Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
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4iö Markante talrauöifdit Sentenzen über die tägliche Lrnährungsweise. Von, Dr. meb. Rainer (Wiesbaden), zurzeit Kopenhagen. licht das große Kapitel der altjüdifchen Nahrungshygiene soll hier abgehandelt werden — dies verdient etne ausführliche Betrachtung, ein spezielleres Eingehen auf rein wissenschaftliche Gesichtspunkte, und würde sich eher für eine Fachzeitschrift eignen. An dieser Stelle mögen bloß allgemeine Ansichten der jüdischen Weisen über die Ernährungsweise Platz finden. Ist der Talmud der ausschließlich vegetabilischen Ernährung geneigt?*) Nein! Nie und nimmer. Man 'braucht bloß aus der Fülle des hierüber in den zahlreichen Traktaten enthaltenen Materials einiges herauszugreifen, um sich sofort zu überzeugen, daß der starre Vegetarismus mit den Ansichten der altjüdischen Lehrer nichts gemein hat. Ja man kann sogar getrost behaupten, daß nach Ansicht des Talmud die tierischen Nährmittel der Gesundheit zuträglicher als die bloß vegetabilischen seien — allerdings mit der ausdrücklichen Beschränkung, daß allzu reichlicher Fleischgenuß oder gar Völlerei absolut vermieden werden müssen, — wie überhaupt die altjüdische Lehre immer und immer die M äß ig k ei t (ich habe dies wiederholt früher anderweitig hervorgehoben) als Grundprinzip der G c su ndHeitserh altung hinstellt. Am zuträglichsten ist nach derselben die gemischte, aus tierischen und vegetabilischen Produkten bestehende, mit Maß genossene Nahrung, welche zu keiner Uebersättigung, keiner Ueberfüllung der Verdauungsorgane führe. Es soll das an einigen Beispielen erhärtet werdem Rabbi Jochanan lehrt (Trakt. Chnlin 84a): „So wie wir <d. h. die schwächere Generation) sind, da soll ein jeder, der nur einen Batzen in der Tasche hat, zum Händler laufen, um Fleisch zu kaufen." „Alles darf man den Bedienten für später vorenthalten, außer Fleisch und Wein." (Trakt. Kethubüth 61a.) „Fettes Fleisch und alter Wein vermindern den Kot (die Kotmasse)", so lautet es in Trakt. Pesachim 42a. (Vgl. Trakt. Säbbath Fol. 129a über den vbligaten Fleischgenuß nach dem Aderlaß zur Stärkung des Körpers bzw. zum Blutersatz.) Rabbi Ehisda rät den armen Studierenden Fleisch aus der -Halspartie des Tieres (Unka) zu kaufen. (Trakt. Säbbath 140b.) „Gesalzener Fisch ist zuträglich: gesalzenes Fleisch nicht." (Trakt. Babah-Bathrah 74b.) „Richtigen Genuß (wörtlich Freude) verschafft nur das Fleisch." (Trakt. Pesachim 109a 8*78 NNVV Rabbi Ehisda erzählt drastisch (Trakt. Erubin 56a): „Ich selbst habe während meiner Armut kein Grünes (Kpl’) gegessen, weil es bloß noch mehr Appetit macht (Tnj'T) als ich reich wurde, ebenfalls nicht, weil dort, wo Gemüse Platz findet, lieber Fleisch und Fische hinkommen sollen!" „Das Grüne (pT) gehört zu den drei Dingen, welche den Kot übermäßig vermehren, die G e st a l t beugen *) Daß die Bibel der vegetabilischen Ernährungsweise nicht das Wort redet, habe ich bereits in der „Allgenieinen Zeitung des Judentums" 1918, Nr. 27, verschiedenartig erörtert und bewiesen. Es mag hier noch der lapidare biblische Satz Platz finden: „Wenn es deine Seele (Herz) gelüsten sollte, Fleisch zu essen, so genieße es nach Herzenslust." (Deuter. XII, 20.) Nur der Blutgenuß wird an dieser Stelle wiederholt strikt verboten (ibiä. Vers 23). Wie würde sich also dies mit der gegenteiligen Behauptung von dem