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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-30 · Heft 35 (30.8.1918) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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Abstellung der vorhandenen Mißstände Sorge zu tragen. Inder Tat konnte dieser bald den Mitgliedern der Abordnung eingehende, von den besten Intentionen getragene Erklärungen hinsichtlich aller hierbei in Betracht kommenden Punkte abgeben. Was hingegen die Regelung der grundsätzlichen Fragen anbetrifst, so hat der Großwesir den Vorschlag gemacht, zu diesem Zwecke ein eigenes Organ zu schaffen, dem die Erledigung aller erforderlichen Vorarbeiten übertragen werden solle. Demzufolge wurde denn auch ein Sonderausschuß eingesetzt, in dem die Juden auf der einen, die türkische Regierung aus der anderen Seite vertreten sind. Zu Mitgliedern des Komitees hat der Großwesir zunächst folgende Herren berufen: Midhat Schükri Bey, Generalsekretär des Jungtürkischen Komitees, E m a n u e l C a r a s s o, Deputierter von Konstantinopel, Nissim Mazliah, Deputierter von Smyrna, H a i m N a h u m , Großrabbiner der türkischen Judenheit, und Dr. Alfred N o s s i g als Vertreter der ausländischen Juden. Diese Zusammensetzung ist indessen provisorischer Natur. Die Kommission soll einereits durch Ernennung weiterer türkischer Mitglieder, anderseits durch Entsendung von Vertretern der einzelnenjüdischen Organisationen ergänzt und erweitert werden. Im Augenblick ruht die Arbeit. Die Fortführung der Verhandlungen wurde für Anfang Herbst nach Schluß der jüdischen Feiertage festgesetzt. Wer wollte über die künftige Gestaltung der Dinge sich in Prophezeiungen ergehen? Allein was auch immer die Kommission zuwege bringen mag, in einer Beziehung hat der Vorgang aus alle Fälle g r u n d s ä tz l i ch e Bedeutung: a l s Beginn einer systematischen I u d e n p o l i t i k in d e r T ü r k e i. Bisher gab es keine ausgesprochen jüdische Politik im Lsmanenreiche. Oder vielmehr Judenpolitik wurde nur in dem Sinne und so weit getrieben, um das Aufkommen einer besonderen jüdischen Politik hintanzuhalten. Numerisch nicht allzusehr ins Gewicht fallend, wirtschaftlich von verhältnismäßig nur geringer Bedeutung, -bildeten die Juden kein „Problem" im Türkenstaate. Wo es aber keine „Judenfrage" gibt, da braucht es auch keine „Judenpolitik" zu geben, die ja die Antwort aus diese Frage — wenn dies auch zumeist mit nur zu schlechten Mitteln zu geschehen pflegt — liefern soll. Nun ist man dabei, Judenpolitik zu treiben, ist man dabei, eine Judenfrage zu schassen. Mit Bewußtsein. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Männer, die jetzt daran gehen, eine Neuorientierung in der türkischen I u d e n p o l i t i k vorzunehmen, sich keinen Augenblick über die Tragweite ihres Schrittes im unklaren waren. Sie werden sich sicherlich gesagt haben, daß dadurch neue Probleme für die Türkei entstehen, in deren Gefolge wieder mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden sein werden. Sie werden sich aber ebenso sicher gesagt haben, daß die Vorteile in diesem Falle alle etwaigen Schäden bei weitem wettmachen und ganz unvergleichlich aufwiegen würden. Die wiederholt aufgestellte Behauptung, daß die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina und die daraus zu erwartende Steigerung der freundschaftlichen Beziehungen zur Weltjudenheit dem Osmanischen Reiche den größten Nutzen bringen würde, hat endlich auch bei den maßgebenden Stellen der Türkei ihre volle Würdigung gefunden und sie dementsprechend zu entscheidenden Entschließungen und Handlungen angespornt. Die Stärkung des jüdischen Elementes würde so unbedingt und in so hohem Grade zur allgemeinen Erstarkung der Türkei beitragen, daß alle aus ersterem Momente etwa erwachsenden Gefahren durch letzteres jederzeit leicht wieder