Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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415 Literatur vorzüglich bewandert, der russischen. Polnischen und deutschen Sprache in Schrift und Wort mächtig war und, kaum zwanzig Jahre alt, der russischen Judenheit als Pfadfinder voranschritt. Er wurde und wird von vielen noch jetzt „der russische Mendelssohn" genannt, und das mit Recht; denn was Moses Mendelssohn im achtzehnten Jahrhundert für die deutschen, hat Isaak Bär Levinsohn im neunzehnten Jahrhundert für die russischen Juden getan: er hat für sie nach einer langen finsteren Nacht der Unwissenheit und des Aberglaubens die Morgenröte einer neuen Zeit heraufgeführt. Von dem richtigen Standpunkt ausgehend, daß die Juden, um ihre soziale Lage günstiger zu gestalten und die seitens der christlichen Welt gegen sie gehegten Vorurteile wesentlich abzuschwächen, zuvörderst sich selbst als ebenbürtige Menschen zu achten lernen und den Anforderungen der Zeit Rechnung tragen müßten, veröffentlichte er im Jahrk 1828 sein bekanntes Buch Dudah b'J'srael „Die innere Mission Israels", in dem er seinen unter Druck und Elend schmachtenden Stammesgenossen die Botschaft besserer Tage verkündete. Mit zündenden Worten forderte er sie auf, allgemeine Bildung sich anzueignen, Handwerk und Ackerbau zu treiben, die durch Druck und Verfolgung überkommenen falschen Anschauungen über Welt und Menschen „in das Meer der Vergessenheit zu werfen", bei aller Treue zur Sprache und Literatur der Väter die Landessprache zu erlernen und eifrig zu pflegen, Gott zu fürchten, das Vaterland zu lidben und sorgfältig alle Untertanenpslichten zu erfüllen. Der Erfolg dieser Schrift war trotz der Wutausbrüche und Ränke der Frömmler und Finsterlinge, die den Verfasser für einen Abtrünnigen erklärten und über ihn den Bann zu verhängen drohten, ein geradezu glänzender. Die große Masse der russischen Juden begeisterte sich an seinen Worten, und der damalige Minister der Volksaufklärung, General BI u d o w , der schon längst zu Levinfohns Verehrern zählte, benutzte diese Gelegenheit, Kaiser Nikolaus I. aus das segensreiche Micken des „Kremenetzer Einsiedler" ausmersam zu machen. Levinsohn erhielt kurz darauf von der Regierung eine Subvention von 1000 Rubeln, vom Zaren aber ein eigenhändiges Dankschreiben, in dem er ihn zugleich seiner kaiserlichen Huld versicherte.— Levinsohn, ging nun mit frischem Mut an die Arbeit, seinen längst gehegten Plan, eine volkstümliche Geschichte des Judentums zu schreiben, zu verwirklichen. Da erging plötzlich an ihn der Ruf vieler Rabbiner und Gemeindevorsteher, eine Apologie gegendie Blutanklage, die damals an verschiedenen Orten des Zarenreiches gegen die Juden erhoben wurde, zu schreiben und seinen Einfluß an höherer Stelle zugunsten seiner schwer verdächtigten Glaubensgenossen geltend zu machen. Er erklärte sich sofort bereit, den ihn ehrenden Auftrag auszusühren, verwendete sich mit Erfolg bei der Regierung für die unschuldig Angeklagten und schrieb 1837 sein berühmtes Buch „Efeß Damim", das, in Form eines Dialogs zwischen einem Patriarchen der griechisch-katholischen und einem Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Jerusalem gehalten, die von ihm erhoffte Wirkung nicht verfehltes. Die Regierung, Geistliche und Gelehrte überhäuften den Autor mit Ehrenbezeigungen und versicherten ihm, aus feiner Schrift die volle Ueberzeugung von der Haltlosigkeit der gegen die Juden gerichteten Blutbeschuldigung gewonnen zu haben. 1839 erschien sein „Beth Jehuda", das von den Gelehrten des In- und Auslandes mit großem Beifall ausgenommen wurde. Abraham Geiger in Breslau feierte dieses Werk auf der Kanzel, Jost, Rappapor, Krochmel, Isaak Erter und S. I. Fi n n richteten an den Verfasser herzliche Dankschreiben und forderten ihn zu weiterem literarischen Schaffen auf. Auf dieses Werk wurde von der russischen Regierung subventioniert, indem sie 2000 Exemplare käuflich erstand und in den jüdischen Schulen verteilen ließ. Levinsohn wurde die Ehre zu teil, von dem mächtigen Nikolaus I. wiederholt im Audienz empfangen zu werden, sowie eine Periodische Korrespondenz mit ihm unterhalten zu dürfen. Es gelang ihm, den Kaiser für den Plan zu gewinnen, im Gonvernement Cherson jüdische Ackerbaukolonien zu gründen und in Schitomir, Wilna und Warschau den Anforderungen der neuen Zeit entsprechende Rabbinerschulen zu errichten, von denen er für die russische Judenheit viel Segen erwartete, die aber, zur Schande der dortigen lichtscheuen Orthodoxie sei es gesagt, nur von kurzer Dauer waren. Kaiser Nikolaus wollte ihn zum Oberrabbiner von Rußland ernennen, er zog es jedoch vor, obwohl er in drückender Armut lebte, vielleicht aber auch, weil er sich schwach und gebrechlich fühlte, seine Lebensbahn als Privatmann sortzusetzen. Besondere Erwähnung verdienen seine nach seinem Tode von B. Nathansohn in Warschau herausgegebenen Schriften: Serubabel, Toldat Schein, Jalkut RJBL, Imin Zidki, Wer Jizchak, Pckuche Chotam und Melitz Joscher — in dieser tritt er für Leopold Zunz wider seine Gegner auf —, die alle, in einem klassischen Hebräisch geschrieben, in vielen Auflagen erschienen sind. Isaak Bär Levinsohn starb, 73 Jahre alt, im Februar 1861 und wurde in seiner Geburtsstadt, in der er den größten Teil seines Lebens zugebracht, zur letzten Ruhe bestattet. Er hinterließ keine Kinder, aber er lebt fort: in seinen Werken und im Herzen vieler Tausende seiner Stammesgenossen, die seiner noch heute in Liebe und Ehrfurcht gedenken. *) Das Buch Efeß Damim hat eine Reihe von Auflagen erlebt und wurde 1878 von H. Sorkin ins Russische und 1892, gelegentlich des Fan teuer Prozesses, von mir unter dem Titel „Die Blutlüge" ins Deutsche übersetzt. Es soll auch, wie Gustav Karpeles mir einmal sagte, eine englische lind französische Uebersetznng dieser Schrift existieren, über die aber mir nichts Näheres bekannt ist. Isaak Bär Levinsohn, geb. 2. September 1788 zu Kremenetz, gest. im Februar 1881 daselb't.