Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Jahrgang Nr. 34 Berlin, 23. August 1918 Der Gemeindevote. Beilsge zur „Allxemetnen Lettuiig deß Judentums". SorrrlpatlvrnNn unü Kachrichten. SkMschland. fr fr Bevlin, 20. Auigust. Für den versto-rbenen V-orsitzenden des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, Kommerzienrat Heinrich Eisner, fand am Donnerstag, den 15. d. M., im größten Gottesh-ause Berlins, der Neuen Synagoge, eine Trauerfeier statt. Der schöne Ban trug würdigen Trauerfchmuck. Schwarze Teppiche, slorumschleierte Leuchter und Emporen gaben einen stimmungsvollen Rahmen für den fchwarzumhängten War, zu -dessen Füßen der blumenbedeckte Sarg stand. Das Gotteshaus wies einen großen- Besuch auf. Die Gemeindebehörden waren vollzählig erschienen, die großen jüdischen Organisationen durch Abordnungen vertreten. Der Synagolgenchor eröfsnete die Feier mit dem- Gesang von Kellermanns wehmütigem Enosch kechogir jomow, dairn hielt Rabbiner Dr. Weiße die Gedächtnisrede. Er zeichnete ein Lebensbild des Verstorbenen, dessen gesegneter Lebensweg im Zeichen der Arbeit stand!, und rühmte die hohen Gaben, die ihn auszeichneten, besonders seine unbestechliche Liebe für das Recht. Bei den Juden ist die Gerechtigkeit keine blinde Themis, die ein. unerbittliches Schwert führt, sondern eine Verbindung von Mlde und- Strenge, von Strafe und Güte. Die Arbeit war ihm Freude und Inhalt seines! Lebens. Selber klar und bestimmt >m seinen Anschauungen, hatte er -auch Achtung vor fremden Ueberzeugungen. Mt tiefem religiösen Empfinden hing er am Judentum, dem er mit der ganzen Wärme seines Herzens diente. Der Verstorbene förderte mit rastlosem Bemühendie Bildungsbestrebungen in der Gemeinde und stand den Wohlltätigtei tsa ns ballten immer mit Rat und Tat zur Seite. Sein Bild wird in der Berliner Gemeinde weiter leben und weiter wirken. Nach dieser Rede fang Oberkantor Klein Raffs ergreifendes Lied „Ach, was ist Leben doch so schwer", dann rief Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld dem toten Vorsitzenden die letzten Abschiedsgrüße des Gemeinde Vorstandes nach Heinrich Eisner war der geborene Führer für das weite Arbeitsfeld, das die Berliner Grotzgemeinde darstellt. Sein hoher Geist verstand es, bei allen Auseinandersetzungen über religiöse und politische Anschauungen und Bestrebungen in der Gemeinde einen Standpunkt über den Parteien anzunehmen, und war bemüht, j-ede Bewegung des Judentums, deren Berechtigung er anerkannte, zur Geltung zu briingen. Die Sache des Judentums war ihm heilig. Tie Hauptaufgabe -der Gemeinde sah er in der Erziehung der Jugend, die ihm am meisten am Herzen lag. Seine Mitarbeiter im Vorstand, di-e jetzt führerlos an seiner Bahre stehen, beklagen in ihm emen der Besten unserer Gemeinde und sagen ihm an dieser Stelle einen letzten Dank für seine Hingabe an sein Lebenswerk. Der Vorsitzende der Repräfentantenversammlung, Geheimer Regierungsvat Direktor Dr. Minden, gabden Gefühlen der Repräsentantenoersamm-lung Ausdruck. „Ein edler Mensch ist dahingegangen, der Liebe in reichem Maße ausgesät hat, d-essen höchster Ehrgeiz es war, anderen zu helfen und ihnen Gutes zu -erweisen. Der Tote war ein guter, überzeugter Jude in jedem Sinne und -ein guter Deutscher, der sein Vaterland mit opferbereiter Treue liebte." Nach dieser Ansprache -beendete ein Schlußgesang des Chores die synagogale Fei-er. Im feierlichen Zuge wurde der Sarg, dem Synagogendi-ener mit brennenden Kerzen vorauschritt-en, zum Bahrwagen getragen und nach Weißensee geleitet. Das Trauergesolge w-ar ungewöhnlich zahlreich. In der Alten- Gebethalle in Weitzensee wurde di-e religiöse Totenfeier vorgenommen. Rabbiner Dr. Warschauer nahm nochmals Abschied von dem verewigten Führer der Berliner Jüdischen, Gemeinde. Er würdigte besonders auch die menschlichen Eigenschaften des Entschlafenen, der allen, die mit ihm arbeiteten, auch menschlich nahe war, und schloß mit dem Gelöbnis, daß Eisners Andenken in den Herzen aller, die mit ihm in Berührung kanren, unvergänglich fortleben solle. — Nach den üblichen Gebeten sang der Weinbaumsche Chor ein weihevolles Schlußlied, dann wurde der Sarg im Erbbegräbnis beigesetzt. fr fr Berlin, 20. August. Am 16|. d. M. verstarb