überwunden werden würden. Die Befürchtungen sind somit eine Chimäre, die erwarteten Vorteile dagegen ein Faktor, mit dem ein weitblickender Staatsmann jederzeit rechnen wird. x Der 14. Juli bedeutet theoretisch einen Wendepunkt in der Geschichte der türkischen Judenheit. Hoffentlich wird er in künftigen Zeiten auch praktisch als der Tag gefeiert werden, an dem die Basti lle der V'vrurteile gegen d a s j ü d i s ch e V o l k in der Türkei gestürmt worden ist. Sir Woche. Berlin, 27. August 1918! as blutige verlustreiche Ringen an der Westfront dauert noch immer an; Franzosen und Engländer wetteifern in wütendem Ansturm. Ihre Pläne eines Durchbruchs sind bisher gescheitert, so manche Einzelerfolge sie auch davongetragen haben. Sie sprechen von der größten, ja von der entscheidenden Schlacht des Weltkrieges. Möge die Entscheidung bald kommen, nur nicht in dem Sinne, wie die Gegner wünschen! Alle Welt sehnt sich nach Frieden; es ist unverzeihlich, daß England und Amerika immer wieder auf den Ruin der ganzen Welt hinarbeiten! Trübe und ernst ist die Lage. Die Verhältnisse zwischen Spanien und Deutschland spitzen sich zu; in Rußland herrscht weiter die größte Verwirrung; bedenklich sind die Zustände in Oesterreich. Wo ist ein Ausweg aus diesem Chaos? Der Sommer, der eigentlich kaum ein Sommer war, geht zur Neige; das Wetter ist so trübe wie die ganze Zeit. Unsere großen Feste sind nahe; wir schreiten ihnen entgegen mit ernstesten Gedanken. Mögen sie die letzten sein, die wir in schwerer Kriegszeit begehen, und mögen endlich die heißen Gebete um Ruhe und Frieden Erhörung finden! * Ruhe und Frieden auch für die Juden im Innern und nach außen. Denn augenblicklich sieht es auch hier bedenklich aus. Wenn auch die inneren Streitigkeiten einigermaßen ruhen, die Antisemiten sind fest, unheimlich drohend an ihrer Arbeit. Von den Verhandlungen in Ungarn war schon die Rede; die antisemitischen Blätter in Oesterreich jubeln über jedes judenfeindliche Wort und greifen die Beruhigungsversuche der ungarischen Minister in wildester Weise an. Auch den Juden Rußlands droht große Gefahr. Manche Politiker glauben, daß die Tage der gegenwärtigen Regierung gezählt sind. Sie fürchten, daß, wenn sie gestürzt wird, die Lage der Juden, die unter den jetzt Herrschenden einen überaus starken Prozentsatz bilden, sich aufs äußerste verschlimmern wird. So schreibt die „Kieler Zeitung": „Es steht fest, daß fast alle Kommissare bei den Armeen sowie die meisten Vorsitzenden der örtlichen Sowjets nichtrussischen und vorzugsweise ostjüdischen Ursprungs sind. Schon Kerenski war kein Vvllblutrusse. Alle, die den russischen Charakter kannten und des ehemaligen Diktators ungewöhrll-che Tatkraft und Energie anerkannten, mußten daran zweifeln. Skme Mutter war eine geborene „Adler", einer deutsch-jüdischen Familie entstammend. Aus praktischen Gründen haben, wie gesagt, die meisten ihre vorzugsweise deutsch klingenden Namen abgelegt und damit dem Nationalismus auf Kosten ihrer internationalen Anschauungen eine große Konzession gemacht, wohl wissend, daß auch die radikalsten russischen Elemente zu leicht einem Juden oder Deutschen die Gefolgschaft versagen könnten. Im größten Teil des früheren russischen Reiches lebten infolge der Gesetzgebung keine Inden. Sie waren dort so gut wie unbekannt. Durch die Ausweisung von Zehntausenden um 1915 aus dem westlichen Ansiedlungsrayon, der damals Kriegsschauplatz war, kamen sie zuerst ins Innere des Reiches. Das ist wohl ein Hauptgrund, 'weshalb auch in den lokalen Sowjets immer wieder jüdische Führer austauchen. Der Sturz des Zarismus brachte natürlich die Freizügigkeit und allen politisch Verschickten die Rückkehr aus Sibirien. Darunter befand sich ein hoher jüdischer Prozentsatz, der aber nicht in seine Heimat, Polen, Litauen-, Kurland

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