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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-30 · Heft 35 (30.8.1918) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 30. August 1918 82. Jahrgang Nr. 35 Der Gemetndevote. Vellage zur «Allgemeinen Leitung de§ Judentums". korrrsponüknzm und Aachrichtrn. Skutschland. # Berlin, 27. August. Die T raue rs. Vier für Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig fand am Freitag, dem 23. d. Mts. in der Neuen Synagoge statt. Eine große T x auer Versammlung hatte sich im Gotteshause zu einer letzten Ehrung für den beliebten Prediger rind Seelsorger eingesunden. Schwarz verhängte Leuchter umgaben den schmucklosen Sarg, der am Füße des schwarzdvapierten Altars aufgestellit war. Vorstand und Repräsentanten-ver'sammLung sowie Schubvorstand und zahlreiche andere VerwMungskommifsiicmen der Gemeinde nahmen an der Feier teiil, zu der auch der Magistrat Berlin und die Berliner Stadtverordnetenver-samMung sowie -die städtische Sch-uldeputation Abordnungen entsandt hatten. Ein Orgelpräludiumleitete die Feier ein, dann folgte ein stimmungsvoller hebräischer Ehorgesang. Hieraus, sprach der Sohn des Verstorbenen, Rabbiner Professor Dr. Rofenzmeig (Außig) 'das Gebet „Herr, was ist der Mensch", in hebräischer und deutscher Sprache. In bewegten Worten ließ der Redner noch einmal das Bild seines Vaters vor den Hörern erstehen, dessen selbstgewühlte Grabschrift „die Lehre der Wahrheit war in seinem Mund, tein Falsch oder Unrecht war auf seinen Lippen", den Verklärten kennzeichne. Sein beredtes Wort war vielen ein Wegweiser zu Wahrheit und Frieden. Redliches Wollen und' eifriges Wirken sichern ihm ein ehrenvolles Andenken in unserer Mitte. Als Vertreter des Gern e i n d e v o r st a n d e s gab Justizrat L i X ient h a l der Trauer der (Gemeinde um den verehrten Lehrer beredten Ausdruck, der über ein vierteil Jahrhundert in Berlin das Wort Gottes verkündete. „Jeder, der dem Entschlafenen naihetrat, lernte ihn als schlichten und voruehmen Menschen, als begeisterten Bekenner und ernsten Forscher, als wahren Freund und Förderer des Friedens in der Gemeinde kennen und lieben. Seine Anschauungen gipfelten in der Ueberzeuguing, daß das Ganze und -das Wohl der Gemeinschaft höher stehen als der Erfolg und der Ruhm des einzelnen. sieben seiner öffentlichen Tätigkeit entfaltete er irn stillen eine rege Wirksamkeit als Freund und Helfer der Bedrückten. Das Andenken dieses aufrechten Mannes wird über sein Grab hinaus lebendigbleiben und als ein 'gesegnetes in unserer Gemeinde fortwirken." Nachdem .'der Chor ein Schlußlied gesungen hatte, wurde der Sarg, dem Shnagogendiener mit brennenden Kerzen voran,schritten und dem die Rabbiner und Kantoren im Ornat folgten, aus der Synagoge getragen und nach Weißensee geführt, wo dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend nur eine schlichte Trauerfeier stattsan'd. Nach dem üblichen Gebet nahm der Schwiegersohn Dr. Vengmann als Vertreter der Familie Abschied von dem Verewigten mit dein feierlichen Gelöbnis, ihm auf feinen Wegen uachzuwan'delu. Nach abermaligem Ghorgesang und 'dem vom Oberkantor Aron Fried mann verrichteten Elanoler a chamim^Gebe t wurde der Sarg zu dem Grabe getragen, das die Gemeinde ihrem Lehrer in der Chrenreihe des Friedhofes eingeräumt hat. A. R. B. Berlin, 27. August. In der Wissenschaftlichen Vereinigung j'üdiischer Lehrer und Lehrerinnen referierte Herr Plant i'rber die Rofenzweigsche Schrift: „Zeit ift's". In Form eines Briefes aus dem Schützengraben, an Hermann Cohen gerichtet, dein der Verfasser die Belobung seines jüdischen Bewußtseins verdankt, gliedert sich die begeistert geschriebene Schrift in zwei Teile; der erste enthält im wesentlichen einen Lehrplan für die neun stufige höhere Schule, der zweite Vorschläge für die Errichtung -einer jüdischen Akademie zur Heranbildung theologisch gebildeter Lehrer, sogenannter Roligionslohrer. Der Riesoron't logt nun die Forderungen des -ersten Teils dar: Zur Schaffung einer jüdischen Sphäre ist die Fühlungnahme mit den Einrichtungen des Gottesdienstes die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichts^ Im Zentrum des gesamten Religionsunterrichtes, steht das Hebräische, das bei zwei. Wochenstunden 'bis zur. Behandlung dos. Talmuds und der Kommentatoren führen soll. Diese Forderungen wären, für sich allein beträchtet, als 'utopisch iaib3-uiXefyn'en, wenn der Verfasser -nicht im zweiten Teile praktische Vorschläge -daran knüpfte. Der Kernpunkt des gesamten. Problem-s ist die Lehrer-frage; er hält