Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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411 Und Wolhynien, zurückkehren konnte, sondern gleichfalls eine rege Tätigkeit in Zentralrußland entwickelte. Dieselben Russen, welche 1905 und 1906 bereitwillig in von der Regierung geduldeten oder inszenierten Pogromen einen Vernichtungskrieg gegen das Judentum führten, schlachten nun mit demselben Eifer unter Führung des Getto ihre eigene Intelligenz. Die Zahl der Opfer ist ungeheuer." Kein Volk der Erde hat sich an den Juden so versündigt wie Rußland. „Zweifellos hat gerade das ostjüdische Volk unter dem Kriege schwer gelitten und viele sind zugrunde gegangen. Die russische Gesetzgebung, welche die Judenaus einer bestimmten Fläche zusammendrnngte, ihren Bildungsdrang durch die sogenannte Prozentnorm hemmte und sie dabei habsüchtigen Beamten oder den Pogromen des Pöbels auslieferte, machte ihr Leben zu einer Kette unendlicher Leiden . . . Die russische Regierung hatte die Juden zu einem Volk — wider ihren Willen allerdings — zusammengepreßt, dem einzigen Volk, das keinen Grund und Boden besitzt und kein Land bebaut. Zu einem Volk, das in unendlicher Not lebte und den denkbar härtesten Kampf ums Dasein führte. Aber das Getto war ein fruchtbarerer Boden für Genie und Talent als die ungehemmten Entwicklungsmöglichkeiten des Westens. Vielleicht ist das Getto dem Juden das gewesen, was der Bauernstand den andern Völkern ist: die Quelle ständiger neuer Lebenskraft, deren Versiegen die Gefahr des Unterganges mit sich bringt." Das Rad der Geschichte hat nun die Sträslingsgesellschaft obenauf gebracht und sie hat ihrem Sträflingshaß gegen ihre Unterdrücker, freien Lauf gelassen. Bald aber ist ihre Lage unhaltbar geworden und die kommenden Ereignisse bedeuten anscheinend ihren Sturz. Dann werden ihre Stammesgenossen wieder schlimme Tage sehen, denn die Rache des von ihnen — im Wechsel mit dem Zarismus — geknuteten Bürgertums wird nach den Erfahrungen der Geschichte des jüdischen Volkes leider keinen Unterschied machen. So zeigt sich wieder, daß die revolutionäre Politik des politischen Verbrechertums nicht nur zu Gewalttätigkeiten gegen ihren gesamten Volksteil führen muß. Die Bedrängnisse der bolschewistischen Regierung 'sind schon aufs Höchste gestiegen, die Arb^.iterausschüfse scheinen, mit den vollkommen unter jüdischem Einflüsse stehenden Soldatenausschüssen (weil in diesen die jüdische Intelligenz der unruhigen Advokaten, Aerzte und sonstigen Agitatoren die Führung über die tiefstehenhen Russen hat) auf gespanntem Fuße zu leben und die Bauern kehren sich von ihr ab. Bekannt ist auch der Gegensatz zwischen den Bolschewisten und den Sozialrevolutionären, denen die Morde am deutschen Gesandten in Moskau und am deutschen Oberbefehlshaber in der Ukraine zu geschrieben werden: als einer der Anstifter wurde Katz (?) (Kamkow) genannt. Der Uebermacht der vereinten Gegner unter englischem Einfluß werden die Bolschewisten schwerlich noch lange gewachsen sein; ihr Ende ist der Beginn schwerster Bedrückungen des mit den jetzigen Führern der Revolution stammverwandten Ostjudentums, das nun wieder blutige Metzeleien zu fürchten hat, wenn es sich nicht mit deutscher Hilfe ein gnädiges Schicksal schaffen kann." Wir können uns diesen Ausführungen, wie judenfveundlich sie auch anmuten, nicht restlos anschließen. Soweit wir über die dortigen Verhältnisse unterrichtet sind, hat die große Masse der russischen Judenheit mit den Bolschewisten und ihren Bestrebungen nichts gemein. Von einigen wenigen jüdischen Weltbeglückern abgesehen, gehört die überaus größte Mehrzahl der russisch-jüdischen Intelligenz der von den Bolschewisten und Sozialrevolutionären gehaßten Kadettenpartei an. Auch die Behauptung, Lenins Mutter, eine geborene Adler, entstamme einer deutsch-jüdischen Familie, ist nicht zutreffend. Wladimir Ulianow, Lenin genannt, entstammt einer Simbirsker judenreinen Adelsfamilie. — * Vielleicht warten in Bulgarien der Juden bessere Tage. - Wenigstens lesen wir in verschiedenen Zeitungen folgendes: B u l g a r i e n u n d die Juden. Sofia, 8. August. (Bulgarische Telegraphen-Agentur.) Das israelitische Großrabbinat in Sofia veröffentlicht in der Presse eine Note, welche die von dem Athener Berichterstatter des „Jorunal de Geneve" diesem Watt übermittelten