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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-30 · Heft 35 (30.8.1918) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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418 gefallen, daß Stromer euch in der letzten Zeit sehr oft 'besucht hat." Ohne zu antworten, zog sie ihn mit sich fort. Es war ein gemütlicher Anblick, der sich Klaßners Blick im Arbeitszimmer des Herrn Dumont darbot. Im offenen Herd brannte ein helles Feuer, vor dem das alte Ehepaar und der junge Vikar im traulichen Gespräch faßen. Frau Dumont war eine sanft blickende Matrone, mit ihrem kleinen rosig angehauchten Gesichtchen, und ihr zur Seite, die Arme über die breite Brust verschränkt, ihr Gatte, eine hohe, kräftige Erscheinung, dem. man aber die Gutmütigkeit vom Gesichte ablesen konnte. Neben ihm, steif und aufrecht. korrekt in Miene und Haltung, der Geistliche, der ernst und salbungsvoll zu den alten Leuten sprach. „Jawohl, Herr Dumont, das ist es, was wir mit aller Macht und Eindringlichkeit dem Heranwachsenden Geschlecht einprägen müssen", hörten die beiden. Liebenden ihn sprechen, als sie das Zimmer betraten. Bei Klaßners Anblick brach der Vikar schnell ab, um Ellen mit einem frohen Lächeln die Hand ui reichen. Die Begrüßung mit Klaßner siel nicht besonders freundlich aus. Die Alten reichten ihm nur flüchtig die Hand, während Stromer sich mit einer steifen Verbeugung begnügte, obwohl sie einander kannten und schon häufig zusammengetroffen waren. „Mein heutiger Besuch gilt eigentlich nur Ihnen, Fräulein Ellen", begann Stromer wieder salbungsvoll. Er kannte sie schon von Kindheit auf und war. besonders -in der letzten Zeit, ein häufige/Gast in diesem Hause gewesen. „Wie in früheren Jahren, will ich auch in diesem Sommer -eine wöchentliche Misfionsstunde einrichten, für die ich mir Ihre Hilfe sichern will." Ellen machte eine verneinende Bewegung und trat einen Schritt zurück, um seinen durchbohrenden Blick zu vermeiden. „Es ist zwar noch etwas zu früh davon zu sprechen," fuhr Strömer fort, „allein christliches Werk auszuüben, ist wohl jede Zeit geeignet." „Herr Strömer," stotterte das Mädchen kaum hörbar: „es treten oft Umstände lein . . ." Sie brach ab und blickte hilfesuchend auf die beiden Alten. „Ach Onkel-liebe Tante — -! Könnt ihr denn nicht begreifen, wie es zwischen mir und Klaß-und Artur steht?" Die alten Leute sahen sich verblüfft an und dann schweifte ihr gemeinsamer Blick zu Ellen, die Klaßners Hand erfaßt hatte. Strömer brach zuerst das peinliche Schweigen. Aber obwohl seine Stimme allen bekannt war, mußten sie ihn ansehen, um sich zu vergewissern, daß es wirklich der Vikar war, der jetzt sprach. „Fräulein Dumont, ich wünsche Ihnen viel Glück, ebenso Ihnen, Herr Klaßner! Gleichzeitig aber auch der ganzen Christenheit, da es uns gelungen ist, einen Mann als Mitarbeiter im Weinberge des Herrn zu gewinnen, der sich im Kampfe für den wahren Glauben sicherlich als tüchtiger Streiter erweisen wird. Ich kenne ja Ihre Fähigkeiten und freue mich, Sie als Bruder in Christo begrüßen zu können. Ihnen besonders eröffnet sich ein weites Gebiet für Ihre fromme Tätigkeit unter Ihren bisherigen Glaubensbrüdern, wo Ihnen eine reiche Ernte blüht, um viele Früchte für nnseren Heiland einzusammeln." „Herr Strömer", sprach das Mädchen jetzt fest und unerschrocken, noch ehe Klaßner antworten konnte, „Sie irren. Nicht daß Artur mir, sondern ich bin es, die ihm folgt. Onkel, Tante! Ich liebe Artur und er liebt mich, und er wird euch lehren, auch seinen Glauben lieb zu gewinnen, wie ich es bereits