Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229374--74266-3286751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
414 ganze Leben erfassende Beziehungen knüpfen, erfüllt, wird nicht so bald vor den Miseren des Daseins die Waffen strecken und die „Flucht" ergreifen, um in der Fremde ein neues Leben zu beginnen, das nimmer die aufgegebenen kostbaren Heimatsgüter ersetzen kann. Unausgesetzt wird die Sehnsucht nach ihnen im Herzen sich regen. Mit einer nicht zu besiegenden Allgewalt wird derjenige, welcher sich von der Heimatsscholle, in der sein ganzes Fühlen und Denken, sein Wirken und Streben tief und fest wurzelt, losgerissen hat, sich nach all jenen Stätten hingezogen fühlen, welche die Glieder der engeren Glaubensgemeinschaft in Freud und Leid zusammengeführt zu heiligem Tun: zu den Stätten der Andacht, der Trauer und des Unterrichts, zu dem trauten Heim, wo Eltern und Vorfahren als frommgläubige Juden gelebt und gewirkt, wo die Weihe des Sabbats und' der Feste gewaltet und auf die Insassen ausgestrahlt, wo liebe Jugendgenossen des Daseins Freud und Leid mit uns geteilt. Die Liebe zu all diesen, andernorts unersetzbaren Gütern wird stets Schild und Panzer sein gegenüber dem Eindringen alles dessen, was dem wahren jüdischen Volkstum Gefahr bringt und ein Aufgehen in fremden, dem Judentum feindlichen Verhältnissen herbeizuführen uotwendig zur Folge haben könnte. Gerade unserer Jugend tut diese unerschütterliche Liebe zur „jüdischen" Heimat und das aus ihr sich ergebende „jüdische Selbstbewußtsein" besonders not. Sind doch unsere Kinder Zeugen einer großen Zeit, die weltbewegende Ereignisse sich abspielen läßt, welche mit Macht auf unsere Zöglinge einzuwirken geeignet sind. Großes erwarten wir von dieser Zeit, die uns Hie Erfüllung mancher im tiefsten Herzen gehegten Hoffnung bringen soll. Die letzten Fesseln sollen gesprengt werden, die uns noch an einer Betätigung als freie, verantwortliche Staatsbürger hindern, und der Rest der Schranken soll fallen, die uns bisher noch immer von unseren Mitbürgern trennten. Die Geschichte aber lehrt, daß mit einer solchen Schrankenlosigkeit eine Gefahr für das Judentum verbunden ist; die Schule muß daher ihre Zöglinge gegen diese drohende Gefahr wappnen, sie muß durch alle nur möglichen Maßnahmen und durch alle vorhandenen Erziehungsmittel den Charakter festigen, daß die Jugend vor Untreue und Abfall bewahrt bleibe. Und hierzu ist der heimatkundliche Unterricht, in jüdischem Sinne und Geiste betrieben, wohl geeignet. Der jüdische heimatkundliche Unterricht hat nun in erster Reihe dafür zu sorgen, daß die jüdische Jugend in ihrer heimatlichen Gemeinde heimisch werde und deren Vorzüge erkenne. Dabei muß aber derart verfahren werden, daß das Kind stets wisse, daß „hinter den Bergen" auch noch Glaubensgenossen wohnen, die von gleichen Interessen erfüllt und den gleichen Daseinsbedingungen unterworfen sind, damit nicht ein engherziges, beschränktes Versunkensein in die besondere Art der Heimatgemeinde die lebendige Teilnahme an dem Wohle und Wehe der weiteren Stammesgenossenschaft und die Liebe zu ihr beeinträchtige und das Interesse für das Gemeinwohl im weitesten Sinne nicht eingeengt werde, denn erst in der Liebe zur Heimatgemeinde hat die Liebe zur Volksgemeinschaft ihre stärksten Wurzeln. (Fortsetzung folgt.) Die Dozenten an drr Lehranstalt kür die Mllenlchakt des Judentums?u Serlin. I. R a b b i n e r D r. L e o B a e cf. eo Baeck, geboren am 23. Mai 1873 in Lissa (Provinz Posen) als Sohn des Rabbiners Dr. Samuel Baeck, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, das er mit dem Zeugnis der Reife verließ, studierte Philosophie und Philologie an den Universitäten Breslau und Berlin, an welch letzterer er zum Dr. phil. promovierte, und