Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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- 2 bleibt. Es muH dafür gesargt werden, daß jede jüdische WcnA und jedes uneheliche oder sonst sürsorgebedürstige Kind von Geburt an einen jüdischen Vormund (Pfleger oder Beistand) erhält, der die rechtlichen Interessen des Kindes wahrnimmt und für dessen allgemeine und religiöse Erziehung zu sorgen hat. Mit Rücksicht auf die Einheitlichkeit und Uebersicht für die praktische Arbeit sind die jüdischen Gemeinden aufgefordert worden, je eine Vertrauensp e r s o n zu benennen, mit der alle sich ergebenden einzelnen Fragen beraten werden können. Wie aus den bisher eingegangenen Zuschriften hervorgeht, hat die Anregung der Vormundschaftskommission lebhafte Befriedigung ausgelöst, und es steht zu hoffen, daß durch das Zusammenarbeiten der Gemeinden mit der Zentralwohlfahrtsstelle auf diesem Gebiete günstige Erfolge erzielt werden. In Anbetracht der Wichtigkeit, welche dem Ausbau des Vormundschaftswesens zukommt, soll in der am 1. September d. I. in Aussicht genommenen Tagung der Waisenhäuser, Erziehung san st alten und Stiftungen neben den Aufgaben der jüdischen geschlossenen Anstaltsfürsorge auch die offene Waisenfürsorge behandelt werden. Es ist beabsichtigt, als Ergebnis der Tagung eine Vereinigung der jüdischen Waisenhäuser, Erziehungsanstalten und Stiftungen ins Leben zu rufen, sowie die bisher bestehenden Kommissionen in eine Kommission für Erziehungswesen auszugestalten, in welcher alle Bestrebungen, die auf die Förderung der Jugendwohlfahrt Hinzielen, einmünden sollen. Es gehören hierher unter anderem die Bestrebungen des I ü d i s ch e n Frauenbundes, ein Heim für jüdische Knaben, die vor der Gefahr der Verwahrlosung stehen, ins Leben zu rufen. Der Jüdische Frauenbund ist an die Zentralwohlsahrtssielle mit dem Anträge herangetreten, dieser wichtigen Frage ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und seinen Plan zu fördern. Es werden die Vorfragen durch Verhandlungen zwischen dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und dem Jüdischen Frauenbund, sowie durch Erhebungen über die bereits bestehenden Einrichtungen ähnlicher Art gründlich geklärt, bevor der Plan der Oeffentlichkeit unterbreitet werden soll. Ferner soll im Zusammenhänge hiermit auf die wichtige Aufgabe hingewiesen werden, die unsere Organisation neuerdings übernommen hat, Lehrstellen für schulentlassene Knaben und Ai ä d ch e n in mittleren und kleinen Orten ausfindig zu machen, sowie P f l e g e st ellen für schulpflichtige Kinder in jüdischen Familien zu ermitteln. In beiden Fällen "handelt es sich um ein unabweisliches Bedürfnis, dem abzuhelfen dringende Pflicht ist. Es wird von der Zentralwohlfahrtsstelle an alle hierfür in Frage kommenden Organisationen, wie Verband der Handwerkervereine, Jüdischer Frauenbund, Verband der Arbeitsnachweise der Großloge, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Verband der Jugendvereine, Freie Vereinigung bzw. Agudas-Jisroel, Haupt stelle für Berufsberatung der Juden, Lehrerverband, herangetreten werden, um ein Verzeichnis der in Frage kommenden Stellen anzulegen und dadurch den Wünschen der Fürsorgekommission der Jüdischen Gemeinde 3u Berlin und anderer Körperschaften zu. entsprechen. In das Gebiet der jüdischen Jugendwohlsahrt gehören auch die Bemühungen der Zentralwohlfahrtsstelle, die auf eine Abänderung desGesetzent Wurfs zur Schaffung von Jugendämtern Hinzielen. In diesem vor einiger Zeit veröffentlichten Entwurf ist wohl die Hinzuziehung je eines Vertreters der evangelischen und katholischen Religionsgemeinschaft zu den Beratungen vorgesehen, nicht aber eines jüdischen Geistlichen. Es ist dies darauf zurückzusühren, daß nach der Ansicht des Ministeriums des Innern jüdische Fälle von Fürsorgeerziehung so selten sind, daß eine selbständige Vertretung der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht erforderlich erscheint und die vom Fürsorgeerziehungsgesetz vorgesehene obligatorische Vertretung des Geistlichen als ausreichend erachtet wird. Dies entspricht aber wohl kaum den tatsächlichen Verhältnissen, bestimmt trifft es nicht für Groß-Berlin zu, wo die Zahl der jüdischen Fürsorgefülle dauernd steigt und die ständige Mitwirkung eines Rabbiners dringende Notwendigkeit ist. Aber auch ganz abgesehen hiervon sprechen für die Berufung eines jüdischen Geistlichen Gründe der Organisation und der Parität. