Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 demnach annehmen, daß das Verbrechen üngesühnt bleiben würde. Nun ist bei der hiesigen Behörde ein anonymer Brief aus Stettin eingeganigen, in idem zwei genau bezeichnete Personen des Mordes von Musial bezichtigt werden. Es handelt sich um die aus Berlin stammende frühere Sittendirne Flora Jahn und ihren „Bräutigam" Joses Kierzkowski, die ihren Wohnsitz gegenwärtig in Stettin haben. Aus Veranlassung der Staatsanwaltschaft begaben sich Beamte der hiesigen Kriminalpolizei nach Stettin und stellten Ermittlungen-an; diese führten dazu, daß die beiden genannten Personen nach Posen überführt und in gerichtliche Untersuchungshaft genommen wurden. Es liegen verschiedene belastende Momente vor, die diese Maßnahmen erforderlich machten. Für den Fortgang der Untersuchung würde es wesentlich sein, wenn das Publikum dazu beitragen würde, die Behörde bei der weiteren Untersuchung wirksam zu unterstützen. — München, 23. August. Der Verlag der Münchener „Fliegenden Bl ä t ter", Braun u. Schneider, beteiligt sich zu unserem Bedauern an der Verbreitung antisemitischer Literatur. Er gibt ein Büchlein des sächsischen Schriftstellers M i r o s „Lustige Botanik und Mineralogie" heraus. Wir kennen das Büchlein ebensowenig wie den Verfasser, der in „Kürschners Deutschen Literaturkalender" nicht zu finden ist; die Schrift enthält aber nach den Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus einige sehr arge und gehässige antisemitische Ausfälle. So heißt es auf S. 5: „Jede Pflanze hat ferner einen Stamm; der verbreitetste ist der Stamm Israels. Man mig, über diesen Stamm denken, wie man will; man wird anerkennen müssen, daß derselbe nachgerade die Welt fast ebenso beherrscht, als es die Weiber tun. Wenn daher Goethe sagt: Das ewig Weibliche zieht uns (hin) an, so kann man vielleicht nicht ohne Berechtigung sagen: Das ewig Jüdische zieht uns noch aus." Und auf S. 15 ist zu lesen: „4. Die Lilien (Liliaceae), sehr unschuldige Dinger, lvelche weder nähen noch spinnen und dennoch gekleidet werden, \vk Viele Damen, welche aber nichts weniger als Lilien sind. Zu der Familie der Lilien gehört der Knoblauch (allium porrum); dieser verbreitet einen sehr lieblichen Geruch, an welchen! man sofort erkennt, mit wem man das Vergnügen hat." Damit man diese Stelle auch richtig verstehe, ist ihr zur Erläuterung eine Abbildung beigegeben, die aus einen! der bekannten und berüchtigten antisemitischen Bilderbogen zu stammen scheint. Auch die 'geistvollen Ausführungen über den „Stamm Israels" sind mit einer ähnlichen antisemitischen Abbildung geziert. Ferner prangt ein derartiger Kopf auch auf der Titelvignette. — DuiSburg, 23. August. Bei dem Bombenangriff, den Ende v. M. feindliche Flieger auf die großen deutschen Lazarettanlagen bei Mont Notre Dame im Vesletal ausführten, fiel eine der Bomben mitten in einen Operationssaal, in dem gerade eine Operation stattfand. Der Chirurg sowie mehrere ihm assistierende Schwestern und Pfleger wurden teils getötet, teils schwer verletzt. Zu den Opfern dieser schändlichen Tat gehört auch Schwester Erna Levy von hier, die schwer verwundet in ein Kriegslazarett an der belgisch-französischen Grenze zurückbefördert wurde, wo sie nach mehrtägigem, schwerem Leiden starb. Die Beerdigung fand unter großer Teilnahme und mit allen militärischen Ehren statt. Offiziere, Aerzte, Schwestern und Soldaten hatten sich in großer Anzahl eingefunden. Eine Abteilung unter Gewehr feuerte den Ehrensalut. Bei der Trauerfeier, an der auch ein größerer Kreis von in der Nähe liegenden jüdischen Soldaten teilnahm, hielt Feldhilfsrabbiner Rülf die Gedenkrede. Er rühmte den heiligen Ernst, mit dem die Entschlafene als eine wahre Schwester ihre Pflichten aufgefaßt, und den selbstlosen., echt jüdischen Opsersinn, mit dem sie trotz eines schweren Herzleidens freiwillig den aufreibenden. Dienst im Felde auf sich genommen habe. Der Tank der leidenden Menschheit, 'der sie ihr Leben geweiht und in deren Dienst sie, wie den. Soldaten ans seinem Posten, das feindliche Geschoß dahingerafft habe, sowie der Dank ihrer Glaubensgemeinschaft, die mit Stolz Erna Levy zu den Ihrigen zählen dürfe, werde ihr über das Grab hinaus folgen. Mit dein Kaddischgebet, in das die anwesenden jüdischen Soldaten emstimmten, fand, die Feier ihren Abschluß. er. Dortmund, 23. August. Zu welchen Mitteln die Vaterlandspartei greift, um für ihre Wünsche Propaganda zu machen, lehrt ein Flugblatt, das der Niederrheinisch-westsülische Landesverein der Vaterlandssxrrtei von Dortmund aus verbreitet. In diesem Flugblatt heißt es wörtlich: „Was -ist nicht schon alles über Belgien geschrieben, und gesprochen worden! Wenn'wir in der Geschichte suchen, dann finden wir, daß derselbe Fall schon vor Tausenden' von Jahren dagewesen ist, und weil in diesem Fall der Wille der Vorsehung so schön klargelegt ist, bitte ich den lieben Leser in 'der Bibel 5. Moses, 2,26—36, nachzulesen. Warum mußte der König Sihon sich weigern, die Kinder Israel durch sein Landl ziehen, zu lassen? Warum mußte er seine Heere den Kindern Israel in den Weg, stellen? Die Antwort gibt uns der 36. Vers: weil Land und Volk in die Hände der Israeliten kommen sollte, darum mußte der König Schon den Kindern Israel den Durchzug verweigern. Liegt unser Fall in Belgien nicht ger-ade so?" Nun ist es klar: Belgien hat im August 1914 unseren deutschen Truppen den Durchzug verweigert, weil die Vorsehung Belgien als Besitz für Deutsch land bestimmt hatte. In dem Flugblatt steht noch ausdrücklich: „Lassen wir uns gesagt sein, nichts in der Welt kommt von ungefähr, alles hat seinen Zweck, auch dieser Krieg". Joden wahrhaft religiös denkenden Menschen muß eine solche ganz willkürliche Ausdeutung, einer Bi'belstelle zu politischen Zwecken abstoßen. Aber zur Volksverhetzung ist eben jedes Mittel reckst. — Frankfurt a. M., 23. August. Im Anschluß an die bestehende „Hauptstelle für Berufsberatung der Juden" in Berlin ist an hiesigem Ort eine Stelle gegründet worden, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Berufsverhältnisse unter den Juden gesunder Entwicklung entgegenzusühren. Bei ihrer Tätigkeit soll der Grundgedanke maßgebend sein: Eröffnung von Bernsen, die eine gesicherte Existenz ermöglichen, Verteilung der Juden auf alle Berussstände, insbesondere auch auf die körperlich arbeitenden Berufe in Stadt und Land. Es soll versucht werden, Erwerbsnnd Niederlasfungsiuöglichkeiten aller Art für Handwerker, Kanfleute, Akademiker usw. auf dem Lande behufs Seßhaftmachung von Glaubensgenossen nachzuweisen,' um hierdurch der Landflucht kräftig entgegenzuwirken. Es wird Aufgabe der Stelle sein, die Juden mehr als bisher dem Handwerk und der Bodenkultur znzuführen. Eine neuartige Aufgabe erwächst durch die Notwendigkeit, Kriegsbeschädigten bei einem Berufswechsel beratend zur Seite zu stehen. Mit der Stelle der Berufsberatung soll eine solche für Arbeitsnachwns verbunden sein. Die Wichtigkeit einer solchen braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die von der Frankfurter Loge vor mehr als 25 Jahren geschaffene Stelle geht auf die Gesamtorganisation über, und die bisherigen Mitarbeiter des Arbeitsnachwe'Sbureaus haben sich in dankenswerter Weise bereit erklärt, ihre in ersprießlicher »Wirksamkeit gewonnene reiche Erfahrung in den Dienst des neuen Unternehmens zu stellen. Ssnkmark. §2 Kopenhagen, 23. August. Das hiesige Zionistische Bureau berichtet: Wir haben in Nummer 72 unserer „Mitteilungen" das Memorandum veröffentlicht, das der „'Verbanid der einheimischen Juden Rumäniens" dem rumänischen Ministerpräsidenten Marghu loman bezüglich der Regelung der rumänischen Judenfrage überreicht hat. Eine weitere Eingabe hat der Verband an das rumänische Parlament gerichtet, das sich in diesen Tagen mit der Ju den fra ge zu beschäftigen hatte. In der Eingabe wird betont, daß schon am 28. August 1879 der damalige rumänische Minister des. Aeußereu Bastle Boerescu eine Note an die Großmächte gerichtet hatte, in der ec erklärte, „daß sogar die Juden, die nicht -gleich die Einbürgerung erhalten würden, keine Fremden bleiben sollen". Trotz dieser im Namen des Landes feierlich abgegebenen Verpflichtung seien die rumänischen Juden in diesen 40 Jahren als Fremde betrachtet worden und zahllosen- Ausnahmegesetzen, unterworfen gewesen. Glicht einmal 300 Juden haben im Laufe dieser vier Jahrzehnte das rumänische Bürgerrecht erhalten. Die Eingabe greift dann auf frühere Memoranden zurück, die der Verband in den Jahren 1910 und 1913 an die rumänische Regierung gerichtet hat, und betont, -daß die Hoffnungen der rumänischen Juden auf Erfüllung ihrer Forderungen immer wieder -enttäuscht worden sind. „Unsere Gesuche haben nicht nur nirgends. Widerhall gesunden, sondern m-an hat ihnen nicht einmal die Ehre zuteil werden lassen, sie inden Versammlungen, ,an die sie -gerichtet waren, zu, verlesen. Der ganze Kamps-, den. wir -geführt h>aben, um den Nachweis zu -erbringen!, wie schädlich auch im Landesinteresse -die mit so großer Beharrlichkeit gegen uns g-erickstete Ausschließungspolitik ist, blieb vergebens. Niemand wollte unseren Argumenten -und iber Sprache unserer Leiden ein geneigtes Ohr leihen. Alle haben den Abgrund zwischen n-ns