Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 35 Berlin, 30. August 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentlich. Abonnements.^reis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 UL — Postscheckkonto 32$. Begründet von vnbbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheime« vegiermgsrats Professor dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Masse» Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der «Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-4-, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, Berlin. flnftÄlf1* D« Stellung der türkischen Regierung zur Frage der Neugestaltung Palästinas. Don Dr AlphonS Sußnitzki. — Die Woche. — Jüdische Heimatkunde. Von I. Herzberg (Bromberg). — Bild des Kommerzienrats Heinrich Ei Sn er. — Die Dozenten an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin. Von L. G. — Isaak Bär Levinsohn. Von Albert Katz. — Markante talmudische Sentenzen über die tägliche Ernährungsweise. Von Dr. med. Rainer (Wiesbaden) zurzeit Kopenhagen. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulv ermann. — Schabbesanfang. Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Berichtigung. Der Gemeirrdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"), Berlin, Posen, München, Duisburg, Frankfurt a. M., Kopenhagen, Wien, Lodz. — Von Nah und Fern. Bit Stellung der türkischen Legierung?ur frage der Neugestaltung Kalaltinss. Von Dr. Al Phons I. Sußnitzki. n Konstantinopel fand soeben ein Vorgang statt, der für die ganze künftige Gestaltung Palästinas in wirtschaftlicher wie in politischer Beziehung unter Umständen von umwälzender Bedeutung werden könnte. Noch sind wir nicht so weit; denn bis jetzt hat sich nur der erste Akt der dramatischen Handlung auf der weltpolitischen Bühne abgespielt. Eine allgemeine Betrachtung wollen wir uns daher für eine spätere Zeit Vorbehalten, wenn der Prozeß weiter fortgeschritten sein und irgendwelche greifbare Früchte bereits gezeitigt haben wird. Heute möchten wir uns nur mit der Registrierung der wichtigsten Tatsachen, gleichsam mit der Aufzählung der einzelnen Szenen, begnügen. Schon im Januar, als der türkische Großwesir Talaat Pascha anläßlich der Brest-Litowsker Friedensverhandlungen in Berlin weilte, wurde auch die jüdische Frage in der Türkei im allgemeinen und in Palästina im besonderen zur Sprache gebracht. Talaat Pascha erklärte sich dabei grundsätzlich bereit, in der Lösung der Judensrage erhebliches Entgegenkommen zu zeigen. Auf seinen Wunsch traf dann auch Ema - nuel Carasso, Deputierter von Konstantinopel, in Berlin ein, in dessen Anwesenheit eine jüdische Deputation vom Großwesir empfangen wurde. Im Verlaufe der Unterhandlungen schlug damals Talaat Pascha die Entsendung einer Abordnung nach Konstantinopel vor, mit der die Regierung Richtlinien für ein zweckmäßiges Vorgehen vereinbaren würde. Er stellte jedoch dabei die Bedingung, daß diese Deputation aus Vertretern sämtlicher oder doch der meisten dem Problem des Ostjudentums sich widmenden jüdischen Organisationen in den Zentralstaaten zusammengesetzt sein solle, damit wirklich behauptet werden könne, daß die türkische Regierung mit einem Ausschuß des größten Teiles der mitteleuropäischen Jnbenheit verhandle. Die Verhandlungen mit der Regierung ans der einen, mit den jüdischen Organisationen auf der anderen Seite hat dann weiter Emanuel Carasso in Konstantinopel geführt. Die von diesem im Aufträge des Grohwesirs an die einzelnen Organisationen gerichtete Einladung enthielt u. a. folgenden — in seiner Fassung geradezu historische Bedeutung gewinnenden — Wortlaut: „Gemäß den Erklärungen Seiner Hoheit des Großwesirs gelegentlich des Empfanges der Vertreter jüdischer Organisationen zu Berlin am 23. Januar wäre die Kaiserlich Osmanische Regierung bereit, hinsichtlich, der Schaffung eines jüdischen Zentrums auf dem Wege einer wohlorganisierten Einwanderung und Kolonisation in Verhandlung zu treten." Einladungen waren ergangen an folgende Organisationen: „Vollzugsausschuß der jüdisch-orthodoxen Vereinigungen", „Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands (Viod)", „Zionistische Organisation", „Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation", „Oesterreichisches Komitee für den Orient". Gleich nach ihrer Ankunft in Konstantinopel begannen die Vertreter der verschiedenen Organisationen ihre Arbeiten damit, daß sie in einer Reihe von Beratungen sich auf ein gemeinsames Programm zu einigen suchten. Bei so stark divergierenden Auffassungen war dies gewiß keine leichte Aufgabe, und es könnte auch nicht behauptet werden, daß zumal bei der Kürze der Zeit die Ausgabe restlos gelöst wurde. Immerhin verdient es doch als erfreuliche Tatsache festgestellt zu werden, daß der Verständigungsgedanke erhebliche Fortschritte gemacht hat und daß die Abordnung in der Lage war, der türkischen Regierung ihre gemeinsamen Wünsche in summarischer Form zu unterbreiten. Wir schreiben diesen Erfolg der Judenheit gut: ein Erfolg, der hoffentlich nach innen seine guten Früchte tragen wird, wie auch immer nach außen die ganze Aktion verlaufen mag. Um über die einzelnen Strömungen genau unterrichtet zu sein, empfing der Großwesir zunächst die verschiedenen Gruppen in Sonderaudienzen. Am 14. Juli fand dann ein Gesamtempsang auf der Hohen Pforte statt, bei dem es zu einer allgemeinen Aussprache über die w ichtigsten Fragen kam. Die Verhandlungen betrasen zwei Gegenstandskomplexe: einen künftigen und einen gegenwärtigen, einen prinzipiellen und einen kasuellen. Man besprach Fragen der Einwanderung, der Kolonisation, des Bodenerwerbs sowie der kulturellen Entwicklung Palästinas nach Beendigung des Krieges. Daneben verhandelte man aber auch über die augenblicklichen Zustände in Palästina, die gerade während des Krieges vielfach häßliche Formen angenommen und für die dortigen Juden zum Teil unerträgliche Verhältnisse geschaffen haben. Was nun letzteren Punkt anbetrifft, so hat Talaat Pascha Remedur in weitestem Maße und ans schleunigstem Wege in Aussicht gestellt. Den: Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern hat er den Auftrag erteilt, eine eingehende Untersuchung einznleiten und für eine umfassende