gehörte gleichzeitig zunächst dem Jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau und danach der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin an, von der er das Rabbinatszeugnis im Jrühjahr 1897 erhielt. Von 1897 bis 1907 war er Rabbiner in Oppeln, von 1907 bis 1912 in Düsseldorf: von dort wurde er zum Rabbiner der Gemeinde Berlin und zum Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums berufen. Seine wissenschaftliche Arbeit liegt vornehmlich auf dem Gebiete der Religionsphilosophie und der Religionsgeschichte: neben einer größeren Anzahl von einzelnen Abhandlungen sei sein Werk über das „Wesen des Judentums" erwähnt, von dem jetzt eine neue Auflage vorbereitet wird. Bon September 1914 bis Juni 1918 war er als Feldgeistlicher auf dem westlichen und dem östlichen Kriegsschauplatz tätig. Den vorstehenden biographischen Notizen ist nicht viel hinzuzufügen. Wie die drei Stellen, die Baeck bekleidete: Oppeln, Düsseldorf, Berlin, einen Aufstieg bedeuten, so zeigt sein ganzes Wirken das Emporklimmen von bescheidenen Anfängen zu beträchtlicher Höhe. Baeck, dessen Bild schon in voriger Nummer erschienen ist, steht im rüstigsten Mannesalter; seine unverbrauchte Kraft soll erst jetzt zur richtigen Entfaltung gelangen. Seine Reden und Predigten bekunden weniger den mit glänzenden äußeren Mitteln ausgestatteten als den ernsten, gedankenreichen, zum Denken anregenden, aus das religiöse Gefühl tief wirkenden Mann. Seine bisher nur kurze, durch den Krieg unterbrochene Tätigkeit an der Lehranstalt hat bewiesen, daß gerade er berufen ist, die jungen Männer, die sich dem Lebensberuf als Theologe widmen und die von anderen tüchtigen Lehrern mit Spezialkenntnissen ausgestattet werden, zur Verinnerlichung, zur Erkenntnis und Ausbildung ihrer theologischen Mission zu leiten, aus ihr ganzes Wesen, auf ihre sittliche Stärkung einen bestimmenden Einfluß zu üben. Wie meisterhaft Baeck es versteht, gerade diese priesterliche — ich gebrauche absichtlich dieses Wort — Aufgabe zu erfüllen, hat er durch seine der Jüdischen Gemeinde abgestatteten Berichte bewiesen, die ich in dieser Zeitung größtenteils wieder abgedruckt habe. Hier sprach kein Chronist, der nur Meldung tat von dem Geschehenen; hier redete kein Eitler, der sich in den Vordergrund stellen wollte; hier kam kein Pavteimänn zu Wort, dessen Streben darauf gerichtet war, die Gegner zu schmähen und die Anhänger zu erheben. In diesen Berichten trat vielmehr der wahrhafte Geistliche hervor, der echte Priester, der das religiöse Leben zu erwecken, das vorhandene zu stärken, die Irrenden aus den rechten Weg zu führen weiß. Don dieser geistlichen Wirksamkeit Baecks erwarten wir Großes für die Lehranstalt, für die Jüdische Gemeinde Berlin, für das gesamte Judentum. L. G. tjfaali Ißär Lrvinlohn. Von Albert Kotz.? Unter den Vertretern der Haskala, der Aufklärung, innerhalb der russischen Judenheit, die, dem Beispiel der deutschen Measphim folgend, unter ihren Glaubensgenossen die Kenntnis der hebräischen Sprache förderten, um in dieser allgemeine Kenntnisse zu verbreiten, verdient Isaak Bär Levinsohn, dessen Bild wir heute aus Anlaß seines 130. Geburtstages unseren Lesern vorführen, an erster Stelle genannt zu werden. Er wurde am 2. September 1788 zu Kremenetz, polnisch Krzemienice, einer mittleren Kreisstadt im südwestlichen Teil des Gouvernements Wolhynien, als Sohn armer Eltern geboren und im Geiste der Thora erzogen. In dieser, jetzt einer Stadt der neuen Ukraine, hat er „gelernt" und gelehrt, gehungert und gelitten und — für seine spätere Mission sich vorbereitet. Das ist alles, was wir über seine Kindheit und seine ersten Mannsjahre wissen. Wir wissen aber, daß er mit jüdischer Kenntnis reich ausgerüstetem der klassischen