tue! Ihr habt bisher Vater- und Mutterstelle bei mir vertreten, darum flehe ich euch an, zürnt mir nicht und gebet uns euren Segen!" Leidenschaftlich warf sie sich vor den Alten nieder und umklammerte weinend die Knie der alten Frau. Mit ängstlicher Zärtlichkeit und mit einer Bewegung voll mütterlicher Liebe, hob diese das Mädchen auf und Preßte es an ihre Brust. — 7. Drei Monate später oder nach talmudischer Vorschrift genau zweiundneunzig Tage nach ihrem Uebertritt, fand die eheliche Verbindung statt. Die Vorbereitung für diese, ganz besonders aber die Entscheidung, wo die Trauung stattfinden sollte, hatten Klaßner keine geringe Unruhe verursacht. Als Ort der rituellen Trauung hatte Klaßner sein eigenes Häuschen bestimmt, und nachdem sie sich auch damit einverstanden erklärt, wurden die Möbel aus dem Wohnzimmer entfernt, um für den Trauhimmel Raum zu schaffen und für die wenigen Gäste, die nur aus zwei männlichen Zeugen, dem Dämonischen Ehepaare und Alice Mahlow, bestanden. Chaie Rachel blieb nahe der Tür stehen und begleitete die ganze Amtshandlung mit Schluchzen und herzzerreißenden Klagen, so daß Klaßner, um bei Ellens nichtjüdischen Verwandten keine Mißdeutungen aufkommen zu lassen, sich zu der Erklärung veranlaßt sah, diese Trauer mit dem Tode des Vaters zu begründen, dem es nicht vergönnt war, dem Ehrentage des einzigen Sohnes beizuwohnen. Trotz dieser Erklärung aber konnte sich die alte Frau Dumont nicht enthalten, einen, mitleidsvollen Blick auf Ellen zu werfen, die nach vollzogener Trauung glückstrahlend und zärtlich sich von ihren Pflegeeltern verabschiedete. Mit einem Lächeln dachte Ellen jetzt auch an ihre erste Begegnung mit ihrer Schwiegermutter. Einige Tage nach ihrer Verlobung hatte sie den Vorschlag gemacht, in Begleitung ihrer Tante Arturs Mutter zu besuchen, um diese kennen zu lernen. Als sie dort anlangten, ließ sich Chase Rachel überhaupt nicht blicken, und nachdem die Gäste etwa eine halbe Stunde in der guten Stube gewartet, während Klaßner immer wieder hinausging und hereinkam, ging endlich 'die Tür auf. und die Alte kam zum Vorschein, in einer geflickten, fettigen Küchenschürze, die Berücke auf dem Kopf ein wenig verschoben, einen wollenen Strumvf bis zum Ellbogen auf den Arm gestreift, von dem eine große Stopfnadel mit einem blauen Faden herunterbaumelte. So blieb sie auf der Schwelle stehen, und während sie Ellen mit einem steinernen Blick anstarrte, ließ sie die ebenfalls anwesende Frau Dumont gänzlich unbeachtet. Und als die letztere, nachdem sie sich von ihrem Erstaunen über diese befremdliche Erscheinung erholt, mit ausgestreckter Hand auf Chaie Rachel zuging, verließ diese eilig und schweigend, wie sie gekommen, das Zimmer, um mit ihren ausgetretenen Filzschuhen sich wieder nach der Küche zu begeben. Klaßner hatte das peinliche Schweigen mit einem verlegenen Lächeln unterbrochen, indem er erklärte, was ja auch der Augenschein bestätigt hatte, daß die Mutter in Gegenwart -Fremder sich ein wenig befangen fühle. Ellen hatte seine lahme Entschuldigung unterbrochen, indem sie zärtlich seine Hand drückte, um die unausgesprochene Versicherung anzudeuten, daß trotzdem alles gut werden würde. (Fortsetzung folgt.) Schsbbrsanfang. Ein Bild aus dein jüdischen Osten. ch mußt' an reicher Bürger Hochzeit denken, wenn's Bub und Mädel nicht im Hause litt und wir uns enge bei den Händen faßten und auf der Kerzen Schein im Festsaal paßten, bis helle Fensterreihen jeden Raum lichtstrahlend zeigten — einen Feentraum —, und wir dann heimwärts lenkten unfern Schritt.

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