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat daher den Verband der Deutschen Juden veranlaßt, beim Ministerium des Innern wegen Abänderung des Gesetzentwurfs in dem von uns gewünschten Sinne vorstellig zu werden und ihm die zur Begründung der Eingabe notwendigen Unterlagen zur Verfügung gestellt. Wir hoffen, daß die Angelegenheit bald in günstigem Sinne zur Er-; kedigung gelangen wirb. Endlich sei noch zum Schluß auf einen die jüdische Oeffentlichkeit interessierenden Bescheid des Ministerium s f idr gerstliche undUnterrichtsangelegenheiten hingewiesen, welcher der Ientralwohlfahrtsstelle zugegangen ist. Es handelt sich hier um folgende Angelegenheit: Es ist vor längerer Zeit an uns die Aufforderung gerichtet worden» dahin zu wirken, daß den im Heeresdienstbefindlichenj irdischen S tu d i er e n de n die Möglichkeit verscha'fft wird, na ch Beendig«mg des Krieges ihre unterbrochenen Studien ohne wirtschaftliche S o r g e n zu Ende führen zu können. Es wurde geltend gemacht, daß die Ungewißheit über ihr zukünftiges Schicksal auf den Kriegern schwer lastet und daß die Befreiung hiervon dringend nötig sei. Aus der Erwägung heraus, daß es sich hier um eine Frage handelt, die nur im Rahmen der allgemeinen Fürsorge für Kriegsteilnehmer zu lösen ist, und daß seitens des Kultusministeriums dieser wichtigen Angelegenheit schon lange ein lebhaftes Interesse entgegengebracht wird, sind wir an den Minister für geistliche und Unterrichtsangelegenheiten mit der Bitte herangetreten, uns sobald als nröglich mitzuteilen, welche Vorkehrungen getroffen w erden, um den nach glücklicher Beendigung des Feldzugs heimkehrenden Studierenden die sorgenfreie Fortführung und Beendigung ihres St ud i ums zu ermöglichen. Auf unsere Eingabe ist uns nun am 16. Juli folgender Bescheid zugegangen: „Auf die Eingabe vom 4. Juni d. I. erwidere ich, daß an den preußischen Univers-itäten die Einrichtung von Ferienkursen und besonderen, neben dem gewöhnlichen Lehrplan des Semesters herlausenden Wiederholungs- und Ergänzungskursen für Kriegsteilnehmer vorbereitet wird, und daß diesen auch im übrigen jede mögliche Erleichterung gewährt werden wird. Ueber den Rahmen der bisherigen Verleihung von Stipendien, Freitischen usw. hinaus wird allerdings eine wirtschaftliche Unterstützung im allgemeinen nicht, in Frage kommen können, vielmehr wird diese der Privatfürsorge überlassen werden können." H. Ostvowo, 161. August. In diesen Tagen vollendete die Schriftstellerin Milka Weiß das 60. Lebensjahr. 1858 als Tochter des Kaufmanns M. W. Cohn zu Grätz geboren, veröffentlichte sie ihre ersten humoristischen Novellen in der „Posener Zeitung". Seit 1883 ist sie mit dem Kaufmann Benno Weiß in Ostrowo verheiratet, der vor einigen Wochen starb. Seit 1897 befaßt sie sich vorzugsweise mit einaktigen Lustspielen, die bereits mehrfach ausgeführt wurden. Seit 28 Jahren ist sie die Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins, seit 26 Jahren im Vorstande des Vaterländischen Frauenvereins. Der Jubilarin wurden mehrfache. Ehrungen zuteil. H. Mogilno, 16. August. Hier verschied der Fabrikbesitzer Isidor L ondon, Stadt ältester, im Alter von 67 Jahren. Die Trauerfeier fand in der Synagoge statt. Länger als 37 Jahre hat der Dahingeschiedene den städtischen Körperschaften als Stadtverordneter, Beigeordneter und Stadtverordnetenvorsteher angehört und sein reiches Wissen und feine rege Arbeitskraft unermüdlich in den Dienst der Stadt gestellt. Sein Wirken für das Gemeinwohl war getragen von seltener Selbstlosigkeit und Treue. Das Wohl und die Entwicklung seiner Heimatstadt ging ihm über alles; ihr hat er in vorbildlicher Weise die besten Kräfte eines Menschenalters geopfert. Die Bürgerschaft wird stets seiner in Treue dankbar gedenken. 8. Krone an der Brahe, 16. August. Unter überaus großer Beteiligung der hiesigen Bevölkerung wurden zwei Opfer der Eisenbahnkatastrophe auf der Ostbahn, Stadtverordneter Leo K r a k a u e r u n d d e s s e n z w ö l f j ä h r i g e Tochter, zur letzten Ruhe bestattet. Herr Gemeinderabbiner Dr. Nobel aus Schneidemühl hielt die Gedächtnisrede und am Grabe richtete Herr Hauptl-ehrer F r a n ke n st e i n Worte des Trostes an die Angehörigen. Die Gisenbahndirektion hatte den Geheimrat Berger zur Bestattung entsandt. — Breslau, 16. August. Durch das mutige Verhalten eines jüdischen Armierungssoldaten wurden drei Menschen vom Tode des Ertrinkens gerettet. Die „Breslauer Neueste Nachrichten" vorn 23. Jul't schildern unter der Uebevschrist „Eine aufregende Szene" den Vorfall folgendermaßen: „Eine aufregende Szene spielte sich« gestern um die fünfte Nachmittagsstunde am Oderufer in Morgenau in der Nähe des Wappenhofes ab. An einer stark verschlammten Buhne spielten einige Kinder. Dabei geriet ein Knabe in eine tiefgelegene Stelle und ging unter. Die Mutter des Kindes wollte ihren Jungen retten, brachte sich aber dabei selbst in Lebensgefahr und