Berichte in Abrede stellt, wonach nach dem Zeugnis israelitischer Gefangener der mazedonischen Front israelitische Bulgaren in der Armee mißhandelt worden seien. israelitischen Schülern m den bulgarischen Schulen alle möglichen Schwierigkeiten bereitet würden und die Israeliten in Bulgarien im allgenreinen sehr bedrückt würden. Das Großrabbinat erklärt, daß man den groben Erfindungen der Verleumder Bulgariens keinen Glauben schenken dürfe. Es fügt hinzu, daß in Bulgarien die Jsraelllen in die Reihen der Armee als freie Bürger eintreten und sich dort für das Wohl Bulgariens mit Eifer und Selbstverleugnung schlagen. Die Israeliten genössen in Bulgarien vollkommene Freiheit und vollständige religiöse und politische Duldung. # Und in der Türkei und Palästina? lieber die türkischen Zustände gibt ein Artikel dieser Nummer authentische Aufklärung; auf ihn sei auch an dieser Stelle nachdrücklich hingewiesen. Dagegen muß hier bemerkt werden, daß zu den neuerdings nachdrücklich erhobenen Forderungen unserer Feinde die gehört, daß Palästina durchaus den Türken genommen werden mühte. Sie bemühen sich schon jetzt, darauf hinzuweisen, wie segensreich die Engländer in und für Palästina arbeiten. So teilt das Haager Korrespondenz-Bureau folgendes mit: Der Z u st a n d in I e r u s a l e m. Die „Daily News" bringen folgenden Bericht ihres Korrespondenten in Palästina: „Eines der schwersten Versäumnisse der türkischen Negierung war, daß sie Jerusalem nicht mit einer geregelten Wasserzufuhr versah. Was die Türken während ihrer 400jährigen Herrschaft nicht konnten oder wollten, haben die englischen Ingenieure in kaum zwei Monaten zustandegebracht. Zum erstenmal in der Geschichte Jerusalems kann jeder Bürger dieser Stadt so viel frisches und reines Wasser bekommen, als er nur wünscht. Der pittoreske Wasserträger wird verschwinden. Künftige Jahrhunderte werden ihn nur in alten Mappen wiederfinden. Seine Energie wird nun für andere Arbeiten verwendet werden. Die Krankheitskeime, welche sein lederner Wasserbeutel enthielt, werden nicht länger das Leben des Landesbewohners bedrohen, und die tödlichen Gefahren des Brunnenwassers werden jetzt zu einem großen Teile verschwinden. Die Ingenieure fanden eine Gruppe von Springquellen in einem absolut klaren Sammelbecken, die der Stadt ungefähr 14 000 Hektoliter per Stunde liefern. Das Wasser wird durch besondere Vorrichtungen bis zum Gipfel eines Hügels emporgezogen und von dort in langen Röhren nach der Stadt geleitet. Die Spitäler sind direkt an di-e Leitung angeschlossen. Die Bevölkerung ist überglücklich, reichen Gebrauch von dem Wasser machen zu können. * Hier sei von .den Berichten desselben Bureaus folgendes hervorgehoben: Wir haben bereits über die Empörung berichtet, mit der die Judenheit der Ukraine und der jüdische Nationalrat in Kiew die Aufhebung der Autonomie der nationalen Minderheiten durch die Hetman - Regierung ausgenommen hat. Die Protestresolution des jüdischen Nationalrates liegt nunmehr vor. Sie lautet: „In der Ueberzeugung, daß a) die national-personale Autonomie die einzige Garantie für das friedliche Zusammenleben aller Völker und für die freie Entwicklung der Ukraine überhaupt und ihrer nationalen Minoritäten insbesondere bietet; b) der Beschluß vom 8. Juli über die Aufhebung des Gesetzes vom 19. Januar 1918 ein Resultat der gegenwärtigen zeitweiligen politischen Reaktion darstellt, die wichtigste Errungenschaft der großen russischen Revolution, die nationale Freiheit, vernichtet, das alte Regime der nationalen Unterdrückung zugunsten der herrschenden Gruppen wiederherstellt und die elementaren Bürgerrechte der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine gefährdet; e) dieser Beschluß der jüdischen Bevölkerung, die im Verein mit allen anderen Völkern der Ukraine für nationale Freiheit gekämpft hat, die Möglichkeit nimmt, die Organe ihrer nationalen Selbstverwaltung auf öffentlich-rechtlichen Grundlagen zu errichten und die demokratisch erwählte Vertretung der jüdischen Nation zu schaffen — drückt der jüdische Nationalrat, das höchste jüdische Repräsentationsorgan, seinen scharfen Protest gegen die Gewalttat der Regierung aus und erklärt, daß keine Zerstörungskräfte und keine Angriffe der Reaktion das jüdische Volk in seinem unermüdlichen Kampf für seine nationale Autonomie zurückhalten werden."