Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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417 ZWW IrÄrm das Lrinigr. (9. Forts.) Roman von M. Pulvermann. s ist die einzige Freiheit, die ich mir von jeher vom Schicksal erbeten, meine Pflichten nach meiner eigenen Art erfüllen zu dürfen, und hier scheint sich diese Bitte zum erstenmal zu erfüllen. „Ich hoffe, daß du mich dieser Genugtuung nicht berauben wirst!" Ellen sah sie scharf und durchdringend an. „Alice, du verwirrst mich. Warum willst du dich für mich opfern?" Alice hielt den Blick aus, und ihre Stimme hatte wieder Festigkeit erlangt, als sie erwiderte: „Weil mein Beistand und meine Rücksicht nicht dir allein gelten. Es sind noch andere vorhanden, denen ich dies alles schuldig bin." „Darf ich wissen, wer diese sind?" „Mein Volk und meine Brüder, oder wie ich jetzt wohl schon sagen darf, unser Volk und unsere Brüder. Klaßners Lebensglück beruht auf deinem Glück, Ellen, und wenn er froh und glücklich ist, dann bedeutet es eine große Hilfe für unsere Brüder. Eines Tages wird seine Stimme laut erklingen im Rate der Juden, und je größer seine innere Zufriedenheit, desto stärker seine innere Kraft. Er wird ja einen schweren Kampf nach außen hin zu bestehen haben, darum müssen wir seinen Lebensweg mit Rosen bestreuen, damit er Welt und Menschen segnet und nicht flucht." „Er hat mir auch geschrieben, idaß seine ganze Zukunft in meinen Händen liegt," gab Ellen nachdenkend zu, ohne aber durch Alices Einwände ganz überzeugt zu sein. „Wie sonderbar ist es doch, daß es mir, einer Fremden, gegeben sein soll, das Band zwischen ihm und seinen Glaubensbrüdern zu festigen. Beruht denn seine Zugehörigkeit zu ihnen auf so schwachen Füßen?" „So darfst du nicht sprechen," wurde sie von der Freundin zurechtgewiesen, „noch viel weniger darfst du es dir zur Gewohnheit machen, fortwährend Fragen zu stellen. Bilde dir auch nicht ein, schon den ganzen Inhalt unseres Glaubens erschöpft zu haben, noch ehe du einen Tropfen davon gekostet. Denke lieber daran, daß ich deine Sicherheit, deine Führerin sein will, soweit meine schwachen Kräfte dies vermögen. Ellen, ich werde mit dir sein, und Gott mit uns beiden! Und jetzt gib mir deine Antwort." In diesem Augenblick wurde die Hausglocke heftig gezogen, daß der vibrierende Klang bis in die fernste Ecke drang. Beide Mädchen sahen einander erschrocken an. Ellen wurde bleich wie der Tod und auch Alice wechselte die Farbe. Sie faßte sich zuerst und lächelte, wie jemand, der nach einem Beinbruch die Glückwünsche empfängt, daß er nicht beide Beine gebrochen. „Du wirst dir das Schreiben ersparen können." „Ja, das ist die Art seines Läutens", flüsterte Ellen kaum hörbar. „Hast du auch gehört, wie sicher und selbstbewußt es klang? Wie das eines Mannes, der sich seines Wertes bewußt ist, der da weiß, was er will und für den eine Enttäuschung ausgeschlossen ist. Ellen, du bist jetzt durch ihn so reich. Glaubst du noch immer, meiner armseligen Hilfe zu bedürfen?" Sie umarmte und küßte Ellen und ging eilig aus dem Zimmer. Im Korridor begegnete ihr Klaßner, der noch immer dort stand. Er hatte das bleiche und abgehärmte Aussehen eines Menschen, der einer Krisis entgegengeht. Trotz der bereits herrschenden Dämmerung entging ihr seine enttäuschte Miene nicht, als er sah, wer ihm entgegenkam. Sie