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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-30 · Heft 35 (30.8.1918) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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UNÄ unisre Festesfreude eilte mit, schon ahnungsfchwer von Kuchen und Geschenken . . . Auch hier liegt Festesglanz auf allen Mienen. Gebeugte Nacken sind heut' aufgericht't. Die schab'gen Röcke, die verschlißnen, alten, sie liegen heut' in feiertäg'gen Falten. Und hinter gläserner, verhängter Tür, da leuchten SchabbeAichte hell herfür; und es versteckt zwei winz'ger Kerzen Licht vor sieben Silberleuchter Glanz sich nicht. Denn heut' muß niemand einem andern dienen. So schreit' ich langsam durch die stillen Gassen, durch die der Hauch von Schmutz und Elend weht, und spür' Bewunderung, daß diesen Glauben nicht Drangsal, Leid noch Hunger konnten rauben, und daß Millionen ohne Schutz noch Recht sich fühlen als ein auserwählt' Geschlecht, das — ob der einzelne auch untergeht — doch turmhoch über dem Bedrücker steht . . . Und kann es, neidisch beinah', doch nicht jassen. Walter Wolfs (im Felde). Mjstellrn. Eine unbekannte Korrespondenz Hamanns. Eine neu erschienene Briessamrnlung^) ist auch für uns wichlig wegen einiger Notizen über Moses Mendelssohn, denen ich ein paar andere anschbieße, die gleichfalls an dieser Stelle Erwähnung verdienen. Ueber das eigenartige, ziemlich wechselnde Verhältnis zwischen dem Königs'berger und dem Berliner Philosophen ist schon viel geschrieben worden; ich habe selbst in meiner großen Publikation der Mendelssohn-Briefe im „Jahrbuch" 1916 darauf hingewiesen!. Am 23. Januar 1785 schreibt Hamann: „Unseres Lavaters Herzenserleichterung siel mir gestern vor 14 Tagen erst in die Hände, und ich habe selbige als ein ^Pendant seines Kupferstichs gekauft von dem Kayserlingschen Gelbe, nebst einer für mich ebenso interessanten, m\b merkwürdigen Streitschrift gegen meinen alten Freund Mendelssehn, der hoffentlich mit mir ausgesöhnt sein wird nach einem Briefe, den ich gestern abend zu meiner großen Beruhigung aus Berlin erhielt." Die gegen Mendelssohn gerichtete Streitschrift ist die des Predigers H. Schulz: „Philosophische Betrachtungen über Religion und Theologie" 1784. Äald 'darauf am 22. Februar 1784 schreibt bamann, nachdem er fehtk Differenzen mit Biester, denn Herausgeber der berliner Monatschrift" berichtet hatte, folgendes: „Die Beschuldigung, meinen alten Freund Mendelssohn sans rime und raison für erneu Atheisten erklärt zu haben, war mir ungemein empfindlich, und bei dieser Verlegenheit war es ein recht erwünschtes Wasser für meine Mühle, da mir Jacobi aus einen Wink des Claudius eine Handschrift über Lessings „Spinozismus" mitteilte. Hierdurch entstand der genaue und vertrauliche Briefwechsel,, den ich vom. 1. Dezember bis zum 17. h. hier unermüdet fortgesetzt und dessen nahes oder weites Ende ich noch nicht absehen kann." Während sich die eben angeführte Stelle auf den Jacobi- Mendelssohnschen Streit bezieht, hat es die folgende in demselben Briefe mit der schon angeführten Schrift von Schulz zu tun. Seitdem ich des berüchtigten Predigers Schulz „Philosophische Betrachtungen" kennengeilernt, hat mein Freund Mendelssohn einen Gegner bekommen, über den er den Schibliwini (gemeint ist die Schrift: „Golgatha und ^cheblimini" — so lautet das Wort im Original— von einem Prediger in der Wüste, 1784. Die Schrift rührt von Hamann her) vergessen haben wird. Ich will gern der erste sein, ihm Glück zu wünschen gegen jenen Goliath." Endlich ist in diesem Zusammenhang eiue Stelle vom 2. November 1786 anzusühren, die sich auf eine Zweite Schrift des genannten Schulz: „Der entlarvte Moses Mendelssohn" 1786 bezieht. Sie lautet: „Ich behielte noch Zeit übrig, den „Ent- *) „Aus dem Briefwechsel des Magus im Norden. Johann Georg Hamann an Franz Kaspar Buchholtz, 1784—1788." Herausgegeben von L. Schmitz- Kallenberg. Münster i. W. 1917, Universitäts-Buchhandlung Franz Eoppenrath. larvten Moses Mendelssohn" von dem berüchtigten Schulz durchzulausen, der sich einbildet, daß der arme Mann an den „Philosophischen Betrachtungen" über die jüdische Religion eigentlich sich zu Tode geärgert haben soll. So viel Rebutantes nuch die