in Kolberg, wo er zur Erholung weilte, Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig. Die Berliner Gemeinde verliert in dem Verstorbenen einen beliebten Kanzelredner und Seelsorger, der allgemeine Verehrung genoß. Er war der älteste der in Berlin amtierenden Rabbiner. Dr. Rosjssnzweig, am 20. Oktober 1850 zu Turdossin in Ungarn geboren, hörte an der Berliner Universität philosophische Vorlesungen und promovierte 1875 mit einer Arbeit über die Bücher Esra und Nehemia. Gleichzeitig besuchte Dr. Rofenzweig die damals begründete Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, von der er als erster Absolvent die Rabbinerautorisation erhielt. Von Pasewalk, wo er sein erstes Rabbinat bekleidete, wurde Rosenzweig nach Birnbaum, dann nach Teplitz berufen. 1887 wählte ihn die Gemeinde Berlin als Nachfolger Frankls zu ihrem Rabbiner. Hier gewann er sich durch seine Kanzelberedsamkeit wie durch sein wohltätiges Wirken die Verehrung einer zahlreichen Gemeinde. Neben seiner seelsorgerischen Wirksameit entfaltete Dr. Nosenzweig eine erfolgreiche wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeit auf verschiedenen Gebieten jüdischer Wissenschaft. Unter seinen zahlreichen Arbeiten befinden sich viele wertvolle Beiträge zur Kulturgeschichte des jüdischen Stammes. Bon seinen Arbeiten aus geschichtlichem Gebiet ist besonders hervorzuheben «die Abhandlung „Der politische und religiöse Charakter des Flavins I o s e P h u S ", ferner eine Studie „ U e b e r das Jahrhundert nach dem babylonischen Exil", ein historisches Essay über „Jerusalem und Caesarea". In zahlreichen kleineren Schriften hat Rosenzweig, wertvolles Material über das soziale, religiöse und wirtschaftliche Leben der alten Juden zusammengetragen und so der jüdischen Archäologie interessante Anregungen gegeben. Am bekanntesten wurden seine Arbeiten „Geselligkeit und Geselligkeitssreuden in Bibel und Talmud", „Kleidung und Schmuck in biblischen und talmudischen Schriften", „Das Auge in Bibel und Talmud". Rabbiner Dr. Rosenzweig, hat bis zuletzt die zahlreichen Pflichten eines Rabbiners in einer Großgemeinde ausgeübt. Die Nachricht von seinem Tode hat in der Gemeinde tiefe Trauer hervorgerufen. Die Leiche wirdnach Berlin überführt werden. Ueber die Trauerfeier, die, wie wir hören, erst Ende dieser Woche stattsindet, werden wir in der nächsten Nummer berichten. Sf2 Berlin, 20. August. Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen aus dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, Biblische Geschichte, Hebräisch-, Jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswissenschaft. Gesuche um Zulassung zur Prüfung sindzu richten: An den Schub und Talmud- Thora-Vocftand der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird aus Ersuchen -ein Abdruck des Prüsungsreglements verabfolgt. fr$&fr Berlin, 20. August. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden sendet uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehenden Bericht: Aus unserem umfangreichen Arbeitsgebiet wollen wir der jüdischen Oeffentlichkeit dieses Mal nachstehende Punkte, die in der letzten Zeit Gegenstand eingehender Beratung und Bearbeitung gebildet haben, zur Kenntnis bringen. Es ist in erster Linie das so unendlich verzweigte Kapitel der I u g e n d w o h l f a h r t, welches in Sitzungen des Arbeitsausschusses, sowie in der Waisen- und Vormundschastskommisston nach theoretischen und praktischen Gesichtspunkten behandelt worden ist. Angesichts der schweren Gefahren, die der deutschen Judenheit durch Geburtenrückgang, Taufen, Austritt aus der Gemeinde und Mischehen erwachsen, hat die Vormundschaftskommission in einem Rundschreiben die jüdischen Gemein den auf ihre dringende Pflicht aufmerksam gemacht, für die jüdischen Kinder, vor allem für die Waisen, unehelichen, verlassenen, gefährdeten und verwahrlosten Kinder, ernste Fürsorge eintreten zu lassen. Die zu erfordernden Maßnahmen müssen sich auf das körperliche Gedeihen der sürsorgebedürstigen Kinder erstrecken, ihre g e i st i g e u n d s i t t l i ch e E r z i e h u n g ins Auge fassen, ihre r e ch tlichen Interessen wahr nehmen un-d vor allem d-asür Sorge tragen, daß der Nachwuchs d -e m Indent u m er halt e n