bei aller Anerkennung nicht jeden Lehrer für geeignet, an Gymnasien zu unterrichten; es fehlt an jü-difchen Gelehrten, Männernder praktischen Erziehungsa-r'beiit sowie der produktiven Forschung. Während die Juden des Mittelalters eine zwar einseitige, aber reiche jüdi'sche Bildung besaßen, -wurde das jüdische .Wissen in der Neuzeit Sache einzelner, der Rabbiner, die die Wissenschaft des Judentums schufen; nun ist über schließlich der Rabbinerstand mit dem Gelehrten stan-d zusammeng-efallen'. Als Ideal schwebt deshalb Ros-enzw-eig, wie sovielen Großen vor ihm, eine jüdisch-theologische Fakultät an einer 'deutschen Universität vor; da aber hierauf noch nicht zu. rechnen ist, hält er es an der Zeit, daß die deutschen Juden ans sich heraus eine Akademie schaffen, für deren Finanzierung er ebenfalls großzügige Pläne entwirft. Zweck dieser Akademie i-st die Schaffung freier Gelehrter, die, unbeschwert vo-n der Bürde des Rab bi ner a m tes, als Religionso'berlehrer wirken und wissenschaftlich arbeiten sollen. Der Referent übt Kritik vor allem an der Ueberschätzung des Hebräischen, während er hofft, daß der wertvolle Gedanke der Akademie sich -durchsetzen wird. W. Posen, 23. August. Wider Erwarten ist dieser Tage eine dunkle Angelegenheit aufs neue im Fluß gekommen, die seinerzeit größtes Aufsehen erregte. Es handelt sich um den Mord an dem Kaufmannslehrling Stanislaus Musia l, der am 26. Mai 1912 zur Kenntnis der Oeffentlichkeit und der Kriminalpolizei gelangte. An jenem Morgen wurde der 16 Jahre alte aus Buk gebürtige Kaufmannslehrling Stanislaus Mustal, der bei der Firma Kessel u. Komp, hier in Stellung war, vor dem stets verschlossen gehaltenen Hauseingange des Eckgrundstückes Schulstratze 3/5 als entsetzlich zugerichtete Leiche aufgefunden. Es war von vornherein feststehend, daß das Verbrechen nicht am Fundorte verübt, sondern daß man die Leiche erst nach Verübung der Tat dorthin gebracht hatte. Die geführten Ermittlungen hatten das Resultat, daß Musial das Opfer eines raffiniert ausgeführten Raubmordes geworden war. Dafür sprach folgende Vorgeschichte. Am 25. Mai morgens hatte Mustal von seinem Lehrherrn Max Hirsch, Inhaber des Herren- und Knabenbekleidungsgeschäfts Kessel u. Komp. 508 Mark erhalten mit dem Aufträge, für 8 Mark Rabattmarken zu kaufen und den Rest an den Kr'editverein abzuliesern. Seit dieser Zeit fehlte jede Spur von ihm. Das Portemonnaie mit Inhalt war geraubt, ebenso eine Mitgliedskarte des Rabattvereins und ein Schlüssel zum Postschließfach der Firma. Obschon von der Kriminalpolizei eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt wurde, das furchtbare Kapitalverbrechen aufzuklären, obgleich vom Regierungspräsidenten aus die Ermittlung des Täters eine Belohnung von fünfhundert Mark ausgesetzt worden war, die bald darauf auf dreitausend Mark erhöht wurde, gelang es nicht, den oder die Raubmörder zu ermitteln. So viel schien von vornherein festzustehen, daß Musial von Zuhältern oder Dirnen, nachdem er von ihnen, obschon ihm von allen Seiten das beste Sittlichkeitszeugnis ausgestellt werden konnte, angelockt worden war, in einer der Fundstelle der Leiche benachbarten Wohnung ermordet und beraubt worden war. Es tauchten ebenso hartnäckige und unsinnige Gerüchte aus, daß ein Ritualmord geschehen ist. Genährt wurden diese Gerüchte durch den Umstand, daß durch Oeffnen der Pulsader der Körper völlig vom Blute entleert war. Sogar vor Kundgebungen gegen friedliche Mitbürger schreckte man nicht zurück. In Buk, dem Heimatorte des Musial, kam es zu offenen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Merkwürdigerweise berücksichtigten die Verbreiter dieser Gerüchte gar nicht die naheliegende Annahme, daß die Verbrecher — verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß es zwei waren — den „Ritualmord" lediglich vortäuschten, um die Spur von sich nach einer bestimmten Richtung hin abzulenken. Die jetzt im Gange befindliche Aufklärung dürfte wohl mit dazu beitragen, daß mit dem unsinnigen Ritualmordmärchen, an das längst kein vernünftiger Mensch mehr glaubt, ein für allemal aufgeräumt wird. Unter den bedauerlichen Verdächtigungen hatte der Inhaber der Firma Kessel u. Komp., Kaufmann Max Hirsch, schwer zu leiden. Er wurde existenzlos. Es gelang schließlich behördlicherseits, unter Androhung von Bestrafungen, diese irreleitende Meinung im Keime zu ersticken. — lieber sechs Jahre sind inzwischen seit dieser Bluttat vergangen, ohne daß man etwas über den oder die Urheber erfuhr. Man mußte

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