grobe und freche Unsittlichkeit dieses elenden Schriftstellers an sich hat, so manches drolligte Mißverständnis der einfältigsten Eitelkeit läuft mitunter, daß man sich des Lachens nicht enthalten kann, .und so mancher treffende Hieb, der nur in der Hand eines solchen Narren nicht ganz bli'ndlings geraten konnte." Außer diesen höchst wichtigen Stellen, die über Mendelssohn handeln, ist darauf hinzuweisen, daß gelegentlich auch von Spinoza die Rede ist, der ja in dem Jacobi-Mendelssohnschen Streite die wichtigste Rolle spielt. Die bemerkenswerteste Stelle, die über Spmoza vorkommt, ist am 16. Mai 1785 und lautet so: „Ich habe die beider: ersten Abschnitte der erreurs et de la verite 'durchgewatet. Es geht rnir aber mit ihm wie mit dem Baruch Spinoza. Das lvenige, was ich davon verstehe, macht mich teils gleichgültig, teils mißtrauisch gegen alles übrige, was ich nicht verstehe." Endlich ist darauf hingewiesen, daß ein jüdischer Geldgeber, Michael Meyer Breslau in Münster, erwähnt wird. Er war Hofsaktor und Hofbankier des Bischofs von Münster; wenn vom ihrn S. 157 in der Anmerkurrg gesagt wird, er sei gleichzeitig Landrabbiner gewesen, so möchte ich dazu ein großes Fragezeichen machen. Er sprang Hamann in seinen ewigen Geldnöten bei, gab ihm auf einen Wechsel 800 Friedrichsdor, also eine für jene Zeit außerordentlich bedeutende Summe. Doch wird zu der Charakteristik des Genannten nichts bemerkt, es kommt auch kein Wort vor, das seinem Glauben oder Ursprung zu nahe tritt. lieber den wichtigen philosophischen Inhalt des Buches und die äußerst interessanten Aufhellungen, die über Hamann Vorkommen, kann an dieser Stelle nicht weiter gehandelt werden. L. G. * Zu M. Kayserlings Mendelssohn. (2. Auslage. Leipzig 1888.) Es ist nachgerade an der Zeit, eine Bearbeitung des Kahserling an Haupt und Gliedern vorzunehmen oder ein neues zusammenfassendes Werk über Mendelssohn *zu schreiben, wie auch eine nach modernen Grundsätzen gearbeitete kritische Ausgabe seiner Schriften ein Z'el wäre, aufs innigste zu wünschen. Nicht zum wenigsten durch Geigers verdienstvolle und anregende Publikation von Mendelssohns Briefen (Berlin 1916 und im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur", einzelnes auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums") ist die Tätigkeit der Philologen loieder auf den dritten Mosche Rabbenu hingelenkt. Doch wird von jüdischer Seite hierin noch lange nicht genug getan und von christlicher begreiflicherweise, da Moses für die deutsche Literatur nicht entfernt die Bedeutung hat wie für die unsere, noch viel weniger. Ich selbst habe mich leider davon überzeugen müssen, als ich meine Preisschrift über Mendelssohns Einfluß aus Wilhelm v. Humboldt und das preußische Judengesetz von 1812 verfaßte, wi-e wenig Kayserling über „Die beiden Humboldt" (Kap. 79) zu sagen weiß. Auch im Kapitel über Basedow (Kap. 58) ist manches nachzutragen. Basedow wandte sich 1768 bekanntl'ch an Mendelssohn, als er sein Elementarbuch plante und' dafür überall in seiner turbulenten Weise warb. Kahserling teilt ein Schreiben des Philosophen an den Lehrer mit, worin sich sein tiefer Judenschmerz mit rührender Aufrichtigkeit ausspricht, irrt aber, wenn er hinzufügt, daß jener über das Ansuchen nichts als „erbittert" war. Vielmehr brachte er, der sich selbst zeitlebens mit großen und fruchtbaren Schul- und Erziehungsentwürsen getragen hat, dem rüstigen Philanthropen erstaunlich viel Verständnis entgegen und verpflichtete sich, die „jüdische Nation", besonders Berlins, für fein mutiges Unternehmen zu interessieren, falls Basedow darin nichts gegen die Religion Vorbringen würde; und diese Vorsicht war einem Manne wie Basedow gegenüber gar nicht so unangebracht, der sich eben erst in Sorge mit seiner freigeistigen Philosophie unmöglich gemacht hatte und dessen wenig einträgliche Kunst, den Leuten mit Glaubenssachen überall vor den Kopf zu stoßen, namentlich denen, deren Beistand er am nötigsten brauchte, uns Goethe in Dichtung und Wahrheit so ergötzlich geschildert hat. Mendelssohn trat selbst unter die Mitglieder der „Freundschaftlichen Kommission", die in den wichtigsten Städten für das Werk des Pädagogen tätig war und

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