angeblichen Bestreben der Bibel, den Fleischgenuß zu beschränken, zusammenreimen? — zu früh altern laßen? — (NV)pN litt ptatfbö) und Vsoo vom Augenlicht wegnehmen." (Trakt. Erubin ibiä.) Nun könnte man vielleicht gar glauben, daß nach alledem die jüdischen Weisen abgesagte Feinde des Gemüses gewesen' wärm! Weit entfernt davon! Ich habe bereits früher (Allgemeine Zeitung des Judentums 1918, Nr. 6 und 7, über „Geistes- und Gemütshygiene usw.") wiederholt hervorgöhoben, welch große Bedeutung die altjüdifchen Lehrer dem frugalen vegetabilischen Mahle beilegten, und verweise auf die dort angeführten Stellen, speziell Pesachim 114a usw. Hier sei noch der lapidare Ausspruch in Erubin 56a angegliedert: „Jede Stadt, welche kein „Grünes" lplü hat, da darf kein Schristgelehrter darin wohnen." Wie reimt sich also dies letztere mit den daselbst, wie oben angegeben, befindlichen Sentenzen von der Minderwertigkeit des Gemüses bzw. dem hohen Fleischwert zusammen? Allein das ist eben des Pudels Kern: „Gemischt mit Gemüse zusammen genoffm, dann ist die animalische Nahrung am zweckmäßigsten, der Gesundheit am förderlichsten." Denn bloß „Grünes" allein sättigt nicht — und belästigt nur den Darm durch kopiöse Kotmassen. (Siehe oben!) „Fleisch allerdings darf man nur mäßig genießen, je nach den Verhältnissen — aber sich vollpfropfen, sich an Gemüse und tierischer Nahrung übersättigen, ist schädlich und eines vernünftigen Geschöpfes unwürdig." (Vgl. Trakt. Ehulin 84a, ebenso a. O.) Also die Quintessenz ist: Gemischte Ernährungsweise und Mäßigkeit in Speise und Trank sind gesundheitsfördernd. Und was sagt die moderne Ernährungsphysiologie dazu? Ganz genau dasselbe. Wozu aber bezwecken die zahlreichen drakonischen Speisegesetze eine kolossale Einschränkung des Fleischgenusses, wenn letzterer zuträglich ist? Darin liegt eben der gewaltige Irrtum! Keine Beschränkung der animalischen Genußmittel wollen die Speisegesetze, beileibe nicht! Ihr Bestreben ist nur, Regelung, möglichste Meidung aller Nebenschädigungen beim Fleischgenuß zu bewirken, die tierische Nahrung nur zuträglich zu machen durch Beobachtung gewisser eminent wichtiger Maßregeln bei der Bereitung derselben, da ja das artfremde Eiweiß an sich selbst gewissermaßen ein Gift darstellt, wie dies neueste serologische Forschung zur Evidenz ergibt. Speziell das Blut mit den seinen zahlreichen, Toxinen usw. soll möglichst eliminiert werden. Ich habe letzteres in meinen Arbeiten „Die geringere Sterblichkeit an Tuberkulose usw.", „Hygienische Rundschau" 1910, ebenso „Soziale und hygienische Fürsorge im altjüdischen Staate", derselbe Jahrgang, des näheren erörtert und verweise behufs genauerer Orientierung aus das Original. An dieser Stelle ist kein Platz fürsolche spezialistischen Diskussionen, zumal sie nur Wiederholung des bereits Gesagten bedeuten würden. Und somit mag es für diesmal genug sein. Den Einsichtigen wird wohl das wenige Dargelegte überzeugen . . . Dem speziellen Forscher ist dies bereits zur Genüge bekannt . . .!J _*) Die von anderer Seite aus Jesaia, 66, 8 postulierte Ansicht über das Unmoralische der Tierschlachtung aus tP'K N2!2 “lltürf ist, gelinde gesagt, eine exegetische Entgleisung! Denn wie würde dazu der Nachsatz: dSs *1*111? NVN TOT! 121 *1,?n D“7 Passen? Ter redegewaltige Jesaias will doch rmr,ossenbar, wie der ganze Sinn im Kapitel hinweist, die Inkonsequenz und Scheinheiligkeit bildlich geißeln!