zu stoßen. Meisterhaft verstander es, seinen Brüdern begreiflich zu machen, daß nur das Zusamm-enfassen all unserer Kräfte uns die Möglichkeit verleihen kann, dem drohenden Ansturm übermächtiger Feinde wirksam Einhalt zu tun. In dem Kamps um unser Recht, um unsere Weltanschauung, um die Ehre 'unseres Namens und unseres Glaubens -war er von unübertrefflicher Würde und unerschütterlichem Mute. Er wußte, daß die Verteidigung seines Volkes -gegen mittelalterliche Vorurteile, gegen die Mächte der Finsternis, die Verteidigungder Menschheit bedeutet, in ihrem Rechte auf Freiheit und Fortschritt. Die Waffen aber für diesen heiligen Kamps konnte er mit Leichtigkeit wählen irr dem reichgefüllten Arsenal seines Wissens. Moritz Güdemann hat Neuland erschlossen der Wissenschaft vom Judentume. Vor mehr als vierzig Jahren w-ar er einer der wenigen, unter unsvielleicht d-er ei-nzi-ge, der den überragenden Wert erkannte, der der Geschichte der Sitten und des Erzieh ungswesens i-n der Entwicklungder Menschheit. zukommt. Wenn die politische Geschichte der Staaten und Völker, die emander bekämpfenden-, gegensätzlichen Kräfte betont und dadurch stärkt, so weist die Kulturgeschichte letzten Endes auf das Gemeinsame in den Menschen hin, auf den Kampf gegen den gemeinsamen Feind, auf gleiche Bestrebungen und gleiche Wirkungen. Wäre diese Erkenntnisso verbreitet, wie zu sein sie es verdiente, so befänden wir uns heute vielleicht nicht im Blutbade des schrecklichsten aller Kriege. Erzählte nran der Jugend weniger von Kriegen und Siegen, von streitbaren Fürsten und lorb-eerbekr-ünzten Feldherren, undmehr von 'denunblutigen Schlachten, die in den Hörsälen und Werkstätten, im Studierzimmer und Laboratorium geschlagen und gewonnen werden, so wäre vi-ell-eicht schon jetzt die Menschheit reis genug, um den vernichtenden Schlag zu führen gegen den unversöhnlichen Feind aller Kultur, den männer morden den Mars. Die noch horte nicht veralteten Untersuchungen Güde manns über die Erziehungs- und Sittengeschichte der Juden des Mittelalters in Deutschland und Frankreich, irr Italien und Spanien gehören zum eisernen Bestände unserer Literatur. Ihre Uebersetzung in die Sprache der Väter machte sie zum Gemeingute der. Gebildeten in den Ländern des weiten Ostens. Ueberblicken wir das lange taten- und erfolgreiche Leben unseres verstorbenen Führers, so -dürfen wir ihn trotz der schweren Schicksalsschläge, die fein Alter erschüttert haben, als Glücklichen -emschätzen. Seinem hohen Berufe mit Leib und Seele ergeben, fand er in ihm eine unversiegbare Quelle ti-ef-er Befriedigung. Aus der Qual und dem Leide des Tages flüchtete er sich in die Ruhe seiner geliebten Wisseuschast. Er war einer der Begnadeten, die bis ans Lebensende ungebrochen den Geist, bie Seele ungetrübt haben." Zum Schluß sprachen noch die Rabbiner Dr. Bach und Dr. Spitzer, die gleichsfalls der allgemeinen Trauer um den Heimgegangenen beredten Ausdruck verliehen. ssolen. X. Aodz, im August. Unter dem Titel „Bevölkerungsstatistik ans Polen" schreibt die „Neue Lodzer Zeitung" vom 5. August: Die Bevölkerung in: Königreich Polen war vor 'dem Kriege -in ständigem Zunehmen begriffen. Im Jahre 1913 wurde die Bevölkerung des König-

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