beantwortete diesen Blick mit einem plötzlich hervorbrechenden Stolz und sie hatte die Empfindung, als schaue sie von einer erhabenen Höhe aus ihn Nieder. Er 'darf es auch nie erfahren, wie tief er in ihrer Schuld stand. „Ellen wird gleich erscheinen", sprach sie, ohne stehen zu bleiben. Er vertrat ihr den Weg. „Wissen Sie denn . . .?" fragte er scharf. „Alles. Ich könnte Ihnen auch sogar die Antwort geben: allein, ich will keinen des Glückes seines Vorrechtes berauben." Sie lächelte wehmütig und verließ eilig das Haus. Für Klaßner schienen nicht Minuten, sondern Ewigkeiten zu vergehen, bis er den Fußtritt vernahm, dem er so sehnsuchtsvoll gelauscht. Wie töricht, 'daß er sich vorhin so hatte täuschen können, als jenes Mädchen die Stufen hinabkam! Mt hastigen Schritten trat er jetzt Ellen entgegen. „Ich habe meine eigene Bedingung nicht erfüllt", sprach er zu ihr, kaum daß er sie begrüßt. „Ich konnte nicht länger warten. Unbewußt haben mich meine Füße hierher geführt." Er sprach schnell und abgehackt. „Länger als eine Stunde bin ich in der Nachbarschaft herumgestreist: immer wollte ich mich entfernen, aber mit eisernen Ketten hielt es mich hier zurück. Und nun, da ich hier bin-soll ich wieder gehen?" „Nein, bleiben Sie!" sagte sie einfach, ihm die Hand reichend. „Ich habe alles überlegt und bin bereit, alles zu wagen", sprach sie. „Wagen?" kam es verwundert über seine Lippen, während seine Stirn sich in Runzeln zusammenzog. Ist dies der richtige Ausdruck?" Sie dachte an Alices Warnung. „Verzeihen Sie", sprach sie schnell. „Das Wagnis bezog sich nur auf Ihre Person." Ein Zittern überfiel ihn, als er ihre Nähe verspürte. Wer wollte jetzt noch behaupten, daß er nervenlos, daß er ohne Leidenschaft sei? Er streckte den Arm aus und berührte den Knopf der elektrischen Lampe, so daß das Zimmer im nächsten Augenblick hell erleuchtet war. „Wir müssen einander unsere Gesichter zeigen," sprach er erklärend, „um zu wissen, wie wir in dieser ernsten Stunde aussehen." Sie entfernte sich wieder einen Schritt von ihm. „Wir möchten wohl jetzt zu Onkel und Tante gehen." „Wisien denn diese noch nichts?" „Nur, daß wir befreundet sind." „Wird das eine genügende Vorbereitung für sie sein?" „Ich weiß es nicht. Aber je weniger sie vorbereitet sind, desto unbefangener werden sie es aufnehmen. Kommen Sie!" Er folgte ihr mit einem Gefühl der Erleichterung. Das bevorstehende Urteil besaß lange nicht die Schwerkraft wie das gestrige seiner Mutter. Vielleicht aber wäre auch jenes leichter gewesen, wenn er Ellen auch da an seiner Seite gehabt hätte. „Siehst du jetzt deinen Weg Kar vor dir, mein Liebling?" flüsterte er ihr zärtlich zu, als sie bereits im Hellen Korridor standen. Sie lächelte ihn freundlich an, um aber bald einen leisen Schreckensruf auszustotzen. „Was ist?" fragte er besorgt. Er folgte ihrem Blick, der aus einem schwarzen, breitkrämpigen Hut haften blieb, wie solche die Geistlichen zu tragen Pflegen, der dort an der Wand hing. „Es ist Strömers Hut, des Vikars unserer Kirche! Ich wußte nicht, daß er im Hause ist. Wir wollen doch lieber warten, bis er fort ist." „Warum denn, Liebling?" drängte er. „Im Gegenteil, ich betrachte es als ein günstiges Zusammentresfen. Je schwerer dein jetziger Kamps ist, desto größer dein Anrecht auf Entschädigung durch meine Liebe. Mir